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Tony Martin im Interview : „Ich habe eine neue Seite des Radsports entdeckt“

  • -Aktualisiert am

Aufopfern für seine Kapitäne: Tony Martin fällt es nicht schwer, sein Ego zurückzustellen Bild: dpa

Bei Tony Martin ist durch die Corona-Pause die Liebe zu seinem Sport neu entflammt. Im Interview spricht er über Gedanken ans Karriereende, seine neue Rolle im Team und die Aussicht auf eine Tour mit drei Kapitänen.

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          Wie lange haben Sie kein Flugzeug mehr bestiegen oder nicht mehr stundenlang in einem Auto gesessen?

          Geflogen bin ich tatsächlich das letzte Mal vor exakt fünf Monaten zur UAE Tour in den Emiraten. Das gab es in meiner langen Profikarriere noch nie. Aber die ewige Reiserei als Teil des Radsports vermisse ich nicht. Mit dem Auto war ich aber in der vergangenen Woche mal bei meinen Eltern in Eschborn.

          Haben Sie auf Ihrer in Jugendzeiten unzählig oft zurückgelegten, 16 Kilometer langen Hausrunde zwischen Kelkheim und Hofheim trainiert?

          Nein. Aber ich bin ein paarmal den Feldberg hochgefahren, weil ich Intervalle trainiert habe. Im Berufsverkehr ist diese Strecke aber kein großes Vergnügen.

          Anfang August soll der Profiradsport wieder anrollen, Sie beginnen bei der Tour de l’Ain (5. bis 9. August). Haben Sie schon eine Vorstellung davon, wie der Renn-Alltag aussehen wird zwischen Corona-Tests und Abschottung?

          Nein, ich bin extrem gespannt darauf, wie das wirklich ablaufen wird. Speziell bei der Tour de France wird es zunächst schade sein, wenn der Kontakt mit den Zuschauern fehlt. Denn das macht die Tour ja auch aus. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass man in der zweiten oder dritten Rennwoche auch mal ganz froh ist über die ungewohnte Ruhe. Ich hoffe, dass dies dann auch mit mehr Sicherheit für uns Fahrer einhergeht.

          Sie hatten ja in den vergangenen Jahren einige harte Rennunfälle. Sind Sie auf Ihre alten Rennfahrertage zum Draufgänger geworden oder zum Pechvogel?

          Ein Draufgänger war und bin ich sicherlich nicht. Aber ich halte mein Vorderrad in die Lücken, in die ich reinhalten muss. Bei meinem heftigen Sturz bei der Vuelta im vorigen Jahr liegen sechs Mann auf dem Boden – und ich bin der Einzige, der nicht mehr aufstehen kann. Das fällt eher in die Kategorie Pech. Grundsätzlich habe ich oft bewiesen, dass ich nach Unfällen schnell wieder aufs Rad und auf ein gutes Leistungsniveau gekommen bin. Bis auf einen Wirbelbruch bin ich im Vergleich zu manch anderen Fahrern meist glimpflich davongekommen.

          Sind die Aspekte Sicherheit und Ihre Stürze mitverantwortlich für Ihre Rücktrittsgedanken zum Saisonende?

          Ja, definitiv. Der Sport macht mir immer noch sehr viel Spaß. Das habe ich in der Lockdown-Phase wieder gemerkt, als ja lange Zeit niemand wissen konnte, wofür er überhaupt trainiert. Da hat es mir nie an Motivation gemangelt. Ich habe da eine neue Seite des Radsports für mich entdeckt. Ohne den sonst alles bestimmenden Leistungsgedanken, sondern aus Spaß am Radfahren. Ich kam mir vor wie jemand, der seinen Urlaub nutzt, um irgendwo hinzureisen, um Rad zu fahren. Was ich zuvor nie verstehen konnte, warum man das macht (lacht).

          Sehen Sie Ihr Tun nun mit anderen Augen?

          Ja. Trotz des Wissens um die coronabedingt negativen Auswirkungen auf den Radsport kann ich für mich sagen: Für meine Beziehung zum Radsport war es positiv. Wie in einer Partnerschaft: Wenn der Partner weg ist, merkt man, dass es doch nicht schlecht war. Ich bin in mich gegangen mit der Frage: Wie wäre denn mein Leben ohne Radsport?

          Wie wäre es?

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