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Tommy Haas : Späte Leidenschaften

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Ruhe, bitte: Tommy Haas zeigt in Miami nochmal allen, was in ihm steckt Bild: AP

Die vergangene Woche gehörte Tommy Haas. In Miami besiegte er Novak Djokovic und verpasste das Finale nur knapp. Mit fast 35 Jahren dringt der deutsche Tennisstar in die Top 15 der Welt vor. Wie geht das?

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          Von den besten Momenten bleibt immer was übrig für die Schatzkiste der Erinnerungen. Manchmal sind es ganze Spiele, manchmal die Bilder eines fassungslosen Siegers oder untröstlichen Verlierers. Diesmal wird es eine Farbe sein. Lavendel. So was sieht man selten an Männern und im Sport schon gar nicht, denn die meisten Spieler haben Verträge mit Firmen, die in ihren Kollektionen nicht besonders experimentierfreudig sind.

          Aber Tommy Haas hat schon lange keinen Ausrüstervertrag mehr; er zieht an, was er in seinem Fundus findet und was ihm gefällt. „Ich weiß“, sagt er, „ich bin ziemlich erbärmlich, wenn’s darum geht, Farben zu kombinieren. Manchmal sehe ich mich vor einem Spiel im Spiegel und denke: Oh Gott, was hast du dir da wieder gedacht?“

          Egal, er trug seine Farbe im März 2013 beim Turnier in Miami, und dieses Bild wird bleiben, denn seine Wahl passte perfekt zu der Art, wie er spielte, vor allem beim Sieg über die Nummer eins des Tennis, Novak Djokovic. Blau wäre zu simpel gewesen, Rot zu gewöhnlich, Weiß zu langweilig, und Schwarz hätte Understatement suggeriert. Aber Lavendel, das stand für Inspiration, Mut und Leidenschaft, und all das transportierte er mit seinem Spiel.

          So schrieb er die schönste Geschichte des Turniers, und dass er am Ende nicht im Finale landete - schade drum; es gab kaum jemanden, der es ihm nicht gegönnt hätte. Haas hatte wegen seines variantenreichen, wunderbar unberechenbaren Spiels schon immer eine Menge Fans, und heutzutage lassen sich solche Sachen ja messen.

          Was bleibt außer der Erinnerung?

          Nach dem Sieg über Djokovic berichtete er, die Zahl seiner sogenannten follower auf Twitter sei innerhalb eines Tages von 40.300 auf 41.500 gestiegen. Aber der unerbittliche kleine Spanier David Ferrer war verständlicherweise nicht an der Fortsetzung einer tollen Geschichte, sondern am eigenen Wohl und Wehe interessiert und besiegte Haas im letzten Spiel auf dem Weg ins Finale 4:6, 6:2, 6:3. Das Endspiel gewann allerdings Andy Murray, der Ferrer gegen 2:6, 6:4, 7:6 (7:1) gewann.

          Was bleibt außer der Erinnerung? Vor allem eine Frage: Wie kann es sein, dass einer im fortgeschrittenen Alter (am Mittwoch wird Haas seinen 35. Geburtstag feiern) nach einer von Auf und Ab, einem halben Dutzend Operationen und Eingriffen an Schulter, Ellbogen, Hüfte und Knie geprägten und zerfurchten Karriere besser spielt als einst im Mai, im Frühling seiner Karriere?

          Nach der Niederlage gegen Ferrer gab er eine sehr schlüssige Antwort. „Man sollte annehmen, dass man mit fortschreitendem Alter weiser wird. Du kennst dich besser mit Ernährung aus, mit der richtigen Art des Trainings, reist mit Physiotherapeuten. Du weißt einfach, was das Beste für dich ist. Mit 21 oder 22 warst du erst mal damit beschäftigt, deinen eigenen Körper zu begreifen.“

          Dieser bewusstere Umgang mit den eigenen Ressourcen ist die Basis. Dazu kommt ein besseres taktisches Verständnis, und das hat im aktuellen Fall vermutlich auch mit dem neuesten Mann im Team zu tun, Coach Ulf Fischer, der jahrelang als Assistent des damaligen Teamchefs Patrik Kühnen mit dem deutschen Davis-Cup-Team gearbeitet und zuvor unter anderem Florian Mayers Karriere maßgeblich begleitet hatte.

          Neue Impulse, die man ein Leben lang braucht

          Haas sagt, es sei ihm wichtig, immer wieder neue Meinungen zu hören, sein Spiel im Spiegel anderer Augen zu sehen. Genau deshalb sei Fischer dabei und werde sich mit dem bisher zuständigen Christian Groh abwechseln. Neue Impulse also, auch so eine Sache, die man ein Leben lang braucht.

          Und irgendwie schafft er es inzwischen öfter, seine Ungeduld und Emotionen während des Spiels besser zu kontrollieren. Von Zeit zu Zeit fliegt zwar immer noch der Schläger, schimpft er immer noch mit sich und der Welt, aber in milderer Form. Haas hat das Gefühl, sich inzwischen eher zu fangen, und er versucht, daran weiter zu arbeiten. Aber er mag einfach Spieler, die zeigen, wie es ihnen geht, die den Kampf mit den Dämonen nicht hinter einer Wand der Selbstbeherrschung verstecken. Zu denen zählt er sich, und alles andere wäre ihm zu langweilig, irgendwie.

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          Aber gewissermaßen überhöht wird die ganze Kombination vom Wissen, nicht in einer Endlosschleife unterwegs zu sein. Und von den Gefühlen, die dieses Wissen auslöst. „Ich weiß, dass es ein Leben nach dem Tennis gibt“, sagt er. „Es gibt viele Dinge, die mich interessieren, und da ist ja vor allem auch meine Familie.

          Aber der Reiz des Wettbewerbs, so was wie die Intensität der Gefühle nach schlimmen Niederlagen, das werde ich vermutlich niemals wieder erleben auf diesem Niveau. Natürlich hab ich mich in meinen schweren Zeiten bei der Reha manchmal gefragt, warum ich mir das noch antue. Aber ich will das auf meine Weise beenden, mich nicht vom Körper dazu zwingen lassen oder einfach das Handtuch werfen.“

          „Schau’n wir mal, wo es hingeht“

          Danach sieht es im Moment auch nicht aus. In der Weltrangliste, die am Montag erschien, gehörte Haas zum ersten Mal seit mehr als fünf Jahren wieder zu den besten 15 des Tennis (14.), und man könnte meinen, er habe sogar eine Chance, wieder in der Eliteliga der Top 10 zu landen.

          Aber der Abstand zu dieser Gruppe, in Punkten gemessen, ist ziemlich groß, und er selbst ist skeptisch, dass er das noch mal schaffen kann. Dazu habe ihm, sagt er, zuletzt einfach die Konstanz bei den Grand-Slam-Turnieren gefehlt. „Aber solange ich Top 50 bin, überall reinkomme und so spiele wie jetzt, ist alles in Ordnung. Schau’n wir mal, wo es hingeht.“ Einstweilen einfach weiter geradeaus. Lavendel bis in den Sonnenuntergang.

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