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Deutsche Tischtennis-Frauen : Die neue Anführerin Nina Mittelham

  • -Aktualisiert am

Nina Mittelham bringt den deutschen Tischtennis-Damen den EM-Titel Bild: dpa

Das sportliche Multitalent Nina Mittelham wird erstmals zur Führungsfigur der deutschen Tischtennis-Frauen ernannt – und übererfüllt die Erwartungen: Sie bringt dem Team den EM-Titel.

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          Manche Mädchen möchten eine Prinzessin sein. Nina Mittelham nicht, Prinzessinnen findet sie blöd. Die burschikose junge Frau spielt lieber Tischtennis. „Tischtennis”, hat Mittelham schon vor Jahren erklärt, „ist meine Hassliebe.” Das tägliche harte Training bereite ihr keine große Freude, „aber es ist meine Arbeit. Und auf seine Arbeit hat man ja auch nicht immer Lust.”

          Wenn die Arbeit jedoch so von der Hand geht wie bei der Mannschafts-Europameisterschaft im rumänischen Ort Cluj-Napoca, dann macht sie Spaß, großen Spaß sogar. Mittelham, bei den Olympischen Spielen in Tokio als Ersatzfrau des deutschen Teams nur Zuschauerin, wurde vor der EM vom Deutschen Tischtennis-Bund (DTTB) erstmals zur Führungsfigur ernannt und übererfüllte die in sie gesetzte Hoffnungen.

          Die junge Bayrin entwickelte sich im Laufe des Wettbewerbes zur Punktgarantin, was am Sonntag in den völlig überraschenden Titelgewinn mündete. Im Finale bezwangen die Außenseiterinnen Titelverteidiger Rumänien mit 3:1, obwohl die Deutschen ohne ihre drei Olympionikinnen Han Ying, Shan Xiaona und Petrissa Solja angereist waren. Die Rumäninnen hingegen traten als eines von wenigen Teams bei dieser EM in Bestbesetzung an, in der Besetzung, die im letzten EM-Endspiel den Sieg über die deutsche A-Auswahl mit den Olympiateilnehmerinnen davon getragen hatte.

          „Nina war hier die Anführerin”, bestätigt Frauen-Bundestrainerin Tamara Boros die neue Rolle ihrer Spielerin. Mittelham hatte schon Mitte September mit dem erstmaligen Gewinn des europäischen Ranglistenturniers Europe Top 16 aufhorchen lassen, und bei der Mannschafts-EM setzte die 24-Jährige ihren Erfolgsweg fort. Drei ihrer vier Einzel gewann sie in den Vorrunden, sowohl im Halbfinale gegen Portugal als auch im Endspiel gegen Rumänien steuerte sie zwei Punkte zu den 3:1-Erfolgen bei. Dabei bewies sie im Finale gegen die von den heimischen Fans lautstark unterstützen Rumäninnen Szocs und Samara Nervenstärke. Jeweils drehte Mittelham einen 1:2-Satzrückstand.

          Es ist ein später Aufstieg für die junge Frau, deren herausragendes motorisches Talent alle früh erkannt hatten. Mittelham hätte es in vielen Ballsportarten weit bringen können. Beim Basketball-Schnuppertraining hätten die Trainer sie am liebsten gleich da behalten. Bei ihrem ersten Versuch im Tennis wollte niemand glauben, dass sie in diesem Sport noch keinerlei Erfahrung hatte. Sie spielt auch ausgezeichnet Badminton, doch ihre erste Liebe war Fußball, und natürlich zählte die kleine Nina auch bei den Mini-Kickern zu den Besten – in einem Team mit lauter Jungen. Zum Tischtennis kam sie nur, weil ihr älterer Bruder Nico sie mal mitschleppte. Zu einem Kinderturnier, das sie auch prompt gewann.

          Weshalb es schließlich Tischtennis wurde? Nina Mittelham sagt, die Frage müsse lauten: Warum nicht Fußball? Und erklärt: „Ich hatte keine Lust auf eine Mädchen-Mannschaft.” Bloß keine Prinzessinnen. Im Fußball hätte sie nicht mehr lange bei den Jungs mitspielen dürfen, doch bei denen hatte sie sich schon immer am wohlsten gefühlt. „Schon auf den Kindergeburtstagen war ich das einzige Mädchen”, erinnert sie sich.

          Wissen war nie wertvoller

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          Ihre Mutter bestätigt: „Sie hatte keine Berührungsängste mit den Jungs”, aber vor allem habe sie bei den Besten mitmachen wollen.” Da kam eine Mädchen-Mannschaft nicht in Frage, Mädchen waren ihr ohnehin eher fremd. „Sie war immer mehr Junge als Mädchen, von ihrem Benehmen oder Gehabe her”, sagt Manuela Mittelham. „Nina ist auch mit einem Torwarttrikot in den Kindergarten gegangen.” Was die anderen Kinder dachten, war ihr nicht wichtig.

          Das sind gute Voraussetzungen, um es als Frau im Sport weit zu bringen. Doch vor allem verfügt Nina Mittelham über eine motorische Begabung, über ein Ballgefühl und eine Spielfreude, wie man sie selbst in der Weltspitze nur selten sieht. Entsprechend steil verlief ihre Karriere – auch im international: Schüler-Europameisterin im Einzel und Doppel 2011, Jugend-Europameisterin im Einzel, Doppel und Mixed 2013, Damen-Europameisterin im Doppel 2018, Gewinnerin der European Games mit der deutschen Damen-Mannschaft 2019. Stationen einer Laufbahn, die allerdings zwischendurch jäh unterbrochen wurde. Zwei Jahre lang konnte Nina Mittelham kaum trainieren, wurde durch Krankheiten und Verletzungen immer wieder zurückgeworfen. In dieser Phase dachte sie sogar darüber nach, den Leistungssport aufzugeben. Der DTTB hat großes Glück, dass die junge Frau durchgehalten hat. Vor den Europameisterschaften wurde sie in der Weltrangliste an Position 31 notiert, doch sie hat in Rumänien bewiesen, dass es für sie noch viel weiter nach oben gehen kann.

          Wie sie so damit klarkommt, in einer Mannschaft unter lauter Frauen zu spielen? „Man wird älter. Ich hab jetzt auch noch sehr viel mit Jungs zu tun, weil das einfach unkomplizierter ist. Aber in diesem Team verstehen wir uns einfach super.” Alle hätten alle einen ähnlichen Humor, seien auf der gleichen Wellenlänge. Und vor allem: „Wir haben hier keine Prinzessin dabei.”

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