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Tischtennis : Die Suche nach der alten Magie beginnt in Plüderhausen

  • -Aktualisiert am

Der zweifelnde Tischtennis-Weltstar Jan-Ove Waldner macht sich in der Provinz auf den langen Weg nach Athen.

          Die Faust ballt sich kraftvoll, der Blick drückt auch nach dem verwandelten Matchball noch Entschlossenheit aus. Dann winkt Jan-Ove Waldner kurz ins Publikum, der Gruß wirkt beinahe militärisch: Auftrag ausgeführt. Gerade hat das Tischtennis-Idol aus Schweden nach dem deutschen Nationalspieler Lars Hielscher auch den niederländischen WM-Teilnehmer Trinko Keen besiegt, damit seine neue Mannschaft auf die Siegerstraße gebracht. Und tatsächlich verwerten seine Kollegen vom SV Plüderhausen die Vorlage des Champions: Chen Hongyu und Yang Jianhua sichern den 6:3-Triumph im Auftaktspiel der Tischtennis-Bundesligasaison 2003/2004 über die SIG Jülich/Hoengen.

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          "Wir haben in fünf Jahren Bundesliga noch nie gegen Jülich gewonnen." Gerrit Albrecht, Manager des SV Plüderhausen, jubelt lauter als die meisten der 800 Zuschauer in der örtlichen Schulsporthalle. Er hat die Investition gewagt, er lockte den Weltstar in die schwäbische Provinz, er hat alles richtig gemacht. Hat er? Daran zweifelten manche vor dem Saisonstart, und wenn sich die Begeisterung nach dem ersten Triumph gelegt haben wird, werden einige Zweifel wieder aufkeimen. Waldner in Plüderhausen? Der kommt doch nur zum Abkassieren in die 10 000-Seelen-Gemeinde im Remstal, wo der SV eine lokale Attraktion bildet, aber trotz eines ETTU-Sieges 2002 nie den Sprung in die nationale Öffentlichkeit schaffte. Waldner weiß um diese Vorbehalte. Vielleicht war deshalb sein Jubel und sein ganzes Auftreten ein Ausbund an Ernsthaftigkeit.

          Der Olympiasieger und vielfache Weltmeister traut sich ja selbst nicht. Seit mehr als 20 Jahren bewegt er sich auf Weltklasseniveau, da fehlen der Spielernatur manchmal die Reize, wenn es nicht gerade um große Titel geht. "Es ist gut für meine Konzentration, daß ich einen stark leistungsbezogenen Vertrag unterschrieben habe", sagt Waldner. Von seinem vereinbarten Gehalt werde nur etwa 50 Prozent als Fixum ausbezahlt, den Rest müsse er sich über Siege hinzuverdienen. Das behauptet Frank Schreiner, der Mann, der den Deal eingefädelt hat. Der Saarländer ist Chef des Tischtennisausrüsters Donic. Bei Schreiner stehen sowohl Waldner als auch Plüderhausen unter Vertrag. Naheliegend, daß er sie zusammenbrachte, als der Heimatklub des Schweden, Kalmar, in eine finanzielle Zwangslage kam. "Deutschland ist mit 40 Prozent am Gesamtumsatz unser wichtigster Markt. Ich habe ein Interesse daran, daß Jan-Ove in der Bundesliga spielt und damit Werbung für uns betreibt." Auch Schreiner bestand auf den Leistungsfaktor im Kontrakt, weil er seinen alten Schweden kennt. Peinliche Niederlagen von Waldner wären schlecht für sein Geschäft.

          Nicht nur Waldners Motivation erschien zweifelhaft, auch sein spielerisches Vermögen. Im vergangenen Oktober brach sich der 37jährige Tischtennisprofi auf dem Weg zur Toilette in einem Restaurant den Fuß. Seitdem hatte er nur einen offiziellen Auftritt. Bei der Einzel-Weltmeisterschaft in Paris im vergangenen Mai schied der Schwede gegen den unbekannten Griechen Papageorgiou in der ersten Runde aus. "In dem Alter ist eine fast einjährige Spielpause so brutal wie drei Jahre Pause mit 22", sagt Torben Wosik. Der EM-Zweite dieses Jahres spielt in der Bundesliga für den Nachbarn Frickenhausen. Natürlich ist er mit all seinen Kollegen zu Waldners Premiere angereist. Wosiks Kritik fällt überschwenglich aus, obwohl er den Schweden bei vielen Gelegenheiten schon viel stärker gesehen hat: "Was noch immer kommen mag: er bleibt für mich der beste Spieler aller Zeiten." Natürlich entgeht ihm nicht Waldners Behäbigkeit, dessen erhöhte Fehlerquote. Aber lieber lobt Wosik dessen feines Händchen und die Ausstrahlung. Ein Spieler mit weniger Talent hätte in diesem Alter vielleicht gar keine Chance mehr, noch einmal an die Spitze heranzukommen.

          "Ich hätte ihn auch für Frickenhausen verpflichtet, auch wenn er kein Spiel gewinnen würde", sagt Wosik. Das gleiche behauptet Arnold Beginn, der Macher von Jülich/Hoengen. "Die ganze Bundesliga profitiert von Waldner. Hätte Plüderhausen ein bißchen Geld gefehlt, hätte ich ihnen aus unserem Etat etwas dazugeschossen." 800 Zuschauer in Plüderhausen, das klingt nicht viel, aber die Tischtennisleute sind bescheiden. Im vergangenen Jahr lag der Schnitt bei 400. Der Schwede macht es den Fans leicht, ihn zu mögen, auch seinen Mannschaftskameraden. Ihm sind Stargehabe oder Berührungsängste fremd. Selbstverständlich gibt er Autogramme, selbstverständlich bleibt er bis in die frühen Morgenstunden bei der Siegesfeier.

          "Ich bin sehr zufrieden, mit dem, was ich heute gespielt habe", sagte der Schwede. Die beiden Siege waren nicht glanzvoll, sie gingen ihm nicht leicht von Hand. "Magier, Zauberer, Genie, der Mann für die unmöglichen Schläge, Improvisationskünstler": Keine der früheren Bezeichnungen traf auf den Plüderhausen-Debütanten Waldner zu. Früher erlag der Schwede im Gefühl der Überlegenheit häufiger seinem Spieltrieb, stellte die Unterhaltung des Publikums über den Punktgewinn und verdaddelte so manches Mal einen Satz, ab und an ein Match. Im Sommer 2003 kann und will sich Waldner so etwas nicht leisten. "Ich möchte bei Olympia 2004 in Athen gut spielen und meine Karriere bei der WM in Schanghai 2005 würdevoll beenden." Auf diesem Weg hat er mit fast 38 keine Zeit zu verlieren. Deshalb kam für ihn auch nicht die lukrativere, aber auch strapaziösere japanische Turnierserie "Super Cicuit" in Frage.

          Gerrit Albrecht ist diese Zielstrebigkeit unheimlich. Der Manager von Plüderhausen entschloß sich auch wegen Waldners Ruf, ein nachlässiges Genie zu sein, zur Verpflichtung. In Albrechts Haushaltsplan ist lediglich eine mittelprächtige Spielbilanz Waldners vorgesehen. Der Traum des sparsamen Schwaben wäre, wenn der Star mehr Spiele verlöre als gewänne. "Dann müßten wir ihm nur die Flugkosten zahlen und hätten die Werbung fast kostenlos." Aber von dieser Hoffnung hat sich Albrecht schon nach dem ersten Spiel verabschiedet, er fürchtet gar: "Wenn Waldner so weiterspielt, sind wir am Ende der Saison pleite."

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