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Tischtennis : Sisyphos Timo Boll liegt ein neuer chinesischer Stein im Weg

  • -Aktualisiert am

Sein Akku ist leer: Timo Boll Bild: AP

In Abwesenheit der drei besten Chinesen scheiterte Timo Boll bei den German Open im Halbfinale - an einem weiteren Chinesen, dem 17 Jahre alten Ma Long. „Er war heute einen Tick besser und kaltschnäuziger“, sagte Boll.

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          Timo Boll mag sich am Sonntag in Magdeburg wie Sisyphos vorgekommen sein. Kaum, daß er drei Steine aus dem Weg geräumt hatte, lag schon wieder ein neuer auf seinem Weg zur Nummer eins der Welt. Im Tischtennis kommen die schwersten Aufgaben aus China - und deshalb war die Freude des besten deutschen Spielers der Geschichte groß, als er vor drei Wochen die drei dicksten Brocken aus dem Reich der Mitte, Wang Liqin, Ma Lin und Wang Hao, beim Worldcup in Lüttich nacheinander besiegte und den Titel gewann.

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Der Triumph hatte Folgen. Boll rückte in der Weltrangliste wieder in Reichweite des führenden Weltmeisters Wang Liqin, und der Vorverkauf für die German Open in Magdeburg zog an. Insgesamt 12.000 Zuschauer wollten beim letzten großen Turnier in Deutschland vor der Mannschafts-Weltmeisterschaft in Bremen miterleben, wie der 24 Jahre alte Hesse den letzten Schritt von Position zwei auf eins in der Tischtennis-Hierarchie vollzieht.

          „Ich will es nicht auf die Müdigkeit schieben“

          Aber daraus wurde nichts. In Abwesenheit der drei großen Chinesen, die sich nach anstrengenden Wochen eine Pause gönnten, scheiterte Boll am Sonntag vormittag im Halbfinale - an einem weiteren Chinesen, Jugend-Weltmeister Ma Long. Der 17 Jahre alte Rechtshänder gewann wie schon bei den China Open gegen Boll, diesmal 4:1. "Ich will es nicht auf die Müdigkeit schieben. Ma Long war heute einen Tick besser und kaltschnäuziger", kommentierte der Hesse. Im Finale stoppte der Weißrusse Wladimir Samsonow den chinesischen Teenager. Der Europameister gewann in einem hochklassigen und engen Match mit 4:3 Sätzen.

          Herrenbundestrainer Richard Prause leitete aus der Niederlage keine weitreichenderen bitteren Erkenntnisse ab: "Ma Long wird in Zukunft sicher kein Angstgegner für Timo werden. Keiner, dessen Spiel eine spezielle Taktik erfordert." Boll entgegnete allerdings: "Mein Lieblingsgegner wird Ma Long aber auch nicht." Der Europameister von 2002 lobte die Frühreife des Chinesen, dessen Nervenstärke, Konstanz und Schlagtechnik. "Er wird sich sicher oben in der Weltrangliste etablieren. Ich erwarte ihn schon bei der Mannschafts-Weltmeisterschaft in Bremen, die Chinesen pushen ihn sehr stark", sagt Boll. Für ihn sei die Niederlage kein Weltuntergang. Zumal sein Akku ziemlich leer sei. "Ich hätte auch eine Pause gemacht, wenn das Turnier nicht in Deutschland stattgefunden hätte", meinte der deutsche Serienmeister.

          Rückschlag für Süß

          Für Cheftrainer Dirk Schimmelpfennig ist es bewundernswert, wie sein Spitzenspieler in Magdeburg trotz fehlender Frische agiert habe. "Seine neuen spielerischen Möglichkeiten hat er clever eingesetzt." So kamen auf dem Weg ins Halbfinale überzeugende Siege gegen den dänischen WM-Dritten Michael Maze und dem 14. der Weltrangliste, Adrian Crisan aus Rumänien, zustande. "In Bremen wird Timo in anderer Verfassung an den Start gehen", verspricht Schimmelpfennig eine Steigerung.

          Um bei der Mannschafts-Weltmeisterschaft die erträumte Medaille zu gewinnen, bedarf es im deutschen Team allerdings eines zweiten absoluten Weltklassespielers. In den Monaten vor den German Open weckte Christian Süß Hoffnungen, in diese Rolle schlüpfen zu können. In Magdeburg wurde der Aufwärtstrend des 20 Jahre alte Düsseldorfers allerdings unterbrochen. Wobei das Aus in der zweiten Runde gegen den Zwölften der Weltrangliste Chuan Chih-Yuan aus Taiwan keine Schande war. Dafür spielte sich ein alter Bekannter in der deutschen Nationalmannschaft wieder ins Blickfeld. Nach Monaten der Krise stieß Zoltan Fejer-Konnerth, wie Boll, bis ins Halbfinale vor. Dabei profitierte er zwar davon, daß ihm zunächst der Russe Schmyrew den Vorjahresfinalisten Liu Guozheng aus China und dann der Serbe Aleksandar Karakasevic den Olympiasieger Ryu Seung Min aus Südkorea aus dem Weg räumten. Aber der Erfolg über Bolls Angstgegner Alexej Smirnow aus Rußland war schon bemerkenswert.

          „Ich habe den Erfolg so dringend gebraucht“

          Fejer-Konnerth bereitete den Tischtennisfans in Magdeburg von allen Profis vielleicht die größte Freude. Gleich zweimal gelang es ihm, das Publikum mit einer ungewöhnlichen Schlagtechnik zu verblüffen und zu bezaubern. Gegen Smirnow und gegen Karakasevic machte er in aussichtsloser Situation einen Punkt, als er den Schläger hinter dem Rücken führte. "Ich versuche den Schlag immer, wenn ich auf dem falschen Fuß erwischt werde. Es macht Spaß, so zu punkten." Dieser Lösungsversuch entspricht dem spielerischen Naturell des Profis Fejer-Konnerth. Der 27 Jahre alte Grenzauer spielt spektakulär gut, wenn es schwierig wird. Die sogenannten "kleinen" Punkte, nach taktischem Geplänkel am Tisch, macht häufig der Gegner.

          2002 wurde der 46. der Weltrangliste mit Timo Boll in Zagreb Europameister im Doppel. Und auch zum Gewinn der Silbermedaille bei der Mannschafts-WM 2004 in Katar leistete er einen wichtigen Beitrag. Aber zu einer konstanten Größe in der deutschen Nationalmannschaft stieg der gebürtige Rumäne nie auf. Vor Magdeburg, wo er 2000 seinen einzigen deutschen Einzeltitel gewann, schien sein Platz für Bremen sogar stark gefährdet. "Ich hätte gelacht, wenn mir vorher jemand gesagt hätte, ich käme hier ins Halbfinale", gestand Fejer-Konnerth ein. "Mein Selbstvertrauen war völlig weg, ich habe den Erfolg so dringend gebraucht." Im Halbfinale deutete wieder einmal er seine großen Möglichkeiten an. Zwar unterlag er Samsonow 0:4, aber jeder Satz war umkämpft. Die längeren Ballwechsel gewann sogar meist der Deutsche. "Aber meine Aufschläge waren heute zu schlecht, um eine Chance zu haben." Aber so etwas kann man bis zur WM wirklich noch üben.

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