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Totilas : Vom Wunderhengst zum Problempferd

Die Stiefmutter: Ann-Katrin Linsenhoff wünscht sich, dass Rath die Gold-Tradition ihrer Familie fortführt

Zentraler Kritikpunkt ist die „Rollkur". Dabei wird die Nase eines Pferdes extrem auf die Brust gezogen, es entsteht eine Überdehnung des Pferdehalses, durch die der gesamte Tierkörper unter Spannung gesetzt wird. Aus dieser Spannung entstehen exaltierte, zirzensische Bewegungen, für die zum Beispiel Totilas unter Gal seine Rekordnoten erhielt. Die Verfechter der traditionellen Reitlehre, bei des es um die Gesunderhaltung des Pferdes und weniger um Showeffekte geht, beklagen seit Jahren die in ihren Augen schädliche Entwicklung. So hat die Bundesvereinigung der Berufsreiter in einer Stellungnahme „mit großem Bedauern“ auf den Plan des Totilas-Clans reagiert, mit Janssen zusammenzuarbeiten. Das sei „absolut unverständlich“. Und die Gesellschaft Xenophon, deren Vorsitzender der deutsche Ausbilder Klaus Balkenhol ist, in einer Stellungnahme erklärt: „Die von Sjef Janssen vertretene Methode ist . . . nicht mit den Grundsätzen einer pferdegerechten Ausbildung vereinbar." Die Gesellschaft lässt durchblicken, dass diese Methode gegen Fairness und Tierschutz verstoße. Schockemöhle aber will von all dem nichts wissen: „Die sollen sich um ihren eigenen Kram kümmern."

Schade um das wunderbare Pferd

Die Hüter der tradierten kavalleristischen Pferdeausbildung befürchten, dass die Überdehnung des Pferdehalses und die unnatürlichen Bewegungen zu einem frühen Verschleiß führen. Typisch dafür wäre ein steifer, schmerzender Rücken. Zwar ist der Wallach Bonfire - das erste von Janssen trainierte Pferd, das unter seiner Frau Anky van Grunsven erfolgreich die Deutschen herausforderte - mittlerweile 29 Jahre alt. Aber es gibt auch Gegenbeispiele. Unter den Traditionalisten, die sich untereinander lebhaft austauschen, herrscht die Überzeugung, dass auch Totilas die holländische Dressur-Schule nicht heil überstanden hat und längst Schmerzen leidet. Schade um das wunderbare Pferd, sagen sie. Schockemöhle hingegen ist optimistisch: „Ich gehe davon aus, dass das im Sommer gut klappt. Ich denke, dass er in London geht, und hoffe, dass er die Chance auf eine Einzelmedaille hat."

Der Guru: Sjef Janssens Methoden lösen heftigen Widerspruch aus

Janssen musste auf Druck des niederländischen Verbandes auf den Linsenhoff-Job vorerst verzichten - nach Olympia kann er mit der Arbeit beginnen. Bis dahin wird das Totilas-Projekt unverändert weitergehen. Der Tierarzt wird sich um ihn kümmern - wann er erstmals in dieser Saison an den Start gehen kann, ist unklar. Fest steht auch, dass Matthias Rath ihn weiter reiten wird. Schon, weil der 27 Jahre alte Stiefsohn den Auftrag hat, in dritter Generation Olympia-Gold ins Haus Linsenhoff zu holen, nach der Patriarchin Liselott und deren Tochter Ann-Kathrin.

Das Pferd: Totilas reproduziert - allerdings nicht die Leistungen, die er unter Edward Gal gebracht hat

Edward Gals Wunsch, Totilas zurückzubekommen, wird sich hingegen nicht erfüllen. Sein neuer Mäzen, der österreichische Pistolenfabrikant und FBI-Ausrüster Gaston Glock, hat zwar bereits mehrere Angebote an Schockemöhle und die Familie Linsenhoff abgegeben. Zuletzt war nach der missglückten Hengst-Schau in den österreichischen Zeitungen davon die Rede. Rath empfand das als Störfeuer: „Genau in dieser Woche, das war echt mühsam." Er könne ja verstehen, dass Gal am Anfang traurig gewesen sei, Totilas zu verlieren. „So ein Pferd bekommt man nur einmal im Leben." Aber nun, findet er, solle endlich Ruhe einkehren. Totilas werde nicht verkauft. „Dazu haben wir viel zu viel Spaß und Freude an dem Pferd." Danach sieht es im Moment allerdings nicht aus.

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