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Tischtennis : Miss Leutzsch

  • -Aktualisiert am

Immer dabei: Linda Renner kennt alle Tischtennis-Klassen von ganz unten bis ganz oben Bild: privat

Die Tischtennis-Damen der Leutzscher Füchse sind von der Kreisliga bis in die Bundesliga aufgestiegen. Noch sensationeller: Linda Renner war immer dabei.

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          Für die Tischtennis-Damen der Leutzscher Füchse gab es am Sonntag zum Bundesliga-Auftakt nicht viel zu gewinnen. Aber das hatten sie auch nicht erwartet. Dabeisein ist alles für Spielerinnen aus dem Leipziger Stadtteil. Und so überstrahlte der Premierenstolz den Frust über die 1:6-Niederlage bei der Tusem Essen bei weitem. Vereinsführung und Trainer waren eher skeptisch, als sich die Chance zum Aufstieg am Ende der vergangenen Spielzeit bot; der Leistungssprung erschien viel zu groß, die Fahrten so weit, und für namhafte Verstärkungen war auch kein Geld da. Doch die Spielerinnen entschieden sich dafür. „Ich will wissen, wie groß der Abstand ist, wie viel noch fehlt“, sagt Linda Renner.

          Am Sonntag fehlte viel. Weder im Doppel noch im Einzel vermochte sie einen Satz zu gewinnen. Doch die 24 Jahre alte Leipzigerin wollte auch den letzten Schritt in ihrer persönlichen Aschenputtel-Geschichte machen. Denn sie hat zumindest im deutschen Tischtennis etwas Einmaliges geschafft: Die Studentin arbeitete sich von der Kreisliga bis in die höchste Spielklasse empor, immer im selben Verein - und ohne jemals in den Genuss irgendwelcher Förderprogramme gekommen zu sein.

          Erst mit zwölf Jahren kam Linda Renner zum Tischtennis. „Damals hatte ich keine Ahnung, wie gut ich werden kann“, erzählt sie. Schon als Dreizehnjährige musste sie bei den Damen spielen - nicht wegen ihrer Spielstärke, sondern wegen Personalmangels. Ihre ersten fünf Jahre waren dann auch eher unauffällig. Mit ihrer Mannschaft stieg sie zwar regelmäßig auf.. „Aber bei Einzelturnieren war ich nicht weit vorn.“ Erst mit 17, in ihrem letzten Jahr als Jugendliche, gewann sie in Sachsen alle Turniere auf Landesebene.

          „Linda ist unglaublich ehrgeizig, und ich denke, dass wir als Trainerteam einen Anteil an ihren Fortschritten haben“, sagt Marco Fehl, der seit dem ersten Tag mit der Spielerin arbeitet. „Wir haben ihr beigebracht, es geil zu finden, sich anzustrengen. Der Großteil ihrer Entwicklung liegt in ihr selbst, in Lindas Persönlichkeit.“ Linda Renner gibt das Kompliment zurück: „Das ganze Modell ist der Grundstein dafür gewesen, dass das so geklappt hat.“ Damit meint sie eine ungewöhnliche Kooperation: Fehls Tischtennisschule „TeTaKo“ (Technik, Taktik, Kondition) kümmert sich in Leipzig mit zwei Trainern um Renner & Co. sowie den Nachwuchs des Klubs. „TeTaKo“ stellt die Trainer, veranstaltet Trainingslager, die Füchse bringen die Sportler.

          „Es war halt Brachland hier“

          Das ist deshalb so bemerkenswert, weil Ostdeutschland eine Tischtennis-Diaspora ist. In der ehemaligen DDR galt die Sportart nicht als förderungswürdig, weil sie nicht olympisch war. Erst 1988 in Seoul war es so weit, und den Rückstand der vorherigen Jahrzehnte haben die neuen Bundesländer bis heute nicht aufgeholt. „Viele haben uns für verrückt erklärt und nicht geglaubt, dass das gutgeht“, erinnert sich Fehl. Das Studium hatte den Hessen und heutigen Diplomsportlehrer nach Leipzig verschlagen: „Es war halt Brachland hier, aber deshalb auch einfach, durch Leistung zu überzeugen.“

          2007 eröffneten Fehl und sein Kollege Kai Wienholz dem Verein ihren ambitionierten Fünf-Jahres-Plan: Sie wollten es nur mit einheimischen Spielerinnen bis in die zweite Bundesliga schaffen. „Da haben uns alle ausgelacht. Eine Linda Renner könne doch niemals höher als Oberliga spielen.“ Doch statt in der vierten Liga ist sie in der höchsten Klasse angekommen. Dort spielen Anna-Marie Helbig und Houng Do Thi noch zwei weitere Leipzigerinnen, dazu stieß mit Kathrin Mühlbach eine Nationalspielerin hinzu. „Wir sind natürlich ziemlich stolz darauf, erstklassig zu sein“, sagt Linda Renner, und die Leipziger Tischtennisfreunde sind es auch. Bis zu 200 Zuschauer kamen zu den Zweitliga-Spitzenspielen. 300 werden zum Heimspieldebüt erwartet. Zum Vergleich: Tusem Essen begrüßte zum Erstligastart gegen Leutzsch gerade 72 Besucher.

          Linda Renner lebt und arbeitet für die Füchse

          Die Erwartungen sind nicht hoch. Allein gegen Mitaufsteiger Watzenborn-Steinberg könnte eine Siegchance bestehen. Gegen alle anderen Mannschaften müssen die Sächsinnen mit 0:6-Niederlagen rechnen. Dennoch sagt Linda Renner: „Ich bin davon überzeugt, dass wir das überleben.“

          Sie hat auf ihrem Weg von der Kreisliga bis in die Bundesliga noch nie einen Cent bekommen, und daran dürfte sich auch so schnell nichts ändern. Aber als Trainerin will sie versuchen, „mit Tischtennis meinen Lebensunterhalt zu verdienen“. Die Studentin der Sportwissenschaften hat seit zwei Jahren die B-Lizenz und verdient sich als Mitglied des „TeTaKo“-Teams ein bisschen Geld fürs Studium, indem sie die Jugendlichen mittrainiert. Daneben engagiert sie sich ehrenamtlich als Jugendwartin. „Die Trainer haben mir früh beigebracht, dass man dem Verein etwas zurückgeben sollte“, sagt sie. „Mir ist es wichtig, eine Vorreiterin zu sein.“

          Linda Renner lebt und arbeitet für die Füchse. Damit ist sie ein Vorbild und auch so etwas wie der kleine Star in der Mannschaft. Das zeigt sich in jedem Heimspiel: Vor jedem Einzel muss sie nicht nur die Hände der Kolleginnen abklatschen, sondern auch die einiger Fans. „Ziemlich viele Leute kennen mich halt persönlich“, sagt sie dazu bescheiden. Für das Publikum ist sie „Miss Leutzsch“.

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