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Tischtennis : Festtage im Pokal - Tristesse in der Liga

  • -Aktualisiert am

Es gibt nur einen Timo Boll: Als Zugpferd reicht er nicht für die Liga Bild: dpa

Am Ende gewinnt wieder Borussia Düsseldorf mit Timo Boll. Doch die stimmungsvolle Finalrunde macht deutlich: Im Tischtennis ist der Pokal attraktiver als die Punktrunde.

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          Stuttgart hat beste Chancen, zum Berlin des Tischtennis zu werden. 6000 Zuschauer sorgten am Wochenende für eine tolle Atmosphäre beim Pokalfinale in der Porsche-Arena, das Borussia Düsseldorf mit einem 3:0 gegen den TTC RhönSprudel Fulda-Maberzell für sich entschied. Die Rheinländer um ihren Spitzenspieler Timo Boll waren durch zwei 3:1-Siege über Titelverteidiger Saarbrücken und Werder Bremen ins Finale eingezogen. Fulda hatte sich in der schwächer besetzten anderen Turnierhälfte mit 3:1 gegen den Zweitligaklub Union Velbert im Halbfinale durchgesetzt, der zuvor überraschend den letztmaligen Finalteilnehmer SV Plüderhausen mit 3:0 ausgeschaltet hatte.

          Turnierveranstalter Rolf Schneider ist am Wochenende seinem Ziel, Stuttgart dauerhaft als Gastgeber für das Pokal-Wochenende zu etablieren, näher gekommen, die Stadt erlebte Tischtennis-Festtage. Der Alltag sieht freilich völlig anders aus: Die Bundesliga muss sich ernste Sorgen um ihre Zukunft machen. Den ersten herben Rückschlag gab es bereits kurz vor Beginn dieser Spielzeit. Die TG Hanau zog ihre Mannschaft in letzter Minute wegen finanzieller Schwierigkeiten aus der TTBL zurück. Weil sich auf die Schnelle kein Nachrücker fand, wurde mit neun statt zehn Mannschaften gestartet.

          Mittlerweile sind es sogar nur noch acht. Der TTC Ruhrstadt Herne, auch für die Pokal-Endrunde der besten acht Teams qualifiziert, stieg am 20. Dezember aus, nur wenige Tage vor Beginn der Rückrunde. Der Verein teilte mit, er habe die ausstehenden Gebühren nicht bezahlen können. Dabei geht es keinesfalls um astronomische Summen. Ein großes Problem stellten die im Etat nicht vorgesehenen Zusatzkosten für die Live-Übertragungen der Bundesliga-Spiele im Internet dar. Dabei war immer von etwa 5000 Euro pro Saison sie Rede. „Es ist ein bisschen mehr“, kommentierte Hernes Geschäftsführer Arthur Schemp kurz vor dem Rückzug. „Wir sind ein ganz kleiner Verein, der darum kämpft, sich in der Bundesliga am Leben zu halten. Wenn da 5000 bis 8000 Euro nicht einkalkuliert wurden, tut uns das extrem weh.“

          Situation in der Bundesliga besorgniserregend

          Damit ist der Abstiegskampf schon jetzt Geschichte: Auch wer in der geschrumpften Achter-Liga Letzter wird, braucht die TTBL nicht zu verlassen. Um sie in der kommenden Saison wieder voll zu bekommen, müssten beide Zweitliga-Meister (Staffeln Nord und Süd) aufsteigen wollen. Doch das war zuletzt im Jahre 2005 der Fall, seitdem hat mindestens einer von ihnen verzichtet, teils sogar beide. Den meisten Vereinen ist der Sprung ins Oberhaus finanziell zu groß. Die Etats sind um ein Vielfaches höher.

          Neu etablieren konnte sich seitdem in der Ersten Bundesliga nur Bremen, das 2007 den Sprung wagte und sich Schritt für Schritt zum Spitzenklub entwickelte. Aber hinter Werder steht ein finanzkräftiger Fußball-Bundesligaklub. Dessen direkte finanzielle Zuwendungen halten sich zwar in Grenzen. „Aber Präsident Klaus-Dieter Fischer steht voll hinter dem Tischtennis-Projekt und öffnet uns sehr viele Türen bei Sponsoren“, sagt Team-Manager Sascha Greber. In dieser Saison spielen die Grün-Weißen sogar erstmals in der Champions League und haben dort das Viertelfinale erreicht. Von solchen Möglichkeiten können andere Vereine nur träumen. Selbst Präsident Manfred Gstettner von Bundesliga-Urgestein TTC Zugbrücke Grenzau beklagt, es werde immer schwieriger, das nötige Geld zusammenzubekommen. Und der SV Plüderhausen aus der Nähe von Stuttgart sagt bereits seit Jahren, dass jede Saison in der TTBL die letzte sein könnte. „Das ist auch diesmal wieder der Fall“, bestätigte Pressesprecher Ulrich Engele in Stuttgart. „Dann können es ganz schnell nur noch sieben Mannschaften sein. Die Situation in der Bundesliga ist insgesamt besorgniserregend.“

          Timo Boll mit 14 Leuten in der Gemeinschaftsdusche

          Aus den zweiten Ligen hat bisher nur Süd-Herbstmeister Post SV Mühlhausen sein Interesse am Aufstieg bekundet. Die Chancen, das nötige Geld zusammenzubekommen, gibt Abteilungsleiter und Manager Thomas Baier mit „fifty-fifty“ an. Aber es gibt ein anderes Problem: „Wir haben keine geeignete Sporthalle.“ In der Halle am Kristanplatz fehlt nicht nur der rote Boden. „Sie fasst weder 400 Zuschauer noch hat sie die in der TTBL vorgeschriebenen Abmessungen“, so Baier. „Die TTBL müsste uns bei den Auflagen entgegenkommen.“ Dazu scheint die Liga und auch die Konkurrenz bereit, doch sie kennen die Bedingungen dort nicht vom Augenschein. Rolf Wohlhaupter-Hermann, Präsident des TTC matec Frickenhausen, sagt jedoch: „Unsere zweite Mannschaft spielt ja da, die Halle kannst du vergessen. Ich möchte mal sehen, wie Timo Boll mit 14 Leuten in der Gemeinschaftsdusche steht.“

          Vielleicht kommt auch wieder eine alte Forderung auf den Tisch. Mehrere Spitzenvereine hatten sich bereits vor Jahren für eine Verkleinerung der Liga auf acht Mannschaften eingesetzt. Damals waren sie aber am Widerstand der Kleinen gescheitert, die nicht auf die Einnahmen aus zwei Heimspielen verzichten wollten. „Die Großen wie Ochsenhausen und Düsseldorf wollten das ja schon immer“, sagte Ulrich Engele vom SV Plüderhausen. „Aber jetzt gibt es fast keine Argumente mehr gegen eine Achter-Liga.“

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