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Boll mit Schmerzen zur Medaille : „So verrückt kann Tischtennis sein“

  • -Aktualisiert am

Timo Boll schlägt einen Ball zurück im Viertelfinale der Tischtennis-WM in Houston. Bild: dpa

Der lädierte Bauchmuskel schmerzt sehr. Timo Boll überlegt, ob er hinwirft. Doch er will das WM-Viertelfinale nicht herschenken – und wird belohnt. Nun wartet ein 19 Jahre alter Schwede auf Boll.

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          Timo Bolls Alterswerk wird immer erstaunlicher. Nachdem der hessische Tischtennisspieler im Juni mit 40 zum achten Mal Einzel-Europameister geworden ist, sicherte er sich in der Nacht zum Sonntag in Houston mit dem Einzug ins Halbfinale seine zweite Einzel-Medaille bei Weltmeisterschaften. „So verrückt kann Tischtennis sein“, sagte Boll und meinte damit weniger, dass er im Viertelfinale den 21 Jahre alten Amerikaner Kanak Jha in sechs Sätzen bezwungen hatte.

          Peter Heß
          Sportredakteur.

          Er war gegen den Bundesligaspieler des TTF Ochsenhausen als Favorit angesehen worden. Doch die Umstände seines Sieges gestalteten sich dramatisch. Bolls Bauchmuskelzerrung, die ihn seit Turnierbeginn leicht behindert hatte, verschlimmerte sich während des Matches immer mehr. Zunächst wirkte er nur etwas gequält, dann stöhnte er bei einzelnen Schlägen vor Schmerzen, dann ließ er sich mit einem Eisbeutel behandeln.

          „Das Schwierigste war, trotz des Dauerschmerzes klare Gedanken zu behalten, das ist mir größtenteils gut gelungen“, sagte Boll, der zum ältesten WM-Medaillengewinner im Einzel seit der ersten Auflage 1926 aufstieg: „Das innerliche Gefühl war nicht mehr schön, ich wusste nicht, ob ich vielleicht hinschmeißen sollte. Aber dann kämpfte ich einfach zu Ende, um mir keinen Vorwurf zu machen, im Viertelfinale nicht alles gegeben zu haben.“

          Bolls Taktik war es, die Ballwechsel möglichst kurz zu halten – und sich möglichst wenig zu bewegen. Dank seiner Erfahrung und seiner Spielintelligenz gelang es ihm, dem Amerikaner sein Spiel weitgehend aufzuzwingen. „Ich habe mir dann einfache Punkte herausgespielt, aber irgendwann habe ich es so hoch gereizt, dass die Schmerzen gar nicht mehr weggingen – aber da hilft das Adrenalin und dass man dem Sieg immer näher kommt.“ Sein Halbfinale gegen den 19 Jahre alten Schweden Truls Möregardh findet in der Nacht zum Montag statt. Da im Gegensatz zu Olympia bei Weltmeisterschaften der dritte Platz nicht ausgespielt wird, hat der Hesse bereits Bronze sicher.

          Bundestrainer Jörg Roßkopf verleitete Bolls Erfolg zu einem Witz: „2011 die erste WM-Medaille im Einzel, jetzt die zweite – vielleicht holt er ja 2031 die nächste“, scherzte Roßkopf, der vor 20 Jahren mit Boll gemeinsam im Nationalteam spielte. Doch selbst wenn Boll Roßkopfs Vorgabe in die Tat umsetzen würde, würde ihn dies nicht zum ältesten WM-Medaillengewinner machen.

          Der älteste Spieler, der Weltranglistenerster, Einzeleuropameister, Europe-Top-12/16-Sieger und deutscher Einzelmeister wurde, wäre mit dann 50 Jahren immer noch zu jung, um Ni Xia Lian zu übertreffen. Die Wahl-Luxemburgerin erreichte mit 58 Jahren in Houston bei ihrer 22. WM-Teilnahme im Damen-Doppel das Halbfinale und hat somit zumindest Bronze gesichert. 38 Jahre nach ihrem WM-Debüt 1983 in Tokio, bei dem sie für China Titel mit dem Team und im Mixed gewann.

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