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Tour de France : Das große Fressen

Hungern muß keiner mehr Bild: dpa

Das Sättigungsgefühl überlisten: Schaufeln, schlingen, stopfen. Bei der Tour ist der Radprofi, was er ißt. In den Pyrenäen an diesem Samstag verbrauchen Ullrich und Co etwa 9.000 Kalorien. Soviel kann niemand essen. Obwohl sie es versuchen.

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          Bitte nicht stören! Bei der Raubtierfütterung sind die Tour-de-France-Fahrer lieber allein. In einem Affenzahn schaufeln sie das Essen in sich hinein, Nudeln und Reis mit leckerer Soße, Fleisch, Fisch und allerhand Beilagen, dann noch schnell ein großes Stück Obstkuchen, Joghurt und was sonst noch alles hineingeht in den hochtrainierten Magen.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          „Wer mit einem Radrennfahrer am Tisch sitzt und aus der gleichen Schüssel schöpfen soll“, sagt Lothar Heinrich, der Mannschaftsarzt des T-Mobile-Teams, „der steht hungrig wieder auf.“ Sie müssen schlingen, um das Sättigungsgefühl zu überlisten, das sich erst mit Verzögerung einstellt. Und danach großes Magendrücken? Fehlanzeige. Auch Essen und Verdauen ist eine Leibesübung für die Profis, und sie beherrschen sie genauso wie das Bergfahren oder die windschlüpfige Haltung. Und doch sind viele von ihnen so dünn wie Spargel und manche, wie der T-Mobile-Fahrer Andreas Klöden, schon beinahe wie Strichmännchen.

          Mit einem Körpergewicht von 63 Kilogramm bei einer Größe von 1,83 Meter ist der letztjährige Gesamt-Zweite in die Tour gestartet. „Einem Kannibalen“, sagt ein ernährungsbewußter Beobachter, „müßte das Wasser im Mund zusammenlaufen beim Anblick des Pelotons: nur mageres Fleisch.“ Lediglich die Sprintspezialisten, die sich der Kraft und Aerodynamik verschrieben haben, bringen ein paar anständige Kilos auf die Waage.

          Wasser marsch!
          Wasser marsch! : Bild: dpa/dpaweb

          Die Bergfahrer jedoch müssen leicht sein. Deshalb zählt das T-Mobile-Team jetzt, da die Pyrenäen sich vor dem Troß erheben, auch verstärkt auf Klöden. „Er ist im Vorteil gegenüber den beiden anderen“, sagt Heinrich. Die beiden anderen, das sind Jan Ullrich und Alexander Winokurow, der eine mit 75 Kilogramm Körpergewicht bei 1,83 Meter, der andere mit 69 Kilogramm bei 1,73 Meter.

          Hartes Training und reglementiertes Essen

          Das sind aber nicht die entscheidenden Zahlen. Magische Größe ist das Leistungsgewicht, ausgedrückt in Watt pro Kilogramm, gemessen an der anaeroben Schwelle, dem Übergang von der Ausdauer- zur Spitzenbelastung. Erstrebenswerter Wert für einen Top-Rennfahrer ist etwa 6. Dafür muß er schuften. Er erreicht ihn - von der pharmakologischen Grauzone einmal abgesehen - durch hartes Training und reglementiertes Essen. Das bedeutet für Jan Ullrich, daß er nach dem streßfreien Winter, in dem er gerne ordentlich Speck ansetzt, stark abnehmen muß. „Er schafft es am besten, indem er die Trainingsintensität deutlich steigert“, sagt Heinrich.

          Glücklicherweise setze ein Radprofi im Training eine hohe Kalorienzahl um, etwa 3.000 bis 4.000, so daß man leicht ein Energiedefizit herbeiführen könne. Das Einsetzen von Abmagerungspulver oder Radikalkuren hält er nicht für sinnvoll. Das eine führt unweigerlich zu einem Jo-Jo-Effekt, das andere kostet Substanz und schwächt das Immunsystem. Haben also Jan Ullrichs regelmäßige Frühjahrs-Infekte mit dem intensiven Abnehmen zu tun? „Mag sein“, sagt Heinrich. „Allerdings sind andere Fahrer auch manchmal erkältet, nur wird das in der Öffentlichkeit nicht registriert.“

          Hungern muß keiner mehr

          Ullrich und Klöden sind zum Tour-Start am 2. Juli nach Heinrichs Angaben mit dem Leistungsgewicht von zirka 6,0 gestartet. Da wirkt der Wert von 6,7, der vom Turbo-Texaner Lance Armstrong gemeldet wird, geradezu monumental. Doch Heinrich wird trotzdem nicht blaß: „Er legt seiner Meßmethode einen anderen Schwellenwert zugrunde. Nach unseren Maßstäben schätze ich ihn auf 6,2 oder 6,3.“ Vom Perfektionisten Armstrong ist im übrigen überliefert, daß er sich im Training sein Essen unter Zuhilfenahme einer Waage selbst rationiert. „Er wird schon satt“, behauptet Heinrich. Erst nach seiner Krebserkrankung wurde der Amerikaner zum sehnigen Ausdauerleister. Vorher hatte er den massiven Körper eines Footballspielers und war eher für Erfolge bei Eintagesrennen gut.

          Die Qualen, die die Radprofis nach zwei Tour-Wochen durchstehen, mögen groß sein. Jan Ullrich etwa leidet immer noch heftig unter seiner Rippenprellung, die ihn bei jedem tiefen Atemzug schmerzt. Hungern aber muß keiner mehr. Auf den beiden Pyrenäen-Etappen an diesem Samstag und am Sonntag werden sie jeweils etwa 9.000 Kalorien verbrauchen. So viel kann niemand essen.

          Der gute Esser hat einen Vorteil

          Obwohl sie es natürlich versuchen: mit Müsli, Brot, Spaghetti und Omeletts am Morgen. Mit Törtchen, Apfelkuchen, Energieriegeln am Start. Mit Reiskuchen, Brötchen mit Frischkäse und Honig und Power-Gels unterwegs. Mit süßer Limonade, Bananen, Joghurt und Quark im Ziel. Mit Müsli vor der Massage. Und mit dem orgiastischen Abendessen. Infusionen bringen zu wenig Nährwert. Da helfen zur Regeneration nur Flachetappen und Ruhetage. Hier hat Ullrich, der gute Esser, einen großen Vorteil. „Er regeneriert sehr schnell“, sagt der Team-Doktor.

          Insgesamt verlieren die Fahrer während der drei Tour-Wochen nur etwa zwei Kilo. Doch man sieht es. Nach den Alpenetappen wurden ihre Nasen spitz, die Wangenknochen treten seither noch stärker hervor, die Ohren wurden wächsern und stehen stärker ab. Der Anstieg nach Courchevel, der Madeleine, der Telegraphe und der Galibier haben das Fett weggebrannt, das ihre Gesichter weich machte.

          Wer jetzt ein Magenproblem bekommt, ist verloren. Auch der Radrennfahrer ist also, was er ißt. Und der ehemalige Radrennfahrer auch. So wurden Eddy Merckx und Miguel Indurain - physisch ein ähnlicher Typ wie Jan Ullrich - nach Ende der Laufbahn erst einmal sehr dick. Doch heute sind sie beide wieder schlank. Als Tour-Altmeister muß man schließlich die Form wahren.

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