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Tour de France : Alexander der Dubiose

Der Feldherr und sein Siegfahrer: Alexander Winokurow mit Vincenzo Nibali (r.) bei der Ausfahrt am Ruhetag der Tour Bild: dpa

Ach, Doping, ein leidiges Thema. Alexander Winokurow wischt es am liebsten kurzerhand weg. Der ehemalige Radprofi sitzt als Teamchef von Astana wieder fest im Sattel – und auch als glorreicher Vertreter Kasachstans.

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          Manchmal wirkt Alexander Nikolajewitsch Winokurow wie ein kleiner Feldherr. Kantiges Gesicht, energisches Auftreten, er weiß, was er will, und sein Wort hat Gewicht. Seinen Anordnungen ist Folge zu leisten, umgehend, seine Untergebenen tun gut daran, auf ihn zu hören. Winokurow, 40 Jahre alt, führt ja auch eine Einheit, die fast militärisch straff organisiert ist. Der Radsport ist eine arbeitsteilige Welt, die Aufgaben sind klar verteilt, ohne strikte Zuordnung würde die Gruppe nicht funktionieren. Der Kasache Winokurow, der in seiner Heimat zum Oberst ernannt worden ist, ehrenhalber, kennt das Geschäft aus dem Effeff, im Radsport macht ihm im Prinzip niemand etwas vor, man schätzt das sehr in Kasachstan. Dass Winokurow mal ein Schmuddelkind der Branche war? Egal!

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Vielleicht winkt jetzt, da Winokurow sich mit Hilfe eines Italieners anschickt, den Ruhm des Landes zu mehren, sogar eine weitere Beförderung. Mit dem 29 Jahre alten Sizilianer Vincenzo Nibali und dem Team Astana steht der kasachische Volksheld, geboren in Petropawlowsk, jedenfalls kurz davor, den begehrtesten Titel im Radsport zu holen, den Sieg bei der Tour de France. Die Dinge haben sich in diesem Sommer prächtig gefügt für die italienisch-kasachische Combo, Nibali muss an diesem Sonntag nur noch 137,5 Kilometer zwischen Evry und Paris zurücklegen, dann ist er am Ziel seiner Wünsche. Und Teamchef Winokurow darf melden: Auftrag erledigt, es lebe Kasachstan. Und natürlich auch Italien.

          Zum Ruhme Kasachstans

          Alexander der Große? Es dürfte eine Menge Leute geben, die das so beurteilen, die diesem Mann nun wieder Kränze flechten. Allen voran vermutlich der kasachische Präsident Nursultan Nasarbajew, der das Land seit dem Ende der Sowjetunion beherrscht, ohne besonderen Wert auf Demokratie und Menschenrechte zu legen. Der „Wolf von Astana“ behauptet mit Geschick und Schlauheit die Macht, das ölreiche Land ist stromlinienförmig auf ihn ausgerichtet, ohne Nasarbajew geht nichts.

          Der Sport dient ihm als Vehikel, den Ruf des Landes zu verbessern, er fördert deshalb auch Winokurow und dessen Equipe massiv. Eine lohnende Investition, ohne Zweifel, sie wirft jetzt eine beträchtliche Rendite ab. Schon Anfang Juli, als Nibali auf britischem Boden seine erste Etappe bei der 101. Tour gewonnen hatte, soll Nasarbajew sehr glücklich gewesen sein. Denn Nibalis Erfolg fiel just auf den Tag, an dem Kasachstan Nasarbajews 74. Geburtstag feierte. Das Schicksal meinte es wirklich gut mit dem Mann.

          Jubler im Hintergrund: Winokurow im Team-Auto hinter dem Gelben Trikot

          Alexander der Dubiose? Auch diese Einschätzung ist möglich, man sollte sie allerdings am besten nicht direkt gegenüber Nasarbajew aussprechen. Bei Winokurow handelt es sich schließlich um einen Radsport-Experten mit dunkler Vergangenheit, um ein „altes Gesicht“ des Radsports, der kleine, nur 1,76 Meter große Kasache soll sich allerlei Verfehlungen geleistet haben. Tatsache ist, dass Winokurow wegen Fremdblut-Dopings gesperrt worden war, auch wenn er stets den Unschuldigen mimte. Und sich dabei auch den Hinweis nicht verkneifen konnte, ein kolportierter Blutaustausch mit dem Vater hätte ihm allenfalls Wodka in die Venen gespült. Die Quelle war wohl ein Teamkollege.

          Winokurow gehörte einst auch zum Bonner Manipulationsensemble um Jan Ullrich, dessen Ende 2006 eingeläutet wurde im Zuge des Skandals um den spanischen Mediziner Eufemiano Fuentes, der sich Radprofis wie Ullrich gegen entsprechende Bezahlung als Blutauffrischer zur Verfügung gestellt hatte.

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