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Tour de France : Armstrongs letzter Angriff

Sieger des Tages: Sylvain Chavanel fährt ins Gelbe Trikot Bild: REUTERS

Frankreich hat die Nase voll von der Fußball-WM - da kommt die 97. Tour de France mit dem heutigen Etappensieger und neuen Träger des Gelben Trikots, Sylvain Chavanel, gerade recht. Doch die Wahrscheinlichkeit neuer Skandale ist immer gegeben. Eine Bestandsaufnahme von Rainer Seele.

          3 Min.

          Wie anspruchsvoll ist die 97. Tour de France?

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Die 3650 Kilometer durch die Niederlande, Belgien und Frankreich haben es in sich: Gleich vier Etappen führen - in der dritten Woche - durch die Pyrenäen, zweimal muss dabei der legendäre Tourmalet erklommen werden. Es ist also das Jahr der Pyrenäen - gedacht als eine Hommage an diese Berge, die erstmals vor 100 Jahren zur Tour-Strecke gehörten. Gefahr lauert aber schon viel früher: auf der dritten Etappe am Dienstag, die in den französischen Norden führt - über sieben Kopfsteinpflaster-Passagen. Dieser Programmteil ist umstritten, die Rennfahrer fürchten Stürze. Einen solchen erlitt schon heute einer der großen Tourfavoriten: Andy Schleck musste nach einem von mehreren schweren Massenstürzen von seinem Bruder Franck und vom deutschen Profi Jens Voigt wieder ans Hauptfeld herangefahren werden und wird wie einige andere Fahrer am Dienstag mit Schmerzen an den Start gehen. Die belgische Etappe von Brüssel nach Spa gewann unterdessen Sylvain Chavanel, der auch das Gelbe Trikot des Gesamtführenden vom Prologsieger Fabian Cancellara übernahm. (siehe auch: Tour de France: Die Etappe des Tages und Tour de France: Gesamtwertung)

          Kann Alberto Contador zum dritten Mal nach 2007 und 2009 die Tour gewinnen?

          Der Spanier, der nicht den besten Leumund hat, steht in der Hierarchie des Pelotons ganz oben. Fühlt sich gereift nach den Turbulenzen im vergangenen Jahr, als er sich beim Team Astana im internen Duell gegen Lance Armstrong durchsetzte. „Was ich letztes Jahr vor allem gewonnen habe, ist Erfahrung“, sagt er. Contador gilt als stärkster Kletterer im Feld, seine Mannschaft allerdings wurde umgebaut. Der Spanier glaubt, dass alle Gefährten loyal zu ihm stehen, auch der Kasache Alexander Winokurow, Doping-Sünder, Rückkehrer und Vertreter der alten Garde.

          Raus aus dem Gelben: Fabian Cancellara

          Wer sind Contadors größte Herausforderer?

          Vermutlich die luxemburgischen Brüder Andy und Frank Schleck, deren großer Trumpf die Familien-Allianz sein soll. Allerdings gab es um die beiden Profis Unruhe vor der Tour: Die Schlecks werden das Team Saxo-Bank von Bjarne Riis verlassen und vermutlich zu einer neuen luxemburgischen Equipe wechseln. Ein Störfall, über den während der Tour nicht geredet werden soll.

          Was ist von Armstrong sportlich zu erwarten?

          2009, im Jahr seines Comebacks, war der Texaner Dritter. Inzwischen ist er bei RadioShack zwar wieder Kapitän, allerdings wird Armstrong bald 39 Jahre alt - das dürfte seine Spuren hinterlassen. Der Amerikaner, der wieder einmal seine Abschiedsvorstellung bei der Tour geben will, zeigte in dieser Saison wechselhafte Leistungen, behauptet aber, in einer besseren Verfassung zu sein als im vergangenen Juli.

          Muss Armstrong wegen der Doping-Vorwürfe von Floyd Landis Sanktionen während der Tour befürchten?

          Wahrscheinlich nicht, die Untersuchungen der amerikanischen Ermittler werden sich wohl noch eine Weile hinziehen. Der Öffentlichkeit lieferte Landis gerade wieder neue Details über Doping-Praktiken. Er sagte, dass sein ehemaliger Arbeitgeber US Postal den Profis sogar Rennräder vorenthalten habe - sie sollen verkauft worden sein, um das Doping-Programm des Teams zu finanzieren. Landis beschrieb zudem, wie er, Armstrong, und andere Teammitglieder während der Tour 2004 Bluttransfusionen bekamen. Der Bericht, erschienen im „Wall Street Journal“, trug die Überschrift „Blutsbrüder“. Die Reaktion von Armstrong? Natürlich ein Dementi. Falsche Anschuldigungen, lamentierte er. Und: „Landis' Glaubwürdigkeit ist wie eine Tüte saurer Milch. Hat man den ersten Schluck genommen, weiß man, dass der Rest auch schlecht ist.“ Die Jäger in den Vereinigten Staaten sehen das womöglich anders.

          Wie steht die Tour zu Armstrong?

          Sie empfängt ihn, obwohl er am Pranger steht, offensichtlich mit Wohlwollen - die Tour möchte sich ihr lukratives Geschäft partout nicht vermiesen lassen. Tour-Direktor Prudhomme preist einerseits den „taktischen Scharfsinn“ des Amerikaners. Dazu ist er für ihn schlichtweg ein Mann, „der der Tour eine Dimension gibt, die über den Sport hinausgeht“.

          Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit neuer Skandale?

          Sie ist, weil der Radsport sich nicht grundsätzlich gewandelt hat, immer gegeben - auch wenn mancher Beobachter unmittelbar vor dem Tour-Start eine „paradiesische Ruhe“ festgestellt haben will. Am Freitag übrigens strich das Cervelo-Testteam den Spanier Xavier Florencio aus seinem Tour-Aufgebot: Er hatte, angeblich wegen Sitzbeschwerden, ein ephedrinhaltiges Medikament eingenommen. Eine Mannschaft, man kennt das, betrachtet so etwas als Einzelfall.

          Wie funktionieren die Doping-Kontrollen bei der Tour?

          Der Internationale Radsportverband (UCI) und die französische Anti-Doping-Agentur (AFLD) sind sich zwar nicht grün, trotzdem wollen sie kooperieren. Die UCI führt die Doping-Tests durch, die AFLD soll ihr mit ihren Kontakten zu Polizei und Zoll zur Seite stehen. Die Welt-Antidoping-Agentur schickte Beobachter zur Frankreich-Rundfahrt. Reibungen unter den Partnern sind aber nicht auszuschließen. Von einem wirklich dichten Kontrollnetz dürfte nicht die Rede sein.

          Welche Rolle können die deutschen Profis spielen?

          Tony Martin, Aufsteiger des vergangenen Jahres, ist ein Kandidat für das Weiße Trikot des besten Jungprofis. Er lebt inzwischen in Kreuzlingen in der Schweiz, will sich dort als Radprofi weiterentwickeln. Jan Ullrich wohnt gleich in der Nähe, Martin hat ihn aber noch nicht getroffen - möglicherweise kein Versäumnis. Das Team Milram setzt auf Sprinter Gerald Ciolek, der es allerdings schwer haben wird, an Mark Cavendish vorbeizukommen.

          Ist die Faszination der Tour ungebrochen?

          Ach, schauen Sie sich doch um, sagen die Protagonisten des Radsports: Begeisterung allerorten, Hunderttausende, ja Millionen an den Strecken, vive le Tour! Außerdem liegt der Fußball am Boden in Frankreich, da kommt der Radsport gerade recht, ist ja doch immer wieder ein prächtiges Spektakel. Es kommt nur auf den Blickwinkel an.

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