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Titel für Ovtcharov : Boll und zu viel Schokolade

  • -Aktualisiert am

Top-Favorit Timo Boll kann den Vorsprung nicht retten und unterliegt überraschend Bild: dpa

Timo Boll verliert nach einer 2:0-Führung im Finale der German Open gegen Dimitrij Ovtcharov – und muss sich daran gewöhnen, dass sich die Zeiten im deutschen Tischtennis geändert haben.

          3 Min.

          Ein kurzes „Tscho“, kurz die Faust nach oben gereckt – größere Emotionen leistete sich Dimitrij Ovtcharov nach seinem Finalsieg bei den German Open in Bremen nicht. Der 24 Jahre Tischtennisprofi verhielt sich wie ein Fußballstar, der gerade einen Treffer gegen seinen alten Klub geschossen hat. Nur nicht zu viel Freude zeigen. Sein Gegner war dann auch ein alter Freund gewesen – Timo Boll.

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Die beiden trainieren häufig zusammen, sie fahren gemeinsam in den Urlaub, und Ovtcharov übernachtet auch bei Boll, wenn sie sich wieder mal gemeinsam in Höchst im Odenwald auf ein großes Turnier vorbereiten. Der 31 Jahre alte Hesse musste einmal kurz schlucken, bevor er die Umarmung seines Freundes erwiderte, er muss sich daran gewöhnen, dass sich die Zeiten geändert haben.

          Zehn Jahre lang beherrschte Boll das deutsche Tischtennis, wurde zum Synonym dieser Sportart, als Jörg Roßkopf seine Spielerkarriere beendete. In diesem Jahr verdrängte ihn Ovtcharov erstmals aus den Schlagzeilen – nicht der Hesse gewann bei den Olympischen Spielen in London die Einzelmedaille für Deutschland, sondern sein sieben Jahre jüngerer Kollege. Und jetzt die Niederlage in Bremen. Ist das Ende einer Ära gekommen?

          Soweit ist es noch nicht. Der Überholvorgang, zu dem Ovtcharov in London ansetzte, ist bis Bremen unterbrochen gewesen. „Da lagen nur noch zehn Punkte in der Weltrangliste zwischen uns“, sagt Ovtcharov. „Wenn Timo nicht im Mannschaftsfinale Zhang Jike besiegt hätte, wäre ich schon vor ihm gewesen“, sagt der 24 Jahre alte Profi. Vor Bremen lagen wieder 150 Punkte zwischen den beiden.

          „Für mich zählen Titel und Medaillen“

          Entscheidend für die Bewertung von Leistung ist diese Statistik für ihn nicht: „Für mich zählen Titel und Medaillen.“ Boll ist da nicht anders, es gab viele Momente in seiner Karriere, da wusste er gar nicht genau, welche Weltranglistenposition er gerade belegt – und schon gar nicht wusste er, welche Runde er in welchem Turnier erreichen musste, um einen Rang in der Hackordnung zu klettern oder ein Abrutschen zu verhindern.

          Wer ist die wahre Nummer eins in Deutschland und Europa? Diese Frage stellt sich für Boll und Ovtcharov gar nicht. „Wir haben andere Sorgen“, sagte Ovtcharov mit einem müden Lächeln, und Boll pflichtet bei: „Ich rette mich gerade von Spiel zu Spiel.“ Die beiden sind ausgelaugt von einem Jahr, in dem sich mit der Mannschafts-WM im eigenen Land, den Olympischen Spielen und den Europameisterschaften ein Höhepunkt an den anderen reihte. Und selbst wenn sie frisch und voller Tatendrang wären: Die beiden sind viel zu gut miteinander befreundet, als dass sie sich in einen ehrgeizigen Zweikampf gegeneinander verstricken würden.

          Deutlicher Fingerzeig: Dimitrij Ovtcharov liegt zurück und gewinnt doch noch den Titel
          Deutlicher Fingerzeig: Dimitrij Ovtcharov liegt zurück und gewinnt doch noch den Titel : Bild: dpa

          „Timo hat mich in all der Zeit nur einmal auf die Rangliste angesprochen, und das auch nur ganz kurz, das sagt doch alles, wie wichtig ihm das ist“, sagt Ovtcharov. Und er? „Natürlich will ich gerne die Nummer eins werden, aber wenn es nicht geschieht, ist es auch gut.“ Boll drückt mit anderen Worten dasselbe aus. „Ich bin gerne die Nummer eins, aber was soll ich tun, wenn es ein anderer wird? Es liegt nur an mir.“

          Boll ist viel zu höflich und bescheiden, um auszusprechen, was im Subtext steht. Dass er das größte spielerische Potential von allen Tischtennisprofis außerhalb Chinas besitzt. Ist er körperlich und mental in der Lage, es auszuschöpfen, dann kann er nur von den Spitzenspielern der chinesischen Nationalmannschaft besiegt werden.

          „Kein hochklassiges Spiel, dazu kennen wir und zu gut“

          Ovtcharov bestätigt das indirekt: „Wenn ich top vorbereitet bin auf ein Großereignis, wie vor Olympia, dann habe ich eine gute Chance gegen Timo. In einer Phase wie jetzt, wo man vor lauter Terminen kaum trainieren kann, hat er Vorteile.“ Dann, wenn die Beine etwas müder sind, kann Boll von seinem goldenen Händchen, von seiner Intuition und seinem Spielwitz immer noch sehr gut leben, während Ovtcharov, der über Athletik und Schlaghärte kommt, sich quälen muss.

          Im Bremer Finale beherrschte Boll seinen Gegner zwei Sätze lang, dann verlor er seine Konzentration. Ovtcharov zeigte den größeren Willen, sich zu quälen und setzte sich verdient mit 4:2-Sätzen durch. „Es war kein hochklassiges Spiel, dazu kennen wir und zu gut“, sagte Ovtcharov. Die wechselvolle Partie sei ein Spiegelbild des Trainings gewesen: „Auch da gewinnt mal der eine, mal der andere.“

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          Noch wird Boll in der Weltrangliste an Position fünf und Ovtcharov an Position elf geführt. Wie lange Boll die Ablösung hinaus zögern kann, hängt von seinem Körper ab: „In den letzten zwei Jahren bin ich weitgehend verletzungsfrei geblieben, hoffentlich bleibt das so.“ Boll fühlte sich in Bremen richtig matt und schlecht: „Ich trau mich gar nicht, das T-Shirt hochzuziehen und in den Spiegel zu gucken, weil ich so viel Schokolade esse. Aber die Seele braucht das gerade.“

          Was er spielerisch während des Weltranglistenturniers ablieferte, ließ sich bis zum Finale sehr gut anschauen. Auch Ovtcharov bewies in Bremen, wie hoch sein Grundniveau inzwischen ist. In Abwesenheit des chinesischen Nationalteams konnte kein Gegner Kapital daraus schlagen, dass sich der Vierundzwanzigjährige überreizt fühlte: „Nach dem Medaillengewinn ist so viel schon auf mich eingestürzt, und ich habe bis zum 28. Dezember keinen freien Tag mehr.“ Das deutsche Tischtennis kann froh sein, solche Ausnahmespieler zu haben. Einerlei, wer in der Weltrangliste besser steht.

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