https://www.faz.net/-gtl-z6fx

Tischtennis-WM : Chinesischer Staatsauftrag: Sieg

  • -Aktualisiert am

Tischtennisverrückt: Hotelprojekt in Schläger-Form in der chinesischen Stadt Huainan Bild: Zhang anhao - Imaginechina

Seit Mao Tse-tung verlangt die Kommunistische Partei Chinas Erfolge im Tischtennis. Das System geht gnadenlos mit den Spielern um. Auch in dieser Woche bei der WM in Rotterdam sind sie zum Erfolg verdammt.

          6 Min.

          Das Tischtennis ist im Würgegriff Chinas. Die Sportwelt stöhnt. Wenn in dieser Woche in Rotterdam die Weltmeistertitel in den Individualwettbewerben ausgespielt werden, lautet die Frage nicht, welche Nation auf dem Medaillenspiegel ganz oben erscheinen wird, sondern ob überhaupt ein anderes Land auf ihm auftaucht. Dieser größte anzunehmende Unfall ist bisher noch nicht eingetreten, aber auszuschließen ist er nicht.

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Bei den Olympischen Spielen vor drei Jahren in Peking gingen alle sechs Medaillen in den Herren- und Dameneinzeln an China. Und hätte die Tischtennis-Großmacht auch jeweils drei Herren- und Damenmannschaften aufstellen dürfen, wären zu den gewonnenen Goldmedaillen höchstwahrscheinlich noch zwei silberne und zwei bronzene dazugekommen. Denn auch das zweit- und drittbeste Herren- und Damenteam sind stärker besetzt als jede extrachinesische Konkurrenz - das sagen nicht nur die Positionen auf den Weltranglisten aus, sondern mehr noch die real existierenden Kräfteverhältnisse.

          Die Chinesen sind so gut, dass sie sich nicht um Weltranglistenpunkte scheren. Manches Talent verschwindet wieder im heimatlichen Trainingszentrum, bevor es eine höhere Position in der Branchenhackordnung erklommen hat. Dass der Nachwuchsspieler auf Anhieb die besten Europäer deklassiert hat, heißt nicht, dass er seine internationale Karriere weiter verfolgen darf.

          Die Platte, die die Welt bedeutet
          Die Platte, die die Welt bedeutet : Bild: AP

          „Man hat nur eine Chance - wenn die Chinesen den Bus verpassen

          Solche für ihn leidvolle Erfahrungen hat Jean-Michel Saive in einem Bonmot verarbeitet. Der WM-Zweite von 1993 und Europameister von 1994 erlangte in der Szene Berühmtheit durch seinen ungeheuren Kampfgeist, aber vor den Mächten aus dem Reich der Mitte kapitulierte er. „Man hat nur eine Chance gegen die Chinesen - wenn sie den Bus verpassen.“ Der Belgier schwingt immer noch den Schläger. Für die WM in Rotterdam ist der 41 Jahre alte Ausnahmesportler gemeldet, im nächsten Jahr will er in London an seinen siebten olympischen Spielen teilnehmen. Dann werden auch Koreaner, Japanerinnen, Deutsche oder Spielerinnen aus Singapur die Chance auf eine Einzelmedaille haben. Nicht weil die chinesische Dominanz am Bröckeln wäre, sondern weil nur noch zwei Spieler pro Nation zum Olympischen Turnier antreten dürfen - eine Lex China.

          Woher rührt diese Überlegenheit, der nur durch Regeländerungen beizukommen ist? Es ist der Wille der alles beherrschenden Kommunistischen Partei. In China wird Tischtennis im Staatsauftrag gespielt. Das hat historische Gründe. Es ging von Jung Kuo-Tuan aus, der 1959 in Dortmund als erster chinesischer Sportler überhaupt einen Weltmeistertitel gewann und damit im Herren-Tischtennis die Vorherrschaft der verhassten Japaner beendete. Den Triumph über die ehemaligen Besatzer nutzten die Machthaber zur Propaganda in eigener Sache. Ansonsten hatte der große Vorsitzende Mao Tse-tung in dieser Zeit nicht viele Erfolgsmeldungen vorzuweisen. Das Wirtschaftskonzept „Der Große Sprung nach vorn“, mit dem China aus dem Stand zu einer Industriemacht werden wollte, führte zur größten von Menschen ausgelösten Hungerkatastrophe der Geschichte mit über zwanzig Millionen Toten.

          Zur Abwechslung einen Tischtennishelden zu feiern tat gut. Und wieso sollte es bei dem einen bleiben? Mao Tse-tung machte Tischtennis zum chinesischen Kulturgut und Nationalsport; initiierte mit 350.000 Spielern das größte Turnier der Welt, ließ wie in der Sowjetunion oder in der DDR aufwendige Sichtungssysteme entwickeln, viele Trainingsschulen entstehen und die Stars mit großem finanziellen Aufwand rundum-versorgen. Seine Vorliebe für das Tischtennis - kaum ein anderes Freizeitvergnügen wurde während der Kulturrevolution überhaupt toleriert - wirkt bis heute nach.

          „Sie hätten gegen die Chinesen sowieso nie eine Chance

          Weitere Themen

          Autobauer hoffen auf China

          Pekinger Automesse : Autobauer hoffen auf China

          Erstmals seit Beginn der Corona-Pandemie kommt die Autowelt wieder in China zu einer großen Messe zusammen. Die Aussichten für den größten Automarkt sind gut - aber auch die Abhängigkeit von China wächst.

          Topmeldungen

          Besucher auf der Pekinger Automesse probieren den neuen Mercedes V260 L SPV.

          Pekinger Automesse : Autobauer hoffen auf China

          Erstmals seit Beginn der Corona-Pandemie kommt die Autowelt wieder in China zu einer großen Messe zusammen. Die Aussichten für den größten Automarkt sind gut - aber auch die Abhängigkeit von China wächst.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.