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Tod eines Radprofis : Vandenbrouckes teuflischer Pakt

Die einstige Radsporthoffnung Frank Vandenbroucke stirbt im Alter von nur 34 Jahren Bild: AFP

Der belgische Radrennfahrer Frank Vandenbroucke ist im Senegal gestorben. Der durch einen Medikamenten-Cocktail verursachte Tod erscheint wie die zwangsläufige Folge eines chaotischen Lebens.

          3 Min.

          Als man Franck Vandenbroucke 2002 in Handschellen aus seinem Haus abführte, wo die Polizei Epo, Clenbuterol und Morphium gefunden hatte, sagte sein Teamchef Patrick Lefevere: „Er hat die Tür zur Hölle aufgemacht.“ Sieben Jahre später bleibt die Frage offen, wer der Mephisto war im teuflischen Pakt mit dem Doping. Waren es die Radsport-Ärzte wie Bernard Sainz, der berüchtigte „Dr. Mabuse“, in „dessen Klauen er zu lange war“, wie sein Psychologe Jef Brouwers nun beklagt? Waren es scheinheilige Teamchefs wie Lefevere? War Vandenbroucke allein verantwortlich? Er kann die Frage nicht mehr beantworten. Am Montagabend wurde der 34 Jahre alte Belgier tot in einem Hotel in Saly, einem Küstenort in Senegal, aufgefunden, wo er einen Urlaub verbrachte. Als Todesursache wurde eine Lungenembolie angegeben.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          „Er ist der x-te zu junge Tote aus dem Peloton“, urteilt „De Morgen“ und mutmaßt: „Auch dieser Tod wird wohl für alle Zeit ein Rätsel bleiben.“ Andere belgische Medien bieten Hinweise auf Lösungen. Sie nennen medizinische Literatur, in der es Zusammenhänge zwischen Epo und Embolien gebe – als Folge der Verdickung des Blutes durch Doping. Die französische Sportzeitung „L’Equipe“ berichtet, dass man neben dem Toten Insulin, ein Schlafmittel und ein Medikament zur Bekämpfung von Panikattacken gefunden habe – der letzte Cocktail einer tragischen Karriere.

          Seit den 70er Jahren wartete Belgien auf einen neuen Eddy Merckx. Vandenbroucke war ein Versprechen. Mit 23 gewann er im Frühjahr 1998 das Etappenrennen Paris–Nizza und den Klassiker Lüttich–Bastogne–Lüttich. Drei Monate später war Lance Armstrong erstmals Tour-de-France-Sieger, und in Belgien glaubte man, einen Herausforderer für ihn zu haben. Doch Vandenbroucke war der Anti-Armstrong. Armstrong hatte immer alles im Griff, er war geschaffen für diese Szene. „VdB“ war es nicht. Er hatte nicht mal sein eigenes Leben im Griff.

          In diesem Hotelzimmer wurde Vandenbrouckes Leiche gefunden

          Seit dem frühen Gipfel waren Leben und Laufbahn Vandenbrouckes ein zehn Jahre langer Abstieg. Der Zerfall einer Persönlichkeit: Depressionen, Nervenzusammenbrüche, Vertragsstreitigkeiten; Kokain, Knieoperationen, Ehedramen; eine Verhaftung wegen Gewaltandrohung gegen seine Frau; ein Selbstmordversuch, weil sie ihn verlassen wollte; die vorübergehende Einweisung in eine psychiatrische Klinik.

          Gutachten attestierte Realitätsverlust

          Und immer wieder: Ermittlungen, Anklagen, Doping-Prozesse. Der unberechenbare Vandenbroucke, der es sich irgendwann mit allen Mächtigen der Szene verscherzt hatte, fand nicht den konspirativen Schutz der Netzwerke großer Teams, wie ihn andere genossen. Er bekam bald nur noch Verträge bei jährlich wechselnden, zweit- bis drittklassigen Mannschaften. Zeitweilig fuhr er, als er wieder einmal bei einem Profiteam rausgeflogen war, Amateurrennen in Italien mit einer gefälschten Lizenz. Sie trug den Namen „Francesco Del Ponte“ (eine italienische Form seines flämischen Namens).

          In einem Prozess verteidigte er sich, das bei ihm gefundene Clenbuterol sei für den Hund gewesen; das Epo stamme „aus einer anderen Zeit meines Lebens“. Ein psychiatrisches Gutachten attestierte ihm „Verlust der Realität“. Aber manchmal war er von schonungsloser Klarheit. In seiner Autobiographie bekannte er sich 2007 zum Epo-Missbrauch. Und acht Monate vor seinem Tod bedauerte er, nie zu den „Pionieren“ gehört zu haben, die ein neues Dopingmittel ausprobieren konnten: „Jeder hätte diese Chance ergriffen. Niemand sollte deswegen heucheln.“

          Er habe stets auf „ehrliche Art“ gesiegt, weil damals alle gedopt hätten. „Jeder nahm dieselben Sachen, wir kämpften mit gleichen Waffen. Deshalb war es ein ehrliches Rennen mit einem ehrlichen Ergebnis.“ „Nur eine halbe Überraschung“ war der frühe Tod für seinen Onkel und ersten Teamchef Jean-Luc Vandenbroucke. „Wir waren darauf vorbereitet, dass sein chaotischer Lebenslauf ein schlechtes Ende nehmen könnte. Automatisch denkt man dann an Pantani.“ Der Italiener war 2004 ebenfalls in einem Hotelzimmer gestorben, an einer Überdosis Kokain.

          Vandenbroucke war nur ein Mensch - kein Gott

          Pantani und Vandenbroucke sind mehr als schreckliche Kollateralschäden des chemischen Blutbades, das der Profiradsport seit den frühen 90er Jahren angerichtet hat. Sie wirken wie Beispiele dafür, was passiert, wenn die Dopingmentalität auf junge Talente trifft, deren Persönlichkeit labil ist und damit wehrlos gegenüber den Effekten von Drogen, auch dem der Droge Erfolg; und die der Falle der extremen Stimmungsschwankungen, der Amplitude von künstlichem Antrieb und innerer Lähmung, nicht mehr entkommen.

          Vor zehn Jahren, als er die Radsportnation Belgien im Sturm erobert hatte, pinselten durchgedrehte Fans mit weißer Farbe „God is terug“ auf die Straße: Gott ist zurück. Doch Vandenbroucke war nur ein Mensch, der einen teuflischen Pakt mit einer Drogenwelt geschlossen hatte. Seine Autobiographie nannte er „Ich bin nicht Gott“.

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