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Tour de France : Andy Schleck denkt schon über Paris hinaus

  • -Aktualisiert am

Zweikampf am Tourmalet: Alberto Contador ließ sich von Andy Schleck nicht abschütteln Bild: AP

Beim Einzelzeitfahren an diesem Samstag hat Andy Schleck noch eine theoretische Chance auf das Gelbe Trikot, aber er wird sich wohl Alberto Contador noch beugen müssen. Daher richtet sich der Blick des Luxemburgers schon voraus.

          3 Min.

          Die Herren wirkten sehr entspannt trotz der Strapazen, die gerade hinter ihnen lagen. Vielleicht lag das ja auch an der Anwesenheit des Präsidenten, der ebenfalls auf den Tourmalet gekommen war, um der Tour de France die Ehre zu erweisen und ihren Protagonisten. Nicolas Sarkozy ist offenbar ein glühender Verehrer der Tour, und die Rennfahrer, die neben ihm standen, pries er allesamt als große Champions.

          Rainer Seele
          Sportredakteur.

          Also Alberto Contador, der sehr wahrscheinlich an diesem Sonntag zum dritten Mal die Tour gewinnen wird. Ebenso Andy Schleck, der wohl wieder Zweiter werden wird. Und nicht zuletzt Lance Armstrong, der nun zwar nicht Abschied vom Radsport, aber doch von der Tour nehmen wird. Auch auf ihn war Sarkozy in den Pyrenäen mit offenen Armen zugegangen, obwohl der Amerikaner doch – gelinde gesagt – nicht den besten Leumund hat. Aber damit befasste Sarkozy sich überhaupt nicht, die Begegnung mit Armstrong schien ihm zu gefallen.

          Es war ein Gruppenbild mit Männern, die unterschiedliche Geschichten schreiben – und teilweise auch sehr erstaunliche. Das bemerkenswerteste Stück in diesen Tagen produzieren, sportlich betrachtet, vor allem Contador und Schleck – es geht dabei um die Frage, was acht Sekunden im Radsport, bei einem Rennen von mehr als 3600 Kilometern Länge, wert sein können.

          Was sind schon acht Sekunden nach einer Rundfahrt über 3600 Kilometer?
          Was sind schon acht Sekunden nach einer Rundfahrt über 3600 Kilometer? : Bild: AFP

          Contador im speziellen „Kampf gegen die Uhr“ Favorit

          Sehr viel offensichtlich, denn dieser kleine Vorsprung, den der Spanier Contador vor dem Luxemburger Schleck hat, wird wohl reichen, um wieder den Gipfel bei der Frankreich-Rundfahrt zu erklimmen. Die letzte Chance, um seinen Konkurrenten doch noch zu überflügeln, bietet sich Schleck an diesem Samstag, bei einem Zeitfahren über 52 Kilometer zwischen Bordeaux und Pauillac.

          Aber eigentlich handelt es sich dabei nur um eine theoretische Möglichkeit, da Contador in diesem speziellen „Kampf gegen die Uhr“ als eindeutiger Favorit betrachtet wird. Dass er seinem Luxemburger Widersacher in dieser Disziplin klar voraus ist, hatte der Madrilene bereits beim Prolog der Tour in Rotterdam bewiesen. Da war er, auf einer Strecke von 8,9 Kilometern, 42 Sekunden schneller als Schleck gewesen.

          Vorteil Contador somit, der dem Luxemburger den Etappensieg am Tourmalet getrost hatte überlassen können. Vermutlich hatte er geglaubt, damit auch etwas für sein Image tun zu können, das gelitten hatte, weil er einen Kettenschaden Schlecks genutzt hatte, um in das Gelbe Trikot zu schlüpfen. Aber der 25 Jahre alte Kapitän des Teams Saxo-Bank scheint nicht nachtragend zu sein, jedenfalls reichte er seinem Rivalen am Tourmalet schon wieder freundlich die Hand.

          „Ich hoffe, dass ich eine gute Zukunft im Radsport habe“

          Schleck hatte zwar keinen Großangriff auf Contador mehr unternehmen können, er wurde den Spanier, der wie eine Klette an ihm hing, einfach nicht los. Zumindest jedoch gelang dem Radprofi aus dem Großherzogtum Luxemburg eine Art Charmeoffensive – er gab sich wesentlich jovialer als Contador. Und er ist davon überzeugt, ebenfalls das Zeug zum Tour-Sieger zu haben.

          Zwar klammert Schleck sich auch diesmal noch an ein Stückchen Hoffnung, doch der Blick richtet sich – der Realität geschuldet – schon voraus. „Ich hoffe, dass ich eine gute Zukunft im Radsport habe“, sagte Schleck. Er findet, dafür alle Qualitäten zu besitzen, auch in den Bergen. Es habe geheißen, sagte Schleck, dass Contador der beste Kletterer der Welt sei. Jetzt hält er sich zugute, mit der Galionsfigur des Teams Astana ohne weiteres mithalten zu können. „Ich bin auf seinem Niveau.“

          Andy sagt öffentlich nichts zu Fränks Fuenets-Verbindung

          Tatsächlich machte der Luxemburger, der bei einer Länge von 1,86 Metern weniger als 70 Kilogramm wiegt, beträchtliche Fortschritte. Im Jahr 2008 hatte er bei seinem Tour-Debüt das Weiße Trikot für den besten Jungprofi erobert, im vergangenen Juli war er in Paris etwa vier Minuten hinter Contador gelegen – diesen Abstand nun um einiges verringert zu haben, spricht für die rasante Entwicklung Schlecks, der im Gegensatz zu seinem Bruder Fränk als unbelastet gilt.

          Fränk Schleck war eine Verbindung zu dem spanischen Arzt Eufemiano Fuentes nachgewiesen worden, wozu Andy Schleck in der Öffentlichkeit nie Stellung bezogen hat. Mit Betrügereien in seiner Branche mag der aufstrebende Fahrer sich ohnehin nicht befassen, er sagte vor einiger Zeit: „Wenn ich anfange, mir darüber Gedanken zu machen, packe ich besser meine Sachen.“

          „Dass ich im Ziel nicht mehr auf dem Rad sitzen bleibe“

          Dabei hat Andy Schleck, dessen Vater ebenfalls an der Tour de France teilgenommen hatte, als Helfer beispielsweise für den Spanier Luis Ocana, mit einigen Begleitern zu tun, die in Dopingfälle verstrickt waren. Sein dänischer Teamchef Bjarne Riis zählt dazu, oder sein ehemaliger sportlicher Leiter Kim Andersen, der erste lebenslang gesperrte Dopingsünder im Radsport. Mit ihm wird Schleck vermutlich bald wieder zusammenarbeiten, bei einem neuen luxemburgischen Rennstall.

          Aber erst mal will er ja bei der Tour 2010, bei der es trotz vermeintlich umfangreicher und genauer Kontrollen eine auffällige Ruhe beim Thema Doping gibt, noch eine Aufgabe erledigen. Am Samstag, kündigte Schleck an, werde er sich so verausgaben, „dass ich im Ziel nicht mehr auf dem Rad sitzen bleibe“. Selbst ein solcher Einsatz aber dürfte Contador, in seiner Heimat ein offensichtlich unantastbarer Radsportheld, kaum mehr erschüttern.

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