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Tour de France : Die Sehnsucht der Grande Nation

  • -Aktualisiert am

Sieg in Barcelona: Thor Hushovd Bild: AFP

Die vorerst letzte Flachetappe der Tour de France von Girona nach Barcelona hat der Norweger Thor Hushovd gewonnen. Die Franzosen fuhren hinterher - so wie sie es seit 24 Jahren gewohnt sind. Der letzte Gesamtsieg beim Heimspiel gelang Bernard Hinault im Jahr 1985.

          Bernard Hinault steht immer auf dem Podium, Tag für Tag. Er repräsentiert, er schüttelt Hände, und wer bei der Tour de France ins Rampenlicht rückt, kommt an Hinault nicht vorbei. Natürlich auch nicht der Norweger Thor Hushovd als Sieger der sechsten Etappe von Girona nach Barcelona. Nachdem Hushovd auf der Zielgeraden der 181,5 Kilometer langen und von starken Regenfällen geprägten Etappe im Massenspurt den Spaniern Oscar Freire und José Rojas sowie dem deutschen Milram-Profi Gerald Ciolek das Hinterrad zeigte, durfte er zu Hinault hinauf (siehe: FAZ.NET-Tour-de-France-Liveticker).

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Jeder Radprofi, der eine Etappe gewonnen hat oder eines der besonderen Trikots der Tour erhält, wie der weiterhin in der Gesamtwertung zeitgleich vor Lance Armstrong führende Schweizer Fabian Cancellara (siehe: Tour de France: Gesamtwertung), läuft der französischen Legende über den Weg, Hinault ist eine feste Größe bei der Tour. Er hat längst seine neue Rolle gefunden bei dem Rennen, das er selbst einst beherrscht hatte.

          Hinault siegte fünfmal bei der Tour, zuletzt 1985. Es ist ein bemerkenswertes Datum für den französischen Radsport, denn keiner seiner Protagonisten hat seither noch einmal die Tour de France gewonnen. Die Grande Nation muss sich inzwischen - fast ein Vierteljahrhundert nach dem letzten großen Auftritt von Hinault - mit kleinen Erfolgen bei ihrem sportlichen Nationalheiligtum bescheiden, wenigstens gibt es solche Momente noch.

          Plant Bernard Hinault (l., mit Prince Albert von Monaco bei einer Werbefahrt zum Tourstart) ein Comeback?

          Mangel an Leidenschaft?

          Der Mittwoch zum Beispiel war ein schöner Tag für die Franzosen, die die Tour weiterhin begeistert begleiten, trotz all der schmutzigen Affären im Radsport. Am Mittwoch bescherte der Elsässer Thomas Voeckler seinen Landsleuten zumindest ein kleines Glück, Voeckler selbst sprach in Perpignan vom schönsten Sieg seiner Karriere. Danach begegnete er Hinault, die beiden Franzosen lächelten einander zu, viel zu sagen hatten sie sich in diesem Augenblick nicht. Dabei würde es doch einiges zu besprechen geben, denn Hinault, der Champion von gestern, der heute für Begrüßungszeremonielle zuständig ist, hat die französischen Radprofis gerade hart kritisiert.

          Der Bretone war unmittelbar vor der Tour in die Offensive gegangen, er hatte offensichtlich das Bedürfnis, einige Dinge anzuprangern. So glaubt er, dass es den französischen Radprofis an Leidenschaft mangelt, Hinault unterstellt seinen Nachfolgern sogar eine Beamtenmentalität. Man müsse ihnen ein Messer an die Kehle setzen, um Ergebnisse zu bekommen, sagte Hinault. „Sie verdienen zu viel und strengen sich dafür zu wenig an.“ Das ließe sich natürlich ändern, der Mann aus der Bretagne schlägt vor, einen Teil des Gehaltes erst bei einem Sieg auszuzahlen. Hinault traut noch nicht einmal dem neuen französischen Nationaltrainer Laurent Jalabert zu, für frischen Schwung in der französischen Mannschaft zu sorgen. Ohne die nötige Qualifikation, lamentierte Hinault, dürfe er ein solches Amt eigentlich nicht übernehmen.

          Jemand wie Hinault ist nicht in Sicht

          Frankreich am Boden? So schlimm ist es keineswegs, wie sich am Mittwoch zeigte, als Voeckler nach einer langen Reise erstmals eine Etappe der Tour für sich entschied. Er war ja schon einmal Frankreichs Liebling, im Jahr 2004 hatte ihn eine Laune des Schicksals in das Gelbe Trikot fahren lassen. Voeckler verteidigte dieses Hemd tagelang, Frankreich nannte ihn wegen seines anrührenden Einsatzes nur noch den „Heiligen Kleinen Thomas“. Er hatte damals von einem Ausreißversuch profitiert, in Perpignan war das nicht anders. Im Bus seines Teams Bouygues Telecom floss kurz nach Voecklers Coup bereits der Sekt, die Kollegen des Elsässers waren sehr erleichtert. Immerhin könnte Voeckler für sich und seine Gefährten auch ein Stück Zukunftssicherung betrieben haben. Ob es mit dem französischen Rennstall weitergehen wird, ist nämlich noch ungewiss. „Die Tour ist ein Schaufenster“, sagt der 30 Jahre alte Voeckler. Er hofft nach seinem Erfolg auf Hilfe für seine Equipe.

          Die Sehnsucht der Franzosen aber nach einem Mann, der sich zum Patron der Tour aufschwingen könnte, wird so bald nicht zu erfüllen sein. Jemand wie Hinault ist nicht in Sicht, trotz einiger vielversprechender Profis wie Romain Feillu. Mancher sieht die Flaute auch im Jahr 1998 begründet, als die französischen Fußballspieler Weltmeister geworden waren. Danach, heißt es, sei die Jugend auf Distanz zum Radsport gegangen.

          Das Podium wird nur Hinault erreichen

          Somit können die Franzosen bei der Tour nur darauf setzen, dass einer ihrer Profis - wie Voeckler in Perpignan - sein Heil in der Flucht suchen kann. Und zumindest an einem Tag aus der Masse herausragt. Dass dies am Freitag geschehen wird, wenn das Peloton die Skistation Andorra-Arcalis ansteuert, ist allerdings unwahrscheinlich. Die Tour hatte dort letztmals 1997 Station gemacht, und auf dem Weg zum Gipfel hatte noch der Franzose Cedric Vasseur das Gelbe Trikot getragen.

          In Andorra aber hatte er es an Jan Ullrich abgeben müssen. Bei dieser ersten Bergprüfung 2009 wird ein erster Schlagabtausch der Tour-Favoriten erwartet, vielleicht wird es sogar zu einem innerbetrieblichen Duell der Astana-Fahrer Lance Armstrong und Alberto Contador kommen. Aber die Franzosen werden ja doch wieder an exponierter Stelle vertreten sein, auf alle Fälle. Durch Hinault, der stets seine Honneurs macht und manchmal nörgelt. Auf ihn zumindest ist immer Verlass.

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