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Tischtennis in den USA : Nur ein Rätsel löst der Kreuzwort-König nicht

  • -Aktualisiert am

Kreuzworträtsel kann er, aber seine große Leidenschaftr ist das Tischtennis: Will Shortz Bild: AP

Die Zahl der organisierten Tischtennis-Spieler in den USA ist „erbärmlich gering“. Ein Mann will die Sportart im Austragungsland der WM voranbringen. Er tut dafür einiges. Es ist eine wahre Obsession.

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          In seinem Hauptberuf ist er Spezialist für knifflige Sachen. Was schwierig genug ist. Denn als verantwortlicher Redakteur des Kreuzworträtsels, das jeden Tag in der New York Times erscheint, hat man einen Ruf zu verlieren: Es gilt als eines der besten der Welt. Als Meister von anspruchsvollen Denkspielen hat er sich jedoch im Laufe der Zeit längst einen eigenen Namen gemacht. Unter anderem mit der Erfindung der World Puzzle Championship, einer Weltmeisterschaft, die seit 1992 jedes Jahr in einem anderen Land ausgetragen wird.

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          Den Ausgleich zu intensiver Kopfarbeit und zahllosen Reisen hat Will Shortz schon vor Längerem in einer Sportart gefunden, der in Amerika nur wenige Menschen in seinem Alter nachgehen. Der 69-Jährige spielt Tischtennis. Und zwar mit einer rast­losen Energie. „Ich bin der Einzige, der in allen 50 Staaten in einem Tischtennis-Klub gespielt hat“, sagte er vor ein paar Tagen. „Und ich habe bisher in Klubs in vierzig Ländern gespielt.“ Aber das ist noch nicht alles. Seit dem 4. Oktober 2012 hat er an jedem der mehr als 3000 Tage einen Schläger in der Hand gehabt und gibt unumwunden zu: „Ja, das ist obsessiv.“

          Aber vermutlich braucht eine Sportart im Konkurrenzkampf um Aufmerksamkeit solch positiv verrückte Anhänger. Erst recht in einem Land wie den Vereinigten Staaten mit seinen 330 Millionen Einwohnern. Shortz leistet dazu jedenfalls einen erheblichen Beitrag. Er betreibt in Pleasantville, einer kleinen Stadt im Speckgürtel nördlich von New York, seit etwas mehr als zehn Jahren ein Trainingszentrum für jedermann mit 30 Tischen: das Westchester Table Tennis Center.

          „Wir haben im Oktober 2012 unser erstes Turnier organisiert. Wir hatten 161 Spieler, was für amerikanische Verhältnisse wirklich viel ist. Im darauffolgenden Jahr haben wir mit monatlichen Turnieren begonnen. Die veranstalten wir seither – mit einer kurzen Unterbrechung während der Pandemie – jeden Monat.“ Headliner sind Spieler aus der ganzen Welt. „Beim letzten war Benedek Oláh aus Finnland dabei, Nummer 78 der Weltrangliste.“ Am Mittwoch kommt der Österreicher Robert Gardos auf dem Rückweg von Texas vorbei, um mit interessierten Amateuren zu trainieren, als 27. der Weltrangliste eine Zugnummer. Ein paar Tage später offeriert der Ägypter El-Sayed Lashin sein Können, ein ehemaliger Afrika-Meister.

          „Eine erbärmlich geringe Zahl“

          Die konstanten Angebote haben dafür gesorgt, dass das Trainingszentrum von Shortz im amerikanischen Nordosten eine exponierte Stellung innehat. Und dass die Sportart, die in der Vergangenheit vor allem von der Begeisterung chinesischer Einwanderer zehrte, die in Metropolen wie San Francisco, Los Angeles und New York ihre kulturelle Identität pflegen, allmählich einen spürbaren Aufschwung erlebt.

          Obwohl Tischtennis seit 1988 olympisch ist und damit unter dem Dach des amerikanischen NOK an Fördermittel herankommt, hat der Fachverband USA Table Tennis gerade mal 8000 Mitglieder. Shortz sagt: „eine erbärmlich geringe Zahl“. Mit den üblichen Auswirkungen wie dem Mangel an Medienpräsenz. Dass der Amerikaner Kanak Jha bei der WM in Houston, der ersten überhaupt in Nordamerika, am Samstag im Einzel gegen den Düsseldorfer Favoriten Timo Boll im Viertelfinale ausschied und im Doppel zusammen mit seinem chinesischen Partner Wang Manyu das Achtelfinale erreichen konnte, war in den Vereinigten Staaten keiner Publikation von Rang auch nur eine Meldung wert. Es hilft natürlich nicht, dass Jha beim württembergischen Bundesligaklub TTF Liebherr Ochsenhausen sein Geld verdient.

          Auch die Erfolge der amerikanischen Topspieler etwa mit dem Gewinn der Goldmedaille im Mannschaftswettbewerb der Männer bei den Panamerikanischen Spielen 2019 fallen nicht ins Gewicht. Die Frage nach dem fehlenden Unterbau beschäftigt Shortz schon lange. Seine Antwort: „Wenn man Leuten erzählt, dass man Tischtennis spielt, weiß jeder, was das ist, weil man es als Kind gespielt hat, in der Schule, als Teil der Freizeitangebote von Kirchengemeinden. Aber die meisten denken nicht, dass es ein Sport ist. Deshalb hat es kein Prestige.“ Weshalb der Zuschauerzuspruch bei der WM in Houston auch bescheiden ausgefallen ist.

          Andere Sportarten aus dem olympischen Bereich profitieren von einer Verankerung an den Highschools und Universitäten, welche die besten Nachwuchsathleten sogar mit Stipendien locken. Davon profitieren abseits von den Publikumsfavoriten wie Football und Basketball solche Disziplinen wie Ringen und Wasserball, Golf und Turnen. Es existiert zwar eine National Collegiate Table Tennis Association, die das Spiel von Studenten organisiert und regionale und nationale Meisterschaften austrägt. Finanzielle Anreize gibt es jedoch keine. „In anderen Ländern wie in Deutschland kann man davon leben, wenn man wirklich gut ist. Wenn man gesponsert wird und für eine Mannschaft spielt. In den Vereinigten Staaten hat man diese Möglichkeit nicht“, sagt Shortz. „Du musst ins Ausland gehen. Oder wenn du hier bleibst, dann musst du als Trainer arbeiten. Es ist einfach schwierig.“

          Dass Kanak Jha bei der WM gut spielte, war keiner Publikation von Rang auch nur eine Meldung wert.
          Dass Kanak Jha bei der WM gut spielte, war keiner Publikation von Rang auch nur eine Meldung wert. : Bild: AFP

          Schwierig, aber nicht unlösbar. „Vor fünfzehn Jahren gab es in den Vereinigten Staaten nur ein halbes Dutzend Klubs, die sich voll und ganz dem Tischtennis gewidmet hatten. Mittlerweile sind es 75 oder 80 so wie in Westchester. Das ist also ein gutes Zeichen. Bei Turnieren werden höhere Prämien offeriert. Bei uns sind es jeden Monat 6000 Dollar an Preisgeld, 2000 Dollar bekommt der Gewinner. Und ich hoffe, dass ich das noch erhöhen kann.“

          Die Einrichtung selbst allerdings ist defizitär und überlebt nur deshalb, weil sich Shortz als erfolgreicher Herausgeber von Kreuzworträtsel-Büchern ein solches Liebhaberprojekt leisten kann. „Natürlich mache ich das, weil ich den Sport liebe.“ Die Rechnung würde erst dann aufgehen, wenn sich potente Sponsoren wirtschaftlich einbringen. Wie man das bewerkstelligt, ist ein Rätsel, das Shortz noch nicht gelöst hat.

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