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Straßenrad-WM : Rad-Roulette mit Tony Martin

Erst die Qual, dann die Zukunft: Zeitfahr-Spezialist Tony Martin Bild: Reuters

An diesem Mittwoch will Tony Martin bei der Rad-WM endlich mal wieder seine Stärke im Zeitfahren demonstrieren. In der neuen Saison kommen indes beträchtliche Risiken auf ihn zu. Sein Rennstall macht künftig gemeinsame Sache mit dubiosen Mitarbeitern.

          3 Min.

          Tony Martin hat in diesen Tagen reichlich mit sich zu tun und seiner letzten großen sportlichen Herausforderung in diesem Jahr, dem Zeitfahren bei den Rad-Weltmeisterschaften im flirrenden Doha. Er ist fest entschlossen, einem Jahr mit manchen Enttäuschungen ein glückliches Ende zu setzen. Martin will an diesem Mittwoch (ab 13 Uhr live bei Eurosport) nach seinem vierten Regenbogentrikot in dieser Disziplin greifen, er wirkt angriffslustig. „Ich bin in einer Position, in der ich überraschen kann“, behauptete Martin, der bei Olympia in Rio de Janeiro nur Zwölfter geworden war, ein herber Rückschlag für den Spezialisten im „Kampf gegen die Uhr“.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Aber es geht auch schon um seine Zukunft, weswegen Martin am Dienstag mit einigem Interesse wahrgenommen haben dürfte, was der Radsport-Sponsor Alpecin („Doping für die Haare“) an seinem Stammsitz Bielefeld verkündete - wobei das für Martin gewiss keine Überraschung mehr war. Das Unternehmen präsentierte unter dem Titel „Alpecin Radsport 2.0“ seine Pläne für die kommende Saison, die eng mit Martin zusammenhängen. Wie der deutsche Radprofi macht Alpecin, das bis zu dieser Saison das deutsche WorldTour-Team Giant-Alpecin um John Degenkolb alimentierte, künftig gemeinsame Sache mit dem Team Katjuscha.

          Mitarbeiter aus Armstrongs Diensten

          Ein Wagnis für beide, schließlich besitzt die russische Equipe nach etlichen Doping-Affären nicht das allerbeste Image. Doch weder Martin, der stets Missstände im Peloton angeprangert hatte, noch die Bielefelder Geldgeber haben sich davon abschrecken lassen. Sie glauben offenbar, dass die umstrittenen Russen mit ihrem Drang nach Westen und der Absicht, sich einen internationalen Anstrich zu geben, auch frische Glaubwürdigkeit gewinnen würden. Martin sagte in Doha, dass die Mannschaft, die unter Schweizer Patronat antreten wird, sich neu aufstellen werde. Sie werde, betonte er in Qatar, komplett anders sein als bisher. Sonst hätte er sich nicht zu diesem Schritt entschieden.

          Ob Martin damit auch die Personalie Wjatscheslaw Jekimow meinte? Jekimow leitete bislang das skandalträchtige Team, in seiner aktiven Zeit gehörte er zur Entourage von Lance Armstrong, er war einer der wichtigsten Adjutanten des betrügerischen Amerikaners. Jekimow übernimmt nun einen Job in der Marketing-Abteilung. Pikant: Sein Nachfolger im sportlichen Bereich soll der Portugiese Jose Azevedo werden, der ebenfalls in Armstrongs Diensten gestanden hatte. Jekimow war im Juli bei der Tour de France auch als Dolmetscher zu erleben, er musste dem russischen Etappensieger Ilnur Zakarin vom Team Katjuscha zur Seite springen, der nur seine Muttersprache beherrscht - und es ging auch bei dieser Gelegenheit um Doping, schließlich war Zakarin schon einmal durch einen positiven Test aufgefallen und gesperrt worden. Ein Ausrutscher, ließ der Russe wissen, eine Art Jugendsünde, und über das aktuelle russische Staats-Doping mochten Zakarin und Jekimow im Prinzip nichts sagen.

          Beträchtliche Risiken

          Was mit dem Team Katjuscha gewesen ist und wie schwierig die Lage des russischen Sports nun ist, scheint Martin und seinen Manager aber nicht sonderlich zu beeinträchtigen. Und auch nicht Alpecin. „Der Einstieg eröffnet uns große Chancen bei der Umsetzung unserer globalen Markenkommunikation“, sagte der geschäftsführende Alpecin-Gesellschafter Eduard R. Dörrenberg am Dienstag zur Kooperation mit dem Team Katjuscha. Dörrenberg weiß zwar, „dass das viele kritisch sehen“. Aber er preist den „neuen Ansatz“ der Russen. „Uns interessiert die Zukunft“, sagte Martins Geschäftspartner Jörg Werner, „nicht die Vergangenheit. Uns haben die Argumente und die Ausrichtung des Teams überzeugt. Wir wissen, wo die Reise hingeht.“

          Der Reiz für Martin und andere Deutsche ist, ungeachtet des schlechten Rufs der Russen, offensichtlich sehr groß. So schließt sich auch Rick Zabel, Sohn des früheren Sprintstars und Dopers Erik Zabel, dem Team Katjuscha an, das einst als politisches Großprojekt in Russland galt. Jetzt ist es emsig darum bemüht, den russischen Einfluss zu reduzieren, auch der Oligarch Igor Makarow schraubt sein finanzielles Engagement zurück.

          Bei der vermeintlichen Neuausrichtung auf die deutsche Karte zu setzen, kommt nicht von ungefähr. Immerhin hatte bereits der Schwabe Hans-Michael Holczer als Manager bei den Russen gearbeitet, einer ihrer Sportlichen Leiter ist Thorsten Schmidt. Dazu steht das Kölner Talent Nils Politt beim Team Katjuscha unter Vertrag; man weiß dort das deutsche Element zu schätzen. Versteht sich, dass der Fachmann Jekimow in der neuen Gemeinschaft Katjuscha-Alpecin vor allem auf Martin als Galionsfigur baut: „Ich bin mir sicher, dass er unser Team mit seiner Erfahrung besser machen kann.“ Nicht ausgeschlossen jedoch, dass sich Martin und die anderen aufbruchwilligen Deutschen auf ein Rad-Roulette mit möglicherweise beträchtlichen Risiken einlassen.

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