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Tour-de-France-Sieger : Der gelbe Hai Vincenzo Nibali

Am Ziel: Vincenzo Nibali Bild: AP

Er zeigt sich als Meister seines Fachs: Der Italiener Vincenzo Nibali gewinnt die Tour wie ein Alleinherrscher und wehrt auch Angriffe auf seine Redlichkeit ab. Nicht jeden kann er überzeugen.

          3 Min.

          Paolo Slongo ist ein Mann mit einer gewissen Fülle, es war ihm trotzdem nicht schwer gefallen, Christopher Froome zu imitieren. Er setzte sich einfach auf einen Motorroller, in seinem Schlepptau Vincenzo Nibali, auf einem Rad natürlich. Slongo, der Trainer, mimte am Berg den Briten Froome, er inszenierte auf seinem Gefährt Attacken, und sein Schüler Nibali musste nach Lösungen suchen. Es erfordert keine allzu große Vorstellungskraft, dass dies den Sizilianer Nibali einige Anstrengungen gekostet haben muss, es war ein ungewöhnliches und intensives Übungsprogramm.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Und gewiss eine lohnende Angelegenheit, auch wenn Froome dann, als es darauf ankam, als die Tour de France rollte, von einem Tag auf den anderen das Feld hatte räumen müssen, und später auch dem Spanier Alberto Contador dieses Schicksal widerfuhr. Und Nibali plötzlich der Alleinherrscher war, ein Radprofi ohne einen wirklichen Konkurrenten. Der Italiener hat die 101. Tour nach Belieben dominiert, er entpuppte sich in jedem Gelände beweglich und flexibel, als ein Meister seines Fachs, er trug fast immer das Gelbe Trikot.

          Am Sonntag stillte der 29 Jahre alte Radrennfahrer aus Messina, genannt „der Hai“, in Paris endgültig seine Sehnsucht und die seiner Landsleute. Er hat nun alle großen Rundfahrten gewonnen, die Tour, den Giro d‘Italia, die Vuelta. Er rückte jetzt nicht nur sich und Italien in gleißendes Licht, sondern auch Kasachstan und den früheren Doper Alexander Winokurow, der das Team Astana leitet, bei dem Nibali ein üppiges Gehalt bezieht, angeblich drei Millionen Euro im Jahr.

          Nibali ist sein Geld wert, er hat das in den vergangenen drei Wochen eindrucksvoll bewiesen. Er vergrößerte seinen Vorsprung von Etappe zu Etappe, er lag schließlich fast acht Minuten vor dem Zweiten, dem in die Jahre gekommenen Franzosen Jean-Christophe Peraud. Und Nibali hatte früh seine Ausnahmestellung dokumentiert, er wartete nicht auf das Gebirge, um seine Gegner zu distanzieren, er versetzte ihnen vom Start weg entscheidende Stiche, er griff mutig und zielstrebig an, ohne dabei über seine Grenzen zu gehen.

          Gratuliert wird schon während der Fahrt auf der letzten Etappe

          Ein Mann auf einsamer Höhe. Und zwangsläufig auch ein Radrennfahrer, der sich der Diskussion stellen muss, wie solche Leistungen zu erklären sind, über die akribische Vorbereitung auf dem Rad hinaus. Es gibt äußerst harsche Stimmen dazu, zum Beispiel von dem Heidelberger Molekularbiologen Werner Franke, der von der Deutschen Presse-Agentur mit den Worten zitiert wird: „Der Rennstall Astana kommt aus einem korrupten Land und wird von einem der korruptesten Fahrer der jüngeren Zeit geführt. Das ist eine Bande krimineller Täter. Wer dem Radsport diesmal glaubt, muss bescheuert oder ein hartnäckiger Lügner sein.“ Es handelt sich dabei um eine allgemeine Einschätzung, konkrete Verfehlungen sind Nibali nicht vorzuwerfen.

          Nibali selbst hat am Samstagabend, konfrontiert mit Fragen zu Schattenseiten seines Genres, knappe Antworten gegeben. Als jemand von ihm wissen wollte, ob er jedermann in die Augen schaue könne, ob er sagen könne, dass er seinen Sport sauber betreibe, entgegnete der Nachfolger von Froome: „Soll ich jetzt von meinen jahrelangen Entbehrungen berichten, denen ich mich unterworfen habe, um so weit zu kommen?“ Und der Champion ließ noch wissen, dass er rein gar nichts gegen mögliche spätere Untersuchungen seiner eingefrorenen Blutproben habe und sein Gelbes Trikot wahrscheinlich auch den schärferen Kontrollen im Radsport und der Einführung des Blutpasses verdanke.

          In Formationsfahrt nach Paris: Tour-Sieger Nibali inmitten des Astana-Teams

          Nibali war nicht zu fassen. Er bewegte sich bei der Tour in einer eigenen Welt, ohne jedoch abgehoben zu wirken. Das ist ein Charakterzug, der ihm - neben seiner außerordentlichen sportlichen Qualität - eine Menge Sympathien in seiner Heimat einbringt. Nibali, heute ein Großverdiener mit Wohnsitz in Lugano im Tessin, stammt keineswegs aus begütertem Haus, seine Eltern betreiben in Messina ein Gemischtwarengeschäft. Er war längst noch nicht 18, als er aus seiner gewohnten Umgebung ausbrach, als er in die Toskana ging, um Radrennfahrer zu werden.

          Sein Talent offenbarte sich schnell, Nibali bekam einen Profivertrag bei Fassa Bortolo, danach fuhr er für das Team Liquigas, seit 2013 steht er in kasachischen Diensten. Der italienische Sportdirektor Giuseppe Martinelli, der schon Marco Pantani, den Tour-Sieger von 1998 betreut hatte, soll Winokurow überredet haben, Nibali zu verpflichten und das schlecht beleumundete Team Astana italienisch zu prägen. Der Umgang mit Nibali war allerdings nicht immer leicht, sein Coach Slongo scheut sich nicht, davon zu erzählen. Er hatte Nibali überzeugen müssen, die Dinge konsequent anzupacken und auf ihn zu hören - hätte Nibali das nicht akzeptiert, wäre die Beziehung wohl zerbrochen.

          Dem großen Ziel so nahe: Nibali in Paris

          Der Sizilianer lässt sich gerne vom Moment leiten, vom Instinkt, und er nimmt schon mal Anleihe bei Leonardo da Vinci: „Das wahre Wissen kommt immer aus dem Herzen.“ Ja, Nibali und der Radsport, eine leidenschaftliche Geschichte, jetzt auch ein italienisches Sommermärchen, die Nation ist ganz aus dem Häuschen. Die „Gazzetta dello Sport“ sieht in Nibali einen „Sonnenkönig“, sie schreibt von einer „Demonstration der absoluten Macht“.

          Der „Corriere dello Sport“ glaubt, eine „Heldentat aus einer anderen Zeit“ zu erkennen. Die französische Zeitung „L‘Equipe“ widmet sich auch Nibalis Familie, angeblich sprach sie mit seiner Mutter, die auf ihren Sohn selbstverständlich nichts kommen lässt. Und betont, dass er niemals zu Betrügereien in der Lage wäre. „Unmöglich, das täte er nie. Er dürfte nie wieder einen Fuß auf Sizilien setzen.“ Oh, Italien! Und welche Blüten im Juli!

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