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Tommy Haas : Zurück ins Kinderzimmer

  • -Aktualisiert am

Reise in die Vergangenheit: Haas schlägt sich in Hamburg durch Bild: dpa

Tommy Haas spielt gut Tennis, darf aber nicht zu den Olympischen Spielen. In seiner Geburtsstadt Hamburg steht er im Viertelfinale. Der überraschende Erfolg könnte über die Enttäuschung hinweghelfen.

          Gut möglich, dass die Mieter in der Weidenallee 45 im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel dieser Tage unerwarteten Besuch bekommen. Tommy Haas hat unter dieser Adresse bis zu seinem zwölften Lebensjahr mit seinen Eltern und beiden Schwestern gelebt, bevor er nach Florida in die Tennisakademie von Nick Bollettieri umsiedelte. Schöne Zeiten seien das damals gewesen, erinnert sich Haas nun, da er nach sechs Jahren wieder an den Hamburger Rothenbaum zurückgekehrt ist.

          Der inzwischen 34 Jahre alte Haas ist für mehr angereist als das traditionelle Sandplatzturnier: Es soll auch ein kleiner Ausflug in die Vergangenheit werden. Dafür bleibt Haas bis auf weiteres kaum Zeit, nachdem er am Mittwoch den Vorjahressieger Gilles Simon im Achtelfinale 4:6, 6:3 und 6:4 besiegte und erstmals seit 1999 in Hamburg die Runde der letzten acht erreichte - wo er am Freitag auf seinen Davis-Cup-Kollegen Florian Mayer aus Bayreuth trifft, der den Niederländer Robin Haase 6:2, 6:1 besiegte.

          Mühsame Rückkehr

          „Ich bin, seit wir wegzogen, nicht mehr in unserem alten Viertel gewesen“, erzählte Haas, „ich will meiner Verlobten und meiner Tochter unbedingt zeigen, wo ich aufgewachsen bin.“ Das Stück an der Alster, wo er Schlittschuhlaufen und Fahrradfahren lernte, sind bei der familiären Zeitreise eingeplant, wie auch der Bummel zur Lieblingseisdiele in Blankenese und der Besuch seiner ehemaligen Grundschule in der Tornquiststraße.

          Danach, so hat sich Haas fest vorgenommen, will er all seinen Mut zusammennehmen und in der alten Wohnung in Eimsbüttel einfach mal klingeln. „Die werden sicher blöd schauen“, vermutet Haas, „aber vielleicht habe ich Glück, und sie lassen uns trotzdem kurz rein.“ Er möchte zu gerne sein Kinderzimmer noch einmal sehen, es auch seiner Tochter Valentina zeigen. Diese begreift das alles mit ihren zwanzig Monaten wohl noch gar nicht. Doch sie ist der Grund, warum Haas die Qualen ein weiteres Mal auf sich genommen hatte und sich vor zwei Jahren nach einer Hüft- und Ellbogenoperation mühsam zurück auf die Profitour kämpfte. „Ich möchte so gerne, dass Valentina bewusst erlebt, was ihr Papa da so macht“, sagte Haas - doch das wird noch dauern. Zumindest sagt die Kleine schon mal „Come on, Daddy“ als Anfeuerung zu ihm, das ist ein Anfang.

          Und obwohl bei seiner sentimentalen Reise in die Hamburger Kindheit ein bisschen Wehmut und Abschied mitschwingt, bestärkt ihn der Blick zurück doch darin, weiterzumachen. Haas ist nicht mehr nur Tennisprofi, er trägt als Familienvater eine ganz andere Verantwortung. Er ist reifer geworden, nachdenklicher. Mancher Fehler ist ihm inzwischen bewusst geworden, den er im jugendlichen Leichtsinn begangen hat. Weil er weiß, dass die Zeit gegen ihn arbeitet, möchte er jeden Moment festhalten. Was nicht heißt, dass ihm Verlieren nichts ausmacht. Niederlagen wie in der Vorwoche in Stuttgart gegen Pavol Cervenak, in der Weltrangliste auf Position 206 geführt, ärgern ihn wie eh und je. „Ich will das in Hamburg geradebiegen“, hatte Haas angekündigt, und er ließ seinen Worten gegen Simon Taten folgen. Nach anfangs fehlerhaften Spiel steigerte er sich und verwandelte nach 2:07 Stunden seinen ersten Matchball.

          „Das ist es nicht Wert“

          Haas ist immer noch hungrig auf Tennis, will sich nicht mit dem Aufhören beschäftigen, solange sein Körper die Strapazen des Tour-Alltags mitmacht. „Momentan geht es mir erstaunlich gut“, sagte er. Und gerade weil das so ist, er wieder unter den besten fünfzig der Weltrangliste zu finden ist und zuletzt im westfälischen Halle durch einen Sieg über Roger Federer das Rasenturnier gewann, hatte sich Haas Hoffnung auf die Olympischen Spiele in London gemacht. Doch obwohl der Deutsche Tennisbund alles versuchte, den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) von der Nominierung des Silbermedaillengewinners von Sydney 2000 zu überzeugen, kam Haas nicht auf die Liste und erhielt keine Wildcard. „Dabei hatte ich die so gut wie sicher“, schimpfte Haas, „das ist eine Schande, dass mich der DOSB nicht wenigstens nominiert hat. Ich hätte eine Chance auf eine Medaille gehabt.“

          Den Rechtsweg, wie ihn Rainer Schüttler vor vier Jahren wählte, um die Teilnahme an den Spielen in Peking einzuklagen, mochte Haas nicht gehen: „Das ist es nicht wert. Ich muss es jetzt so akzeptieren.“ Aber dass Philipp Kohlschreiber, mit dem Haas kein freundschaftliches Verhältnis pflegt, am Dienstag mit seinem frisch abgeholten Olympioniken-Outfit im Spielerbereich vor der Nase herum tänzelte, machte es noch schlimmer. Vielleicht könnte ihn ein Blick in sein altes Kinderzimmer trösten. Oder ein Turniersieg am Rothenbaum.

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