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Tischtennis : Damenwahl im Nationalteam

  • -Aktualisiert am

Keine Basis mehr: Jörg Bitzigeio und die Tischtennis-Damen um Spitzenfrau Irene Ivancan (l.) gehen getrennte Wege Bild: dapd

Ein Bundestrainer gibt auf: Jörg Bitzgeio tritt als Chef der Tischennis-Damen ab. Offenbar haben die Spielerinnen rebelliert.

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          Die deutsche Tischtennis-Nationalmannschaft der Damen hat den Kampf gegen ihren Bundestrainer Jörg Bitzigeio endgültig gewonnen. Der 35 Jahre alte Rheinländer aus Andernach betreut nicht mehr die besten Spielerinnen des Landes, sondern erst mal die Kinder des Sportinternats im Düsseldorfer Leistungszentrum. Der Deutsche Tischtennis-Bund (DTTB) entband Bitzigeio auf dessen eigenen Wunsch von seinen erstklassigen Aufgaben, die er sechseinhalb Jahre lang wahrgenommen hatte. Die frühere Nationalspielerin Jie Schöpp hat das Team in dieser Woche übernommen.

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Jörg Bitzigeio und die deutschen Damen - diese Beziehung funktionierte von Anfang an nicht reibungslos. Hier der ehrgeizige junge Trainer mit hohen athletischen Ansprüchen, da eine Gruppe, die es nicht gewohnt war, bis an die Grenzen gefordert zu werden. Bitzigeio vertritt die Ansicht, dass es keines allzu großen Talents bedürfe, um an die europäische Spitze zu kommen, harte Arbeit genüge da schon. Und er sagt, dass er froh gewesen wäre, wenn er als Spieler diese Trainingsmöglichkeiten besessen hätte, wie die Damen sie nun haben. Für ihn reichte es jedoch nur bis in die zweite Liga.

          Nicht jede Spielerin konnte sich mit Bitzigeios kompromisslos vorgetragenen Auffassungen arrangieren. Das Talent Petrissa Solja zum Beispiel verzichtete lieber auf den Aufstieg in die Nationalmannschaft. Irene Ivancan unternahm den Schritt erst mit mehrjähriger Verzögerung. Aber diejenigen, die Bitzigeios Weg mitgingen, verbesserten sich.

          Wu Jiaduo, Kristin Silbereisen und Zhenqi Barthel sind die europäischen Spielerinnen, die in den letzten vier Jahren die größten Fortschritte in der Weltrangliste machten. Als Mannschaft steht Deutschland mittlerweile auf Platz sechs - hinter fünf asiatischen Nationen. In den Teamwettbewerben blieben die Erfolge allerdings häufig aus. Dem strahlenden Triumph - Bronze bei der Mannschafts-WM 2010 in Moskau - standen einige Rückschläge bei Europameisterschaften entgegen; Wettbewerben, in den sich die Damen mehr ausgerechnet hatten.

          Verband war überrascht

          Der fünfte Platz bei der EM in Danzig im vergangenen Oktober war wohl für das Damenteam der Anlass, gegen Bitzigeio aufzubegehren. Sie glaubten, mit einem Trainer mehr erreichen zu können, der größeren Wert auf Technik legt als auf Athletik. Eine Philosophie, die zum Beispiel auch Bitzigeios Assistent Wang Zhi vertritt. Insider sprechen davon, dass die Rollen unter den Damentrainern verteilt waren: good cop Wang Zhi, bad cop Bitzigeio.

          Am 17. November informierte Athletensprecherin Kristin Silbereisen die Verbandsführung davon, dass die gesamte Mannschaft keine Basis mehr für eine Zusammenarbeit sehe. Man fühle sich nicht genug wertgeschätzt, zu stark kontrolliert, es sei mehr gegeneinander als miteinander, aus Vertrauen sei Misstrauen geworden. Es bestehe der Wunsch nach Veränderung. Der Wunsch erhielt dadurch Brisanz, dass Ende März die Heim-WM in Dortmund stattfindet und im Sommer in London das olympische Turnier.

          "Wir waren damals vollkommen überrascht", sagt Dirk Schimmelpfennig, Sportdirektor des DTTB. "Dass es Reibungspunkt gab, war klar, wer wüsste das besser als ich, der ebenfalls sieben Jahre Damentrainer war. Aber wie groß die Kluft geworden war, das hat niemand geahnt."

          Bitzigeio wollte mehr Rückendeckung

          Nach vielen Einzelgesprächen entschloss sich der Verband zu einem Kompromiss. Bitzigeio wurde die Leitung entzogen, sollte aber weiter am Training beteiligt sein und vor allem das Coaching während der Matches beibehalten. Als Ende Januar beim Weltranglistenturnier in Budapest eine Spielerin von Bitzigeio nicht betreut werden wollte, zog der Trainer den Schlussstrich. "Wenn das Vertrauen fehlt, wenn die Atmosphäre so belastet ist, dann besteht wirklich keine Basis mehr", so Bitzigeio und fügt an: "Ich wollte den Erfolg bei der Heim-WM nicht gefährden, ich wäre nicht mehr die beste Lösung für das Team gewesen."

          Bitzigeio hätte sich mehr Rückendeckung vom Verband gewünscht, will aber seine Arbeit beim DTTB fortsetzen. Er hat einen unbefristeten Vertrag und würde gerne mit dem Nachwuchs arbeiten. Auch Schimmelpfennig versichert dem zurückgetretenen Damentrainer seine Wertschätzung: "An seinen Fähigkeiten und seiner Kompetenz bestehen keine Zweifel." Die Zusammenarbeit mit dem DTTB wird also, in welcher Form auch immer, weitergehen. Nur mit den Damen nicht. Ob das gut ist, wird die Heim-WM in Dortmund zeigen.

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