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Tod mit 32 Jahren : Am Abgrund gefahren - und gelebt

  • -Aktualisiert am

Jose Maria Jimenez Bild: AP

An diesem Montag wurde der frühere spanische Radprofi Jose Maria Jimenez beigesetzt. Die letzten beiden Jahre seines kurzen Lebens waren von Depressionen, alkoholischen Exzessen und Kokaingenuß gezeichnet.

          2 Min.

          So wie er die steilen Berge hochfuhr - ungestüm, so schnell im Antritt wie kein anderer Radrennfahrer und immer nahe am Abgrund - so lebte Jose Maria Jimenez, genannt "Chava", auch. Er war, als Miguel Indurain schon aufgehört hatte, das bisher letzte, allerdings auch umstrittene Idol des spanischen Radsports.

          Bei seinen Ankünften auf den Bergspitzen versetzte Jimenez die Millionen spanischer Radsportfans in Begeisterung, konnte diese aber am nächsten Tag schon bitter enttäuschen, wenn er offensichtlich lustlos fahrend manche, eigentlich schwächere Rivalen, an sich vorbeiziehen ließ. Jimenez, der sich am liebsten "Chava" nach dem Spitznamen seiner Familie im Heimatdorf nennen ließ, legte wenig Wert auf den Gesamtsieg in einer großen Rundfahrt - oder er wußte, daß ihm dazu die Beständigkeit fehlte.

          Depressionen, Alkohol, Kokain

          Vor zwei Jahren nahm Jimenez allerdings dem Deutschen Erik Zabel noch auf der vorletzten Etappe der Vuelta a Espana das Trikot des Punktbesten ab. Im Winter 2001, nach knapp zehn Jahren als Berufsrennfahrer, zog sich Jimenez vom Sport zurück in sein Geburtsdorf El Barraco in der kastilischen Provinz Avila, aus der zahlreiche spanische Radsportler, vorwiegend Bergspezialisten, gekommen sind.

          Jimenez (l.) 1997 mit dem späteren Tour de France-Sieger Jan Ullrich und Bjarne Riis beim Anstieg nach Loudenvielle in den Pyrenäen

          Am Montag, einem kalten verschneiten Wintertag, wurde "Chava" Jimenez in seinem Heimatdorf und im Beisein tausender Menschen, unter ihnen viele Radrennfahrer und einige Politiker, zu Grabe getragen. Gestorben war er in der Nacht zum Sonntag in einer Madrider Klinik.

          „Halte mir die Kontrolleure vom Leibe“

          Die letzten beiden Jahre seines Lebens waren von langandauernden Depressionen, alkoholischen Exzessen und Kokaingenuß gezeichnet. Die Madrider Entzugsklinik, in der Jimenez im Kreise von Familienmitgliedern beim Durchblättern von Erinnnerungsphotos aus der Zeit seiner großen Erfolge, einen Herzinfarkt erlitt und wenige Minuten später starb, hatte er in der letzten Zeit häufig besucht, in der Hoffnung geheilt zu werden. Vor wenigen Tagen hatte er bei dem früheren Direktor des Banesto-Rennstalles anfragen lassen, ob er einen Platz in dessen neuer Mannschaft finden könne.

          Jimenez war als Helfer für Indurain die Tour gefahren. Von dem fünffachen Toursieger aufgefordert, bei einem steilen Anstieg etwas Tempo zu machen, sauste er so schnell los, daß selbst Indurain nicht mehr nachkam. Ganz im Gegensatz zu dem rational und vorausschauendem Indurain fuhr Jimenez gewöhnlich undiszipliniert, anarchisch und hielt sich nicht an die Pläne der Teamleitung. Seinem Mannschaftskapitän pflegte er zu sagen: "Ich werde dir vier oder fünf Etappen gewinnen, aber halte mir die Kontrolleure vom Leibe. Sollte einer von denen sich vor meine Zimmertür wagen, dann werde ich den mit einem Knüppel vertreiben."

          "Alles oder nichts"

          Er spielte im Sport wie im Leben - und zuletzt leider auch im Casino - immer mit hohen Einsätzen. "Alles oder nichts" war seine Devise. "Warum soll ich Vierter werden?", fragte Jimenez seine Kollegen. "Das bringt mir nichts; nur durch Siege steigern sich mein Selbstbewußtsein und mein Marktwert".

          Jimenez gewann neun Etappen bei der Vuelta a Espana, alle mit dem Ziel auf Berggipfeln. Er wurde spanischer Radmeister und gewann 2000 den Klassiker der Alpen. Dazu kommen Etappensiege bei Dauphine Libere, in der Katalonien-Rundfahrt und anderen Etappenrennen. Dreimal errang er das Trikot des Bergbesten bei der Vuelta. Das Zeitfahren langweilte ihn, obwohl er wußte, daß man ohne gute Leistungen beim Einzelfahren gegen die Uhr kaum eine große europäische Rundfahrten für sich entscheiden kann.

          Der Lieblingsfahrer der jungen Spanier

          Einen Hang zur Selbstzerstörung haben einige Freunde bei Jimenez schon früh festgestellt. An Depressionen litt er, wie übrigens schon sein Vater, schon in der Zeit seiner großen Erfolge. Seine Mannschaftskollegen haben ihn als ein meistens frohgelaunten, freigiebigen und großzügigen Menschen in Erinnerung. Er war der Lieblingsfahrer der jungen Spanier, vor allem der Kinder, und dachte daran, mit dem ihm verbliebenen Geld ein Altersheim einzurichten. Sein zuletzt so schwieriges Leben und sein tragischer Tod verbinden ihn mit zwei anderen großen spanischen Radfahrern: mit dem früh verstorbenen, introvertierten Bergspezialisten Fuente und dem Tour de France-Sieger Luis Ocana, der Jahrzehnte nach seinem größten Triumph seinem Leben selbst ein Ende setzte.

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