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Handball in Kiel und Flensburg : Dreifaches Torhüter-Duell im hohen Norden

  • -Aktualisiert am

Kiels Torwart Andreas Wolff versucht beim Sieg am vorigen Sonntag, einen Wurf von Flensburgs Anders Eggert zu entschärfen. Bild: dpa

Elder Statesman mit Sonderstatus auf der einen, teure Paketlösung auf der anderen Seite: Bei Duellen zwischen Flensburg-Handewitt und Kiel stehen immer auch die Torhüter im Fokus.

          Eine Trainingsszene in der Duburghalle. Die Profis der SG Flensburg-Handewitt rennen mit voller Geschwindigkeit über eine am Boden liegende Sprintleiter. Kleine Schritte, hohes Tempo, hier werden Sprintfähigkeit und Koordination geschult. Am Ende der Gruppe trabt ein füllig wirkender Mann in Schlabberhosen über die Sprossen. Auf Socken.

          Es ist Torwart Mattias Andersson, 38 Jahre alt. Der Mann weiß, was er tut - er muss nämlich nicht mehr machen. Niemand bei der SG gäbe zu, dass Andersson einen Sonderstatus genießt. Es ist aber so. Wer so lange das gelbe Torwarttrikot trägt und so viele große Siege ermöglicht hat, kann eine Sprintübung auf die leichte Schulter nehmen. Zumal sich wirklich niemand erinnern kann, wann Andersson zuletzt verletzt fehlte.

          Das erste von drei Duellen ging an Kiel

          In Sachen Pflege und Vorbereitung auf die gegnerischen Schützen gilt der nur 185 Zentimeter lange Schwede als Vorzeigeprofi. „Ich weiß sehr genau, was mein Körper braucht“, sagt Andersson, „trotzdem muss ich für die Ausdauer und Beweglichkeit viel länger arbeiten als früher.“ Gleich dreimal ist der Torwart-Oldie in diesen Tagen gegen den THW gefordert: an diesem Sonntag in der Bundesliga, als ihm alle seine Künste beim 23:24 in Kiel nichts nutzten, sowie am 20. und 23. November in der Champions League.

          Es sind gleich mehrere Fähigkeiten, die Mattias Andersson zum formstabilsten Bundesliga-Ballfänger der vergangenen drei Jahre machen. „Ich habe in meiner Zeit bei Noka Serdarusic in Kiel gelernt, dass ein Spiel bei einem Aufsteiger ebenso wichtig ist wie gegen den THW. Dort herrschte eine unglaubliche Siegermentalität“, erinnert sich Andersson an ein hohes Gut, das er nach Flensburg mitgebracht hat. Also: Jedes Spiel ist wichtig. Diese Haltung ist oft nervig für die Luftikusse im Kader. Doch Andersson ist längst in der Rolle eines „Elder Statesman“, und ein bisschen Spott und Geraune erträgt er schon.

          Flensburgs Elder Statesman: Matthias Andersson

          Zudem ist er ein Torwart, der auf eine schwache erste oft eine starke zweite Halbzeit folgen lässt. Sich im Spiel zu steigern fällt gerade jüngeren Torhütern schwer. Seine dauerhaft guten bis sehr guten Leistungen entspringen der Gewissheit, unangefochtene Nummer eins im Tor zu sein. In Kiel war der junge Andersson noch Ersatz für Steinar Ege, Henning Fritz oder Thierry Omeyer. Das reichte ihm nicht, und über den Umweg TV Großwallstadt, wo er sich das Gefühl für Spiele zurückholte, fand er sein Glück in Flensburg. Dort wollen sie seinen 2017 auslaufenden Vertrag am liebsten noch einmal verlängern, auch, weil sein Vertreter Kevin Möller längst noch nicht sein Niveau erreicht hat.

          Der Ersatzmann akzeptiert seine Rolle

          Für Minuten oder eine Halbzeit bei deutlicher Führung bringt Trainer Ljubomir Vranjes mal den zwei Meter langen Dänen. Doch es ist Anderssons Selbstverständnis, trotz der Flut an Partien regelmäßig zu starten. Möller akzeptiert das. Allerdings ist er mit 27 Jahren kein junger Keeper mehr, und ob er Andersson 2018 als Stammkraft beerbt, steht in den Sternen. Auch deswegen hoffen alle Flensburger Fans, dass sich dieser alte Schwede nie verletzten möge - die Mission Meisterschaft 2017 erschiene ohne ihn unmöglich.

          Außerhalb der Halle haben die beiden ungleichen Torhüter wenig miteinander zu tun. Möller fühlt sich in der stets gutgelaunten dänischen Gruppe der SG wohl, Andersson ist allein unterwegs oder sucht die Nähe des Abwehrchefs Tobias Karlsson, ebenfalls Schwede.

          Großer Etatunterschied

          Etwas weiter südlich ist die Ausgangslage eine komplett andere. In Niklas Landin, 27, und dem zwei Jahre jüngeren Andreas Wolff haben die Kieler zwei der weltbesten Keeper in der Gruppe. Irgendwie muss der Etatunterschied zwischen den Nordkonkurrenten auch zustande kommen: Der THW gibt etwa drei Millionen Euro mehr als Flensburg für seine Profis aus, und Landin/Wolff dürften im Paket sicher doppelt so viel Gehalt bekommen wie Andersson/Möller.

          Wobei man sich im Sommer fragte, ob denn dieses Gespann „funktionieren“ könne - der ruhige Olympiasieger Landin und der feurige Europameister Wolff? THW-Trainer Alfred Gislason hat das in einer bisher durchwachsen verlaufenen Saison prima hinbekommen. Ältere Semester fühlen sich an die nahezu immer siegreichen Schweden der Jahrtausendwende erinnert: Erst vernagelte Peter Gentzel das Tor. Dann brachte Tomas Svensson Hand oder Fuß an den Ball.

          Harmonie zwischen den Konkurrenten

          Aktuell bekommt jeder Kieler Keeper genug zu tun, und dass die beiden sich unerwartet gut verstehen, vereinfacht Gislason die Sache enorm: „Die Saison ist lang, und wenn die Spielanteile verteilt sind, sind wir einfach schwer auszurechnen, dann müssen sich die Gegner immer auf zwei Keeper vorbereiten“, sagt Wolff, der am Sonntag beim Sieg gegen Flensburg eine überragende Partie lieferte und von Trainer Gislason das Prädikat „großartig“ bekam. Für Landin ist das kein Problem: „Die Zusammenarbeit klappt gut, es macht Spaß, mit ihm ein Duo zwischen den Pfosten zu bilden.“

          Mit der Harmonie im Kieler Tor ist auch ein Flensburger Plan zerstoben, der zwar nie öffentlich bekundet, aber insgeheim schon diskutiert wurde: Einen womöglich unzufriedenen Landin hätte man sich ab 2018 sehr gut im SG-Tor vorstellen können. Noch näher an der Heimat und inmitten der vielen Flensburger Dänen. Der ideale Andersson-Nachfolger. Aber daraus wird wohl nichts.

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