https://www.faz.net/-gtl-6l7rw

Tischtennis : Kreisligaspieler von Beruf

  • -Aktualisiert am

Matthias Hackl trainiert wie ein Profi und spielt wie ein Amateur Bild:

Der Tischtennis-Enthusiast Matthias Hackl erfüllt sich einen Traum: Er ist Deutschlands einziger Profi in der Kreisliga. Hackl hat sich aus dem Berufsleben zurückgezogen und konzentriert sich nur auf seinen Sport. Dafür investiert er viel.

          4 Min.

          Matthias Hackl ist an diesem tristen Herbstmorgen frustriert – er kann nicht arbeiten. „Ich habe mir eine Grippe eingefangen“, sagt er zerknirscht. Seine Profession ist Tischtennis. Der 30 Jahre alte Mittelfranke hat aber noch nie gegen Timo Boll gespielt und ist bei keinem Bundesligaklub unter Vertrag: Hackl ist Deutschlands einziger Profi in der Kreisliga, der zehnthöchsten Liga – oder der vierttiefsten – und hat ein außergewöhnliches Experiment gestartet. „Jeder Vereinsspieler fragt sich irgendwann: Wie weit hätte ich es mit professionellem Training bringen können“, sagt er. „Ich bin der erste, der es in die Tat umsetzt und lebe meinen Traum.“

          Nicht nur wegen seines Alters ist er ein Spätberufener: Mit Tischtennis hörte Hackl im Alter von 16 nach nur vier Jahren wieder auf. „Nach acht Jahren Pause hat es mich umso heftiger erwischt“, berichtet er. Schuld war Manfred Baum, einer besten deutschen Spieler der siebziger Jahre, der zweimal mit dem heutigen Boll-Klub Borussia Düsseldorf deutscher Meister wurde. Er war der Übungsleiter, als Hackl – ohne Hintergedanken – einen Lehrgang an der Tischtennis-Schule Grenzau absolvierte und wurde dessen erster Privattrainer.

          Der 30 Jahre alte Hackl entschloss sich zu einer Zäsur in seinem Leben. Zehn Jahre hatte der gelernte Schreiner und Industriekaufmann nach dem frühen Tod seines Vaters im mittelständischen Familienunternehmen in Herrieden bei Ansbach gearbeitet – Fenster, Haustüren und Rollläden aus Kunststoffen, etwa 370 Mitarbeiter. Damit war nun Schluss. „Ich habe mich entschieden, mich aus dem operativen Geschäft auszuklinken und ein paar Jahre auf Tischtennis zu konzentrieren“, sagt er. „Da haben natürlich alle große Augen gemacht.“ Nicht nur die Sportkollegen, sondern auch seine Mutter: „Sie hat gesagt: Junge, überlege dir gut, was du tust.“

          Gegen Timo Boll durfte Hackl bislang noch nicht spielen
          Gegen Timo Boll durfte Hackl bislang noch nicht spielen : Bild: dpa

          Zehn Kilo zu viel

          Der Filius verwirklichte zielstrebig seine Pläne. „Der Matthias ist Profi, mit allem, was dazu gehört“, sagt Torben Wosik. „Der einzige Unterschied ist, dass er nicht so gut ist, um Geld damit zu verdienen.“ Der EM-Zweite von 2003 ist seit Juni vergangenen Jahres Hackls zweiter Privattrainer. Hinzu kommt das Vereinstraining beim TSV Ansbach. Auch abseits des Tisches hat er sich ein strammes Programm auferlegt: Er steht jeden Morgen um 6.30 Uhr auf, macht einen zügigen Stundenmarsch mit seinen Hunden, Fitnesstraining und lebt nach Metabolic Balance, einem ganzheitlichen Stoffwechselprogramm mit individuellem Ernährungsplan, das zurzeit als Trend-Diät reüssiert. „Ich hatte bei 1,76 Meter 88 Kilo und damit zehn Kilo zu viel auf den Rippen“, sagt der Jungprofi, der von seinen jetzigen 79 Kilo noch „ein oder zwei“ verlieren möchte. „Ich bin natürlich viel beweglicher als am Anfang.“

          Für Wosik ist dies eine wichtige Basis für eine erfolgreiche Zusammenarbeit, die der Trainer wenige Monate nach Eröffnung seiner Akademie in Böblingen sehr ernst nimmt. „Ich habe ihm gesagt, dass er bereit sein muss, sich zu quälen, wenn er das Maximum erreichen will“, sagt der 37 Jahre alte Wosik. Es sei nötig gewesen, Hackl technisch vom Kopf auf die Füße zu stellen. „Als wir uns das erste Mal trafen, hatte er gar keine Technik.“ An drei Tagen in der Woche feilen die beiden daran. Hackl hat die Einheiten zunächst mal bis Ende 2011 gebucht, Wosik nennt ihn „meinen Flatrate-Kunden“.

          Weitere Themen

          Die Wut der Verzweiflung

          Mainz 05 in der Krise : Die Wut der Verzweiflung

          Die Mainzer spielen in der Fußball-Bundesliga wieder besser, verlieren aber weiter. Am Ende versucht sogar der gegnerische Trainer, die unterlegenen Spieler aufzumuntern.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.