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Timo Boll : Schwere Gegner, schwüle Hallen

  • -Aktualisiert am

Zu Gast in China: Timo Boll Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Als Gastspieler in der chinesischen Superliga fühlt sich Tischtennisprofi Timo Boll wie ein „Popstar“. Doch der Star ohne Starallüren leidet auch. Bei 40 Grad Hallentemperatur schwitzt der Odenwälder in jedem Spiel drei Hemden durch.

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          Es gibt Momente, da fühlt sich der deutsche Tischtennisprofi Timo Boll in China fast wie im Paradies. Oder wie ein „Popstar“, wie er es ausdrückt. Nachdem die Hotelchefs den Weltranglistenzweiten meist mit einem großen Plakat herzlich begrüßt haben, wird ihm jeder Wunsch erfüllt.

          Platznot kennt das namhafte europäische Teammitglied von Zhejiang Haining Hongxiang im Reich der Mitte nicht: Manchmal übernachtet der zweifache Europameister von 2002 in einer Suite mit Whirlpool und mehreren Zimmern. Ständig bietet ihm das zuvorkommende Personal frisches Obst an. Nur gelegentlich vermag der freundliche Herr Boll aus dem hessischen Odenwald die Gastfreundschaft nicht zu genießen - trotz ihm angebotener Delikatessen. Das Gericht, das übersetzt „Ameisen klettern auf dem Baum“ heißt, kam dem bodenständigen Bundesligaspieler des TTV Gönnern ein bißchen zu abenteuerlich vor. Denn auf einem Berg von Gemüse lagen geröstete Riesenameisen.

          Kein Wasser für Boll

          Doch der Star ohne Starallüren leidet auch bei seinem siebenwöchigen Gastspiel in der chinesischen Superliga. Entgegen den Erwartungen kämpft sein Klub gegen den Abstieg. Zwar hat man ihn darum gebeten, sich keinen Druck zu machen. Der großen Nervosität der Vereinsverantwortlichen kann sich der Linkshänder, dessen Einzelbilanz kurz vor der Abreise aus China 6:4 Siege aufwies, jedoch nicht entziehen.

          Zuhören, auch unter extremen Bedingungen
          Zuhören, auch unter extremen Bedingungen : Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

          In einer Spielpause verweigerte ihm sein autoritärer Trainer sogar das Wasser - obwohl er „hechelnd“ danach „gebettelt“ habe. Statt dessen ist Boll kühl wie ein Tischtennis-Azubi aufgefordert worden, zuzuhören. Die Bedingungen, unter denen sich der Weltcupsieger behaupten muß, sind extrem. In den Sporthallen ist es ohne Klimaanlage oft bis zu 40 Grad heiß. Und wegen der, so der Nationalspieler, „bestialischen Luftfeuchtigkeit“ habe er am Anfang bei großer körperlicher Anstrengung fast Panik bekommen, zu ersticken.

          Training auf höchstem Niveau

          Pro Spiel braucht Boll bis zu drei Handtücher, zwei bis drei Hemden und zwei Paar Socken. Nur mit Mühe gelingt es ihm, in der großen Hitze seine Hände zu trocknen. Dazu kommen die spielstarken Gegner; keiner ist ihm vom Potential her unterlegen. Das Training auf höchstem Niveau schätzt der lernbegierige Gastspieler, dem eine Sprachlehrerin zur Seite gestellt wurde, in China. Von seiner Spielweise dagegen glaubt er nicht zuviel preiszugeben. Zumal die Chinesen, wie er vermutet, „schon 500 Kassetten von mir im Schrank“ hätten. Auf den vier besten Plätzen in der Weltrangliste stehen drei Spieler aus dem Reich der Mitte - als einzigem Europäer ist es Boll gelungen, in diese Phalanx einzubrechen.

          „Die knapp zwei Monate in China werden bestimmt nicht einfach für einen häuslichen Odenwälder“, hatte Boll sich schon vor seinem Reiseantritt gedacht. Nicht nur sportlich machte der 25 Jahre alte Spieler, den vorübergehend mit Durchfall und Grippe gesundheitliche Probleme plagten, in den zurückliegenden Wochen Grenzerfahrungen. Wenn er am 20. August nach Deutschland zurückkehrt, wird er als Mensch wohl gereift sein.

          Kulturschock nach 13 Stunden Bahnfahrt

          Anders als viele oft abgeschirmte Spitzensportler lernte der in behüteten Verhältnissen aufgewachsene Hesse auch die Armut in China fern der Metropolen kennen. Im Anschluß an eine dreizehn Stunden dauernde Zugfahrt bekam Boll beinahe einen Kulturschock. Fast alle Straßen seien aufgerissen gewesen, überall Müll auf den Wegen, und den Gestank habe er kaum ertragen können: Als hätte ein Krieg stattgefunden in einer der ärmsten Städte des Landes. Bereits der Wartebereich im Bahnhof, der von Gittern umzäunt war, hinterließ bei dem jungen Deutschen ein beklemmendes Gefühl.

          Auf der anderen Seite wird der in China populäre Boll wie ein Star behandelt. Selbst eine Entfernung von nur rund 400 Metern vom Bahnhof zu einem Hotel reichten aus, um ihm eine Polizeieskorte zu gewähren. Auch die Strecke zur Trainingshalle wurde abgesperrt, sie war gerade mal 600 Meter lang.

          Tränen in den Augen

          Die Auftritte der Tischtennismannschaften in der höchsten chinesischen Liga können sich in den Hallen meist nur wohlhabende Menschen anschauen. Dafür berichtet das Staatsfernsehen von den Spielen regelmäßig. Während die Vermarktung seiner Sportart in Europa begrenzt ist, hat sich Boll in Asien weiter positioniert. Bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking möchte sich der Nationalspieler seinen Traum von der ersten Einzelmedaille erfüllen.

          Wie sich Chinas Spitzensportler auf das Großereignis vorbereiten, hat er im Trainingszentrum aller Sportarten in Peking erleben dürfen. Neben der Bewunderung für die Trainingsmöglichkeiten hinterließ die „Schinderei“ bei Boll auch zweifelhafte Eindrücke. Eine Gymnastin sei so gestreckt worden, daß ihr Tränen in den Augen gestanden hätten. Und ein Gewichtheber besaß für den Tischtennis-Bundesligaspieler nur noch wenig Ähnlichkeit mit einem Menschen. Vielmehr erinnerte ihn der Mann an die Comic-Figur „Hulk“; dieser „grüne Kraftprotz“, wie Boll anschaulich hinzufügte.

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