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Tour de France : Der Winokurow von gestern

  • -Aktualisiert am

„Ich will nicht das einzige Ziel für alle Krankheiten des Radsports sein”: Alexander Winokurow Bild: dpa

Alexander Winokurow war gesperrt. Nun gewinnt er wieder - und gibt sich als Sünder ohne Reue. Zwar wendet sich mancher mit Grausen ab. Für die Tour ist er kein ungebetener Gast. Das zeigt die Verlogenheit in der Branche.

          3 Min.

          Am Sonntag war Alexander Winokurow schon wieder flott unterwegs, diesmal allerdings nicht in eigener Sache. Er spannte sich beim ersten Abstecher der Tour de France in die Pyrenäen vor Alberto Contador, als Helfer des Spaniers im Duell mit Andy Schleck. Erst etwa viereinhalb Kilometer vor dem Ziel ließ der Kasache, Etappensieger vom Samstag, sich zurückfallen - Contador musste die Angelegenheit danach selbst regeln.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Auf dem steilen Anstieg nach Ax-3-Domaines, wo der Franzose Christophe Riblon als Erster ankam, konnte der Kapitän des Teams Astana seinen luxemburgischen Rivalen aber nicht abschütteln. Schleck wurde Vierter, Contador Siebter, der Luxemburger behielt damit das Gelbe Trikot mit einem Vorsprung von 31 Sekunden vor dem Spanier.

          Der Schlagabtausch der beiden wird weitergehen, auch Winokurow hat damit noch einiges zu tun. Der Kasache ist zwar schon 36 Jahre alt, er scheint aber immer noch über eine Menge Energie zu verfügen, zu sehen auch am Samstag in Revel, Da hatte sich der Kompagnon von Contador eindrucksvoll zurückgemeldet bei der Tour. So hatte man ihn schon früher erlebt - angriffslustig, kraftvoll, ein Kämpfer vor dem Herrn. Da war er also wieder: der Winokurow von gestern. Er lauerte auf eine günstige Gelegenheit, er griff entschlossen zu, und niemand konnte ihm folgen - Solo für Winokurow, der wegen Fremdblutdopings zwei Jahre lang seinen Beruf nicht hatte ausüben können.

          Natürlich redet der Kasache nicht gerne über die Vergangenheit. Er geriert sich ohnehin als Sünder ohne Reue. Schon vor einiger Zeit hatte Winokurow in einer öffentlichen Erklärung seine spezielle Sicht der Dinge erläutert. Der Radsport müsse doch nicht all die schmutzigen Geschichten aufwärmen, ließ er damals wissen. „Ich will nicht das einzige Ziel für alle Krankheiten des Radsports sein.“ Winokurow war zwischen 2007 und 2009 gesperrt gewesen, und es ist eine sonderbare Fügung, dass der Kasache - eine prägende Figur der alten Generation von Rennfahrern - jetzt wieder glänzend dasteht.

          Tony Martin etwa wendet sich mit Grausen ab

          Alles beim Alten? Mancher Profi immerhin wendet sich mit Grausen ab. Das trifft beispielsweise auf den Deutschen Tony Martin zu, der am Samstag mit wenigen Worten deutlich gemacht hatte, was er vom Comeback Winokurows hält. „Kein Kommentar“, sagte er knapp über den Auftritt des alternden Kollegen auf der dreizehnten Etappe der Frankreich-Rundfahrt.

          Vor kurzem war Martin noch ein bisschen redseliger gewesen. Zum Fall Winokurow sagte er damals: „Ich kann die Leistung von Leuten, die dem Radsport so geschadet haben, nicht akzeptieren.“ Für den Schweizer Profi Thomas Frei, der unlängst selbst positiv auf Epo getestet worden war, ist das muntere Treiben des Kasachen in dieser Saison ein Beleg dafür, dass die Verlogenheit in der Branche weiter ihre Kreise ziehe.

          „In welchem Land wird man zweimal bestraft?“

          „Als Winokurow bei der Tour de France überführt wurde, fluchte das ganze Feld über ihn“, sagte Frei der „Neuen Zürcher Zeitung“. „Ich hörte schlimme Dinge. Als er jetzt zurückkehrte und kürzlich ein Zeitfahren gewann, gingen ganz viele Fahrer zu ihm und klopften ihm auf die Schultern.“ Tatsächlich gehen manche Vertreter der Zunft sehr gelassen mit der Personalie Winokurow um.

          Zu ihnen gehört Gerry van Gerwen, niederländischer Besitzer des Teams Milram. Für ihn stellt der Kasache keineswegs eine Reizfigur dar, er sieht in ihm vielmehr einen Profi mit ausgeprägten Fähigkeiten. „Er fährt gut“, sagte van Gerwen am Samstag, und auf die Bemerkung, dass Winokurow doch in der Kritik stehe, reagierte der Niederländer ein wenig barsch. Davon wisse er nichts, und überhaupt: „In welchem Land wird man zweimal bestraft?“

          Er kommt jetzt alleine zurecht - sagt Winokurow

          Winokurow ist auf alle Fälle wieder dick im Geschäft. Beim Giro d'Italia trug er das Rosa Trikot, im April hat er den Klassiker Lüttich-Bastogne-Lüttich gewonnen. Auch damals hatte er sich unangenehmen Fragen stellen müssen. Nicht zuletzt wegen einer Reise nach Teneriffa, wo er sich zu Übungszwecken aufgehalten hatte. Winokurow musste sich dazu äußern, weil inzwischen auch einige andere schlecht beleumundete Herren die Kanarische Insel für sich entdeckt haben.

          Jedenfalls wird erzählt, dass dort jetzt die Ärzte Eufemiano Fuentes und Michele Ferrari, die eine spezielle Beziehung zum Radsport haben, ihrem Broterwerb nachgehen. Er sei nicht bei Ferrari gewesen, behauptete Winokurow, der einst mit dem umstrittenen italienischen Mediziner zusammengearbeitet hatte; dabei soll es ausschließlich um Trainingsmethodik gegangen sein. Aber einen solchen Partner braucht der Kasache ja nun angeblich nicht mehr. Er komme alleine zurecht, sagte Winokurow mit Hinweis auf seine große Erfahrung als Rennfahrer. Er stürzt sich nun einfach in die Zukunft - und versucht, Zweifel an der Lauterkeit seines Unterfangens zu zerstreuen.

          „Winokurow hat einen Fehler begangen und bezahlt“

          „Ich wollte allen zeigen: ,Wino‘ ist zurück“, sagte der kasachische Volksheld. Und noch etwas will er angeblich demonstrieren: dass man nämlich mit harter Arbeit erfolgreich sein könne. Das sei, so lautet Winokurows erstaunlicher Zusatz, immer seine Devise gewesen: „Ich lege meine Hand auf's Herz.“

          Für die Tour ist er jedenfalls alles andere als ein ungebetener Gast. „Winokurow hat einen Fehler begangen und dafür bezahlt“, sagte Tour-Direktor Christian Prudhomme. Willkommen zurück somit im Club - und eifrig tritt Winokurow wieder in die Pedale, zum Wohl Kasachstans und natürlich auch Spaniens. Er will ja in den Pyrenäen weiter ein treuer Diener Contadors sein. Der Spanier weiß schon, was er an Winokurow hat.

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