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Wrestler Tim Wiese : „Wenn ich komme, bricht ein Tornado aus“

Endlich mal der Böse sein: Tim Wiese gefällt die neue Rolle. Bild: Edgar Schoepal

Tim Wiese war Fußball-Nationaltorwart. Nun ist er dort angekommen, wo er hingehört: im Showgeschäft. Die Rolle als Wrestler liegt ihm. Doch nicht alle sind begeistert, dass Wiese jetzt mitmischt.

          5 Min.

          Ein grauer Nachmittag in Essen. Tim Wiese fährt in seinem Mercedes durch ein Wohngebiet, biegt in eine Sackgasse ein und parkt auf dem Bürgersteig. Der ehemalige Fußball-Nationaltorhüter ist ein Autofanatiker, er besitzt einen Lamborghini für 450.000 Euro, einen Camaro mit mehr als 1000 PS und fuhr lange einen AMG-Mercedes mit 600 PS, eine Sonderedition für Nationalspieler. Ob das der Wagen ist, in dem er jetzt durch Essen fährt? „Nein, das ist die Sonderedition Tim Wiese, 800 PS.“

          Sebastian Eder
          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Wiese steigt aus und läuft durch einen Hof in eine kleine Halle, die hinter einer Art Garagentor liegt. In einem Regal stapeln sich Leitz-Ordner, gegenüber liegen Kisten. Der Rest des Raums ist fast komplett mit einem Wrestling-Ring ausgefüllt, nur zwei Hantelbänke finden daneben noch Platz. Wiese begrüßt den Trainer, klettert in den Ring, wärmt sich auf, macht ein paar Liegestütze. Dann rast der 120-Kilo-Mann durch den Ring, schmeißt sich in die Seile, wird Richtung Ringmitte katapultiert, reißt dort einen Sparringspartner zu Boden, springt auf und schreit in eine Kamera. „Wenn ich komme, bricht ein Tornado aus“, sagt er.

          Früher hätte man über solche Sprüche gelacht, jetzt gehören sie zu Wieses Beruf: Der 34 Jahre alte Bremer ist seit vergangener Woche offiziell Wrestler. Der größte Wrestling-Veranstalter der Welt, die WWE, gab bekannt, dass Wiese am 3. November in „einem Six-Man-Tag-Team-Match“ in der Münchner Olympiahalle zu seinem ersten Kampf antreten wird. Um sich darauf vorzubereiten, hat Wiese zwei Wochen im „WWE Performance Center“ in Orlando die Wrestling-Grundlagen gelernt, danach quartierte er sich in Essen ein. Jeden Tag trainiert er dort in der „Wrestling Academy“ vier Stunden, morgens eine Einheit, nachmittags und abends noch mal. „So geht das jetzt weiter bis November“, sagt er. „Aber ich wäre auch jetzt schon bereit. Ich bin heiß drauf.“

          Tatsächlich beherrscht er es schon recht gut, geräuschvoll und scheinbar schwer getroffen zu Boden zu gehen, wenn sein Sparringspartner ihn attackiert, auch die Angriffe sehen einigermaßen authentisch aus. Nach dem Training gibt Wiese Interviews, die WWE hat eigens ihren Pressesprecher aus Amerika eingeflogen, der allerdings übermüdet in der Ecke der kleinen Halle sitzt. Er spricht kein Deutsch.

          Tim Wiese : Vom Tor in den Ring

          Wieses Vergangenheit als Fußballer scheint lange zurückzuliegen, tatsächlich ist sein Vertrag bei der TSG Hoffenheim erst in diesem Juni ausgelaufen. Vier Jahre lang wurde Wiese zuvor „fürs Urlaubmachen bezahlt“, wie er es nennt. Nach 269 Bundesligaeinsätzen und sechs Länderspielen verbannte ihn Hoffenheim 2013 in die „Trainingsgruppe 2“. Kurz vorher war er noch Kapitän gewesen, mit 3,5 Millionen Euro Jahresgehalt Spitzenverdiener, dann kassierte er in neun Spielen 27 Tore und wurde aussortiert. Was macht man, wenn man 31 Jahre alt ist, DFB-Pokalsieger war, Nationalspieler, Bundesligazweiter mit Werder Bremen und von einem auf den anderen Tag plötzlich nicht mehr spielen darf?

          Wiese machte das, was er am besten konnte: Er trainierte. Allerdings nicht auf dem Fußballplatz, wo ihn keiner mehr sehen wollte, sondern im Fitnessstudio, wo er bald schon für seine Muskelberge bewundert wurde. Seine Ernährung stellte er radikal um: „Wenn man so viel trainiert, dann hat man keinen Hunger mehr. Ich mache das mit Flüssignahrung, Shakes, der Rest ist Training und Schlafen“, sagt er. Von Doping ist nicht die Rede. Während ihm Hoffenheim weiter Millionen überwies, nahm er innerhalb von einem Jahr 30 Kilogramm zu. Als 2014 die ersten Bilder vom neuen Tim Wiese erschienen, war klar: Einen Weg zurück ins Tor würde es nicht geben. Mit dieser Figur würde er keinen Ball mehr halten.

          Wieses neue Welt: 2014 wurde er von den Wrestling-Veranstaltern schon einmal eingeladen. Bilderstrecke
          Wieses neue Welt: 2014 wurde er von den Wrestling-Veranstaltern schon einmal eingeladen. :

          Aber was macht man sonst mit so einem Körper? Es waren die Vermarkter der WWE, die auf eine Idee kamen. Während sie in Amerika mit ihren Schaukämpfen Millionen Menschen erreichen, fristet Wrestling in Deutschland ein Schattendasein. Und wer könnte das besser ändern als ein ehemaliger Fußballstar? Die WWE machte Wiese ein Angebot und lud ihn im November 2014 als Gast zu einer Veranstaltung in die Frankfurter Festhalle ein. Wiese kletterte in den Ring, präsentierte den Fans seine Muskeln und ließ sich mit den Siegern feiern. Für die WWE war es ein Erfolg: Endlich interessierten sich nicht nur Wrestling-Freaks für ihre Veranstaltungen.

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