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Tischtennis-WM : Frauen an der Platte

  • -Aktualisiert am

Ai Fukuhara ist mehr als nur eine gute Tischtennisspielerin Bild: REUTERS

Nur in China ist Tischtennis noch populärer als in Japan. Ai Fukuhara war der Auslöser des Booms. Vor allem die japanischen Frauen fühlten sich infiziert. Bei der WM lässt sich auch ein Landsmann in den Bann ziehen.

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          Shinji Kagawa ist sehr höflich, aber bestimmt. „Nicht jetzt, bitte später.“ Der Fußballstar von Borussia Dortmund möchte nicht gestört werden. Der Liebling der Borussen-Fans ist jetzt selbst Fan. Gebannt verfolgt er, wie das japanische Damenteam gegen Polen versucht, den nächsten Schritt in die K.o.-Runde der Tischtennis-Weltmeisterschaften zu vollziehen.

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Nur knapp zehn Meter sitzt der 23 Jahre alte Fußballprofi von der Spielbox entfernt. Kagawa teilt seine Leidenschaft für Tischtennis mit Millionen Japanern. Nur in China ist der Sport noch populärer.

          Kagawa atmet auf. Ai Fukuhara verwertet ihren ersten Matchball zum 1:0 für Japan. Die 23 Jahre alte Rechtshänderin ist die Auslöserin des Tischtennis-Booms, der Nippon schüttelt. Es war vor zehn Jahren als sie bei den japanischen Damenmeisterschaften ins Halbfinale einzog. Da war sie dreizehn, ein hübsches Kind, sehr zierlich, mit einem Puppengesicht.

          Und wie sich das Püppchen aufregen konnte. Einfach süß, die Freude nach gewonnenen Ballwechseln, die Enttäuschung nach verlorenen Punkten, die heißen Tränen nach der Niederlage im Halbfinale. Welch ein glücklicher Zufall, dass das japanische Fernsehen dieses Spiel übertrug, eine Nation entdeckte einen neuen Liebling.

          Tischtennisstar trifft Fußballstar: Der Dortmunder Profi Sjinji Kagawa zeigt sich als Fan von Ai Fukuhara

          Ai Fukuhara, die mit drei anfing Tischtennis zu spielen, mit zehn Profi und mit elf Nationalspielerin wurde, bekam über Nacht den Status eines Medienstars. Sie erhielt eine eigene Fernsehshow, in der ihr großes Gefühlskino des Halbfinales recycelt wurde. Immer wieder musste sie gegen Kandidaten aus dem Publikum antreten. Die Sendung wurde zum Quotenhit. Die Japaner liebten es, ihr Wunderkind bei den Matches zu betrachten, wie es strahlte, lächelte, zürnte und weinte.

          Der Hype machte Ai Fukuhara zum Wirtschaftsfaktor. Zwei Videospiele mit ihr als Heldin verkauften sich glänzend. Und plötzlich war es wieder in, Tischtennis zu spielen. Vor allem die japanischen Frauen fühlten sich animiert. Es entstand eine Bewegung, die Mama-San genannt wird.

          Zwei Stunden sitzt Kagawa in der Box und schaut sich gebannt die Ballwechsel an

          An den Vormittagen, an denen die Männer bei der Arbeit und die Kinder in der Schule sind, treffen sich befreundete Mütter - zuerst zum Tee-Kränchen oder Kaffeeplausch und dann wird gemeinsam trainiert. Natürlich im Fukuhara-Outfit. Ihr Ausrüster Butterfly warf immer neue Kollektionen der Galionsfigur in immer kürzeren Abständen auf den Markt und erweiterte das Firmengebäude in Tokio um eine Trainingshalle.

          Um spätestens neun Uhr morgens sind alle 24 Tische durch Mama-Sans belegt. Denn nur ein paar Meter weiter trainiert Ai Fukuhara in der eigens für sie errichteten Halle. wenn sie sich in Tokio aufhält. Ihre Eltern dagegen kommen jeden Tag in die Butterflyzentrale, von dort aus managen sie die Karriere ihrer Tochter.

          Vor zehn Jahren machte sie erstmals auf sich aufmerksam - und löste einen Boom aus

          Wäre die Popularität ausschlaggebend für die Position in der Weltrangliste, Ai Fukuhara hätte den Spitzenplatz seit Jahren gepachtet. Ihre Schlagstärke reicht im Moment für Rang elf. Noch nicht mal national ist sie die Nummer eins. Kasumi Ishikawa hat sie als Sechste der Weltrangliste längst überholt. Doch das tut Ai Fukuharas Beliebtheit keinen Abbruch. Auch nicht, dass sich die 1,55 Meter große Spielerin vom Kind zur Athletin gewandelt und einen Teil ihrer optischen Anziehungskraft verloren hat.

          Dass sie noch keinen einzigen großen Titel gewinnen konnte, noch nicht einmal ein großes Finale erreichte, sehen ihr die Fans ebenso nach. Denn für die Mannschaft ist Ai Fukuhara der große Trumpf. Gegen die Chinesinnen hat sie zwar auch keine Chance, aber dafür verliert sie so gut wie nie gegen eine schwächer eingeschätzte Gegnerin. Die zuverlässigste Punktesammlerin durfte sich mit ihren Kolleginnen seit 2004 bei jeder Mannschafts-WM eine Bronzemedaille umhängen.

          Bei der Weltmeisterschaft in Dortmund treffen die Japanerinnen am Dienstag auf die deutsche Mannschaft

          Erfolg macht sexy. Im Gegensatz zu den Verhältnissen im deutschen Tischtennis verfolgen in Japan viel mehr Fans die Spiele der Damenmannschaft als die des Herrenteams. Und auch Fußballprofi Kagawa zieht bei seinem Ausflug in die Westfalenhalle die Damen den Herren vor, die ebenfalls am Montagmittag in Aktion sind.

          Der Dortmunder Kicker bleibt über fast zwei Stunden auf seinem Tribünensitz kleben, verpasst keinen Ballwechsel. Am Ende applaudiert Kagawa erleichtert: 3:0 gewannen die Japanerinnen, die sich ihre perfekte Ausgangsposition für das Match um den Gruppensieg an diesem Dienstag gegen Deutschland bewahrten, das am Montag 3:2 gegen Spanien siegte.

          Kagawa wirkt nach dem letzten Ballwechsel ganz gelassen - im Gegensatz zum japanischen Fernsehteam. Im Anschluss an die Direktübertragung der Begegnung gegen Polen ist noch eine Liveschaltung vorgesehen - Fußballstar trifft Tischtennisidol.

          Kagawa überreicht zwei Dortmunder Trikots mit seiner Unterschrift, Fukuhara zwei überdimensionale Tischtennisschläger, ebenfalls mit Autogrammen verziert. „Ich bin ein großer Fan von ihr“, wird Kagawa später sagen. Und wer ist populärer in Japan? Kagawa lächelt scheu, aber auch ein bisschen stolz: „Die Fußballspieler.“

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