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Spielen vor der Pyramide : Tischtennis will sich in den Fokus schmettern

Mehr Spektakel wagen: Tischtennis hat mit Spitzenspielern wie dem Deutschen Dimitrij Ovtcharov große Pläne in schwieriger Zeit. Bild: dpa

Auch wenn die Krise dem Sport zusetzt: Das internationale Tischtennis will sich neu erfinden. Die „Grand Smash“-Serie soll an spektakulären Austragungsorten Aufmerksamkeit generieren.

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          Der ägyptische Tischtennisverband sollte an diesem Donnerstag der Videokonferenz von World Table Tennis besser zugeschaltet sein und der amerikanische auch. Im nächsten Jahr könnten schließlich Weltcup- und Meisterschafts-Turniere ihrer Sportart an den Gizeh-Pyramiden und in der großen Halle des Grand Central Terminal von New York stattfinden. So jedenfalls ist es in der vollmundigen Ausschreibung der WTT zu lesen, der ausgegründeten Wirtschafts- und Vermarktungstochter des Weltverbandes ITTF. Was Wimbledon im Tennis und das Masters im Golf sind, sollen von 2021 an vier „Grand Smash“-Turniere für den Sport am blauen Tisch werden: die weltweit sichtbaren Gipfel eines erdumspannenden Sports. Jedes einzelne soll, den je 32 Besten der Besten vorbehalten, zehn Tage dauern und Abermillionen Preis-, Fernseh- und Werbegeld abwerfen.

          Michael Reinsch
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Der Deutsche Tischtennis-Bund wird online dabei sein, wenn es um den „Großen Schmetterschlag“ geht. Präsident Michael Geiger verspricht sich von dem Webinar wichtige Informationen. „Es gibt bereits 200 Seiten mit Vorgaben“, sagt er, „aber komplett sind die Informationen noch nicht, um auf Ausrichterseite das endgültige Budget und die vollständigen Organisationsstrukturen festlegen zu können, die für eine Bewerbung notwendig wären.“ Aus der jährlichen German Open könnte ein „Star Contender“-Turnier werden, stellt sich Geiger vor, ein Wettbewerb der dritten Ebene unterhalb von Grand Smash sowie Cup Finals und Championships. Doch es scheint auch, das deutet er an, Interesse zu geben, einen Grand Smash nach Deutschland zu holen. Als Bewerbungsschluss gilt immer noch der 5. Juni, auch die Vergabe der Wettbewerbe, die wenige Wochen danach erfolgen sollte, ist noch nicht neu terminiert.

          Krise als Chance für Veränderungen

          Dabei steht im internationalen Tischtennis, wie fast im gesamten Sportbetrieb der Welt, derzeit alles still. Die Mannschafts-Weltmeisterschaft in Busan (Korea), zum Beispiel, ist von März auf Juni und von Juni auf September/Oktober verschoben worden, doch niemand weiß, ob sie wirklich noch in diesem Jahr stattfinden kann. Der Australier Steve Dainton, Vorstandsvorsitzender des Weltverbandes ITTF, sieht seinen Goldesel dennoch auf dem Sprung. „In diesem entscheidenden Moment für den Weltsport“, schreibt er an die 226 nationalen Verbände, „gründen wir World Table Tennis und bringen damit mutige Ideen an den Tisch, um unserem Sport eine bessere und hellere Zukunft zu sichern. Unser ursprünglicher Plan mag aus der Zeit vor der Pandemie stammen, die nun die Erde umfasst. Aber wenn es je eine Zeit gab, Veränderungen anzugehen und uns neu zu erfinden, dann ist sie jetzt.“

          Bei Thomas Weikert, Rechtsanwalt in Limburg und Präsident der ITTF, klingt die Aussicht ein wenig anders. „Ich bin optimistisch“, sagt er, „aber es ist schwierig.“ Der Verband muss seine Rücklagen angreifen, um zu überleben. Die achtzig Mitarbeiter des Verbandes mit Sitz in Singapur müssen Gehaltskürzungen von bis zu fünfzig Prozent hinnehmen; zehn Beschäftigte der ITTF-Stiftung in Leipzig sind in Kurzarbeit. Das ehrenamtliche Präsidium verzichtet auf seine pauschale Reisekostenerstattung, Weikert auch auf das Honorar, das ihm zusteht.

          Wenn die WM in Busan noch in diesem Jahr stattfinde, werde das Minus des Verbandes 2,5 Millionen Dollar ausmachen, sagt er; fiele sie aus, erhöhte sich der Ausfall auf 5 Millionen Dollar. Schlimmer noch: Hielte die Krise an, würde der Verband Personal entlassen müssen, mit der Perspektive, es so bald wie möglich zurückzuholen. „Die ITTF ist nicht gefährdet“, sagt Weikert.

          Kein Olympia-Kredit erwünscht

          Durch die Verschiebung der Olympischen Spiele um ein Jahr fehlt in diesem Jahr ein Viertel der 18 Millionen Dollar, mit denen das Internationale Olympische Komitee (IOC) Tischtennis für den Olympia-Zyklus von vier Jahren an seinen Fernseh- und Sponsoring-Einnahmen beteiligt – und welche Tischtennis auch für den Zeitraum 2020 bis 2024 erwartete. Durch die Verschiebung der Spiele um ein Jahr ist auch die Auszahlung der Summe verschoben.

          Die Einnahmen vom IOC machen, anders als in vielen anderen Verbänden, bei der ITTF nur 20 Prozent des Budgets aus. Deshalb will Weikert auf das Angebot von IOC-Präsident Thomas Bach, den Verbänden finanziell unter die Arme zu greifen, nur eingehen, wenn damit ein Zuschuss gemeint sei. Einen Olympia-Kredit will die ITTF nicht in Anspruch nehmen.

          Die Perspektive, die neu gegründete WTT mit allen Vermarktungsrechten und mit der Expertise des lange bei Fifa und Uefa beschäftigten Marketing-Fachmannes Philippe Le Floc’h ins Rennen zu schicken, sieht Weikert positiv – „unter der Bedingung, dass die Krise in drei, vier Monaten endet“.

          So gravierend scheinen die Schwierigkeiten, die sich für Tischtennis und seinen Verband abzeichnen, dass sogar ein Konflikt ruht. „Diskreditierende Behauptungen“, so Weikert, hatten Anfang Mai dessen Präsidiumskollegen Petra Sörling und Khalil Al-Mohannadi in einem Brief an die Mitgliedsverbände verbreitet. Sie, Präsidentin des schwedischen Verbandes und als Vizepräsidentin der ITTF für die Finanzen zuständig, er Präsident des qatarischen Verbandes und Stellvertreter des Präsidenten mit gelegentlichen Ambitionen auf das höchste Amt, hatten Weikert laut der Website Insidethegames.org schlechtes Krisenmanagement vorgeworfen und die Hoffnung ausgedrückt, dass er im nächsten Jahr nicht wiedergewählt werde. Der Vorwurf ist nicht nachzuvollziehen, da die beiden den Brief nicht öffentlich machen.

          Als Weikert im Februar angekündigt habe, in einem Jahr für seine Wiederwahl zu kandidieren, sagt Petra Sörling nun, habe sie dies, mitten in der Krise, für den falschen Zeitpunkt gehalten. Aber: „Ich will keinen Kampf. Unser größter Gegner ist das Virus.“ Auf die Frage, ob sie für das Präsidentenamt kandidieren werde, antwortet sie vieldeutig: „Wir sind einige, die darüber nachdenken.“ Doch derzeit herrscht, unter dem Eindruck der Pandemie, Feuerpause.

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