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Tischtennis-WM in Düsseldorf : Boll an der Seite des Giganten

  • -Aktualisiert am

Timo Boll und Ma Long machen gemeinsame Sache. Bild: dpa

Mit den besten Chinesen kann Timo Boll kaum noch mithalten. Um sie zu besiegen, muss er sich schon mit einem von ihnen zusammentun – so wie jetzt für das WM-Doppel.

          3 Min.

          28 Jahre ist es her, dass Deutschland einen Titel bei Tischtennis-Weltmeisterschaften gewann. Jörg Roßkopf war damals ein Teil des Doppels mit Steffen Fetzner, das 10.000 Zuschauer in der Dortmunder Westfalenhalle verzückte. Heute ist der 48 Jahre alte Hesse Herren-Bundestrainer, und noch immer geht er gerne risikobereit in den Angriff: „Wir haben in allen Wettbewerben Medaillenchancen“, sagte Roßkopf vor den Weltmeisterschaften in Düsseldorf, die am Montag mit den ersten Qualifikationsrunden begannen.

          Peter Heß
          Sportredakteur.

          Das ist eine Ansage in einer Sportart, die seit Jahrzehnten von einer Großmacht beherrscht wird. So sehr beherrscht, dass die Chinesen andere Nationen an ihrer Kunst teilhaben lassen, um die Langeweile etwas einzudämmen. Seit ein paar Jahren laden sie Spieler anderer Nationen ein, in Doppeln mitzuspielen. In diesen Genuss kommt Timo Boll in Düsseldorf zum zweiten Mal. Wie vor zwei Jahren bildet er mit dem Weltranglistenersten Ma Long eine Kombination. Damals war das eine Sensation, die allerdings nur eine Runde überstand. Danach trafen sie auf das chinesische Spitzendoppel Xu Xin und Zhang Yike, das sie dann knapp besiegte und Weltmeister wurde.

          Diesmal sollen bei der WM bessere Resultate folgen als vor zwei Jahren. Damals schied das Duo bereits in der ersten Runde aus.
          Diesmal sollen bei der WM bessere Resultate folgen als vor zwei Jahren. Damals schied das Duo bereits in der ersten Runde aus. : Bild: dpa

          Und auch in Düsseldorf meinte es die Glücksfee nicht gut mit dem „Legendary Pair“, wie die Kombination vom Weltverband tituliert wird. Diesmal wartet der WM-Favorit aus dem Reich der Mitte schon im Achtelfinale: Xu Xin/Fan Zhedong. „Wir sind nicht chancenlos, aber es wäre besser, wenn wir uns länger hätten einspielen können, bis es zu diesem Duell kommt“, sagt Boll. Dass er als Ma Longs Partner ausersehen wurde, obwohl er den Zenit seiner Karriere überschritten hat, sagt alles über die Anerkennung, die der 36 Jahre alte Odenwälder im Laufe seiner fast 20 Jahre in der Weltspitze erworben hat. Nur einmal vermochte er in seiner Laufbahn gegen die Chinesen einen Titel zu gewinnen: 2005 beim Worldcup in Belgien, als er drei Riesen aus der Volksrepublik, die Nummer eins, zwei und vier der damaligen Weltrangliste, in Serie bezwang. Obwohl Boll niemals Olympiasieger oder Weltmeister wurde, sagte der langjährige Cheftrainer Liu Guoliang: „Solange Boll mitspielt, werde ich mich niemals sicher fühlen.“ Eine Verbeugung vor dessen Ausnahmetalent, das sich freilich nicht ganz gegen die brachiale Gewalt der Chinesen durchsetzen konnte. „Wenn wir mit 13 in profihaften Strukturen zu trainieren beginnen, dann ist der Markt schon so was von verlaufen. Die Chinesen beginnen mit acht. Das kannst du nie mehr aufholen“, sagt Boll.

          Der Hesse sieht seine Rolle im Doppel ganz bescheiden: „Es hängt weit mehr von ihm ab als von mir, wie weit es geht. Er ist der bessere Spieler, der das Doppel in eine andere Region hievt, wenn er an seine Grenze kommt.“ Boll beschreibt seine Aufgabe darin, seinen Partner ins Spiel zu bringen, so wie es vor 28 Jahren Fetzners Aufgabe für Roßkopf gewesen war. „Er ist ein Killer, Ma Long hat eine Brutalität in seinen Schlägen, gegen die kein Kraut gewachsen ist.“ Es kommt für ihn darauf an, den Chinesen in die richtige Position zu bringen. „Wir haben das Prinzip verstanden, wir wissen, was der andere mag. Aber wir müssen richtig zueinanderfinden, um das umsetzen zu können“, so Boll.

          Dafür besteht im Training kaum Gelegenheit, das geht vornehmlich über den Wettkampf. Zwar luden sich die Verbände gegenseitig zum Doppeltraining ein. Aber im Endeffekt war es den Deutschen im Hinblick auf das Einzeltraining zu störend, von Düsseldorf nach Luxemburg zu reisen, so wie es den Chinesen zu unbequem war, von ihrem Europa-Standort Luxemburg nach Düsseldorf zu kommen. So wichtig war das Doppel dann doch nicht. „Doch, doch, Ma Lang nimmt unser Doppel schon ernst, er hat mir gemailt und auch schon gesagt, dass er wegen mir Doppel geübt hat, was mich verwunderte“, sagt Boll, um dem Eindruck zu widersprechen, sein Doppel-Auftritt wäre eine Show.

          Auch der zweite deutsche Star, Dimitri Ovtcharov, hätte gerne mit einem Chinesen Doppel gespielt, aber das kam nicht zustande. Die Chinesen hatten andere Interessen. Dass er daraufhin nicht mit einem anderen ausländischen Spieler und noch nicht einmal mit einem deutschen Nationalmannschaftskollegen am Doppelwettbewerb teilnehmen durfte, hat den Weltranglistenfünften verärgert. Bundestrainer Roßkopf wollte eingespielte Kombinationen nicht auseinanderreißen. „Ich akzeptiere die Entscheidung, aber ich bin enttäuscht“, sagte Ovtcharov, der sich ganz auf das Einzel konzentrieren kann, was er aber nicht als Vorteil empfindet.

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          Ovtcharov werden im Einzel deutlich bessere Chancen auf die Medaille eingeräumt als dem acht Jahre älteren Boll. „Ich bin körperlich schon über dem Zenit“, gibt der Odenwälder offen zu. In einem Match kann er nach wie vor fast alles aus sich herausholen. Im Champions-League-Finale vor wenigen Wochen unterlag er Ovtcharov nach zwei Matchbällen erst 12:14 im Entscheidungssatz. Auch schaffte er es, das Weltranglistenturnier Korea Open zu gewinnen, was ihn in der Weltrangliste wieder auf Rang acht vorbrachte. Aber da war keiner aus den Top 5 am Start.

          „Dennoch hat mir Korea Mut gemacht. Ich habe gegen unterschiedliche Gegner Lösungen gefunden, und ich habe mir bewiesen, dass ich ein Turnier durchhalten kann.“ Ob es aber noch einmal zu einem Sieg gegen einen der vier großen Chinesen reichen kann? „Dazu müsste ich körperlich über Grenzen gehen. Mir fehlt die Selbstverständlichkeit, alles in die Schläge reinzulegen, auch wenn ich schlecht zum Ball stehe. Es tut dann weh, voll durchzuziehen, den Oberkörper 90 Grad abzuwinkeln. Und man bekommt Respekt vor diesen Schmerzen. Deshalb bewegt man sich nicht mehr so gut. Man gewöhnt sich das einfach an.“ Boll fühlt sich gut in Form und glaubt, noch einige Jahre auf einem „anständigen“ Niveau spielen zu können. „Wenn der Körper mitspielt, ist Olympia in Tokio 2020 ein realistisches Ziel.“ Um einen der großen Chinesen zu besiegen, muss er aber mittlerweile mit einem anderen großen Chinesen zusammenspielen.

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