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Wrestler Tim Wiese : „Wenn ich komme, bricht ein Tornado aus“

Es gab aber ein Problem: Wiese war immer noch bei Hoffenheim unter Vertrag, er durfte noch nicht offiziell als Kämpfer auftreten, wenn er auf das viele Geld des Fußballvereins nicht verzichten wollte. Der Vertrag mit Hoffenheim lief Ende Juni 2016 aus, fortan war er frei und konnte loslegen. Im August veröffentlichte sein Personal-Trainer auf Youtube das Video „Road to WWE“: Am Anfang des Films sitzt Wiese am Steuer des 1000-PS-Camaros, dann zieht er sich eine Phantom-Maske über und joggt eine Landstraße entlang, während sein Trainer im Camaro neben ihm her rollt. Bei Wrestlern kam das Video nicht gut an, der deutsche Altstar „Herman The German“ sagte: „Mit solchen Videos zeigt er, dass er keinen Respekt vor den echten Wrestlern hat. Es gehört mehr dazu, als sich drei Kilo Gel in die Haare zu schmieren, eine Batman-Maske aufzusetzen und cool mit seiner Protzkarre übers Dorf zu fahren.“

„Im Wrestling kann ich mich geben, wie ich bin“

Persönliche Attacken gehören zum Wrestling-Geschäft, viele Hardcore-Fans sind von Wieses proletenhaftem Auftreten und seinem ansatzlosen Aufstieg in die erste Liga des Sports aber tatsächlich nicht begeistert. Wiese sagt dazu: „Es gibt immer Leute, die einem das nicht gönnen, und damit muss man klarkommen.“ Ob er es vermissen wird, Teil einer Mannschaft zu sein? „Als Torwart warst du auch Einzelkämpfer“, sagt er. „Wenn du einen Fehler machst, bist du der Arsch.“ Bis heute verbinden viele Werder-Fans mit dem Namen Wiese das Champions League-Achtelfinale 2006 gegen Juventus Turin: Wiese ließ damals kurz vor Schluss einen Ball fallen, die Italiener schossen ein Tor, die Bremer schieden aus. Beim Wrestling braucht Wiese solche Überraschungen nicht zu fürchten. Der Sieger steht schon vor dem Match fest, nur Teile des Kampfes werden improvisiert. Und die WWE wird wohl kaum ihren neuen Star ständig als Verlierer aus dem Ring gehen lassen.

Aber hat das dann überhaupt noch etwas mit Sport zu tun? „Wrestling ist eine riesige körperliche Anstrengung“, sagt Wiese. „Jeder, der sagt, das wäre nur Show, soll sich mal in den Ring stellen und eine halbe Stunde das Training mitmachen.“ Als Fußballer habe er meist nur einmal am Tag trainiert. „Als Torwart wurde ich selbst bei Spielen nicht so sehr gefordert. Jetzt trainiere ich viel härter“, sagt er. Ob ihm nicht der Wettkampfgedanke fehlen wird, das Gefühl, auf den Platz zu gehen, alles zu geben, und am Ende gewinnt der Bessere? „Im Ring will jeder zeigen, was er draufhat, und am Ende wird entschieden“, sagt Wiese. Er hat den Ehrenkodex der Wrestler schon verinnerlicht: Niemals darf darüber geredet werden, dass alles abgesprochen ist, obwohl es jeder weiß.

Auch im Ring ist Wiese auf einem guten Weg. Sein Sparringspartner in Essen, der 21 Jahre alte Francis Rohr, sagt: „Ich war ehrlich gesagt erstaunt, wie gut er schon ist. Man merkt, dass er Leistungssportler war und nicht bei null anfängt.“ Es geht am Ende beim Wrestling ja nicht um Sport, sondern um Geschichten, die erzählt werden können, Marken, die man verkaufen kann. Wiese würde im Ring gerne den Bösen spielen, gesellschaftlich hat er sich schon lange auf eine Rolle festgelegt, mit der auch die Geissens, Daniela Katzenberger und Dieter Bohlen erfolgreich sind: die des Proleten.

Im vergangenen Sommer trug er mit einem ARD-Reporter im offenen Hemd, mit Sonnenbrille und Solariumbräune den „alten Tim Wiese“ in Form eines Herings zu Grabe. Er wollte Platz für den neuen Wiese machen. Zu dem Termin war er in seinem Lamborghini gekommen, die Lokalzeitung machte ein Foto, wie er vor dem Wagen im blauen Mantel und mit einem Zylinder auf dem Kopf steht. Wieses Wrestling-Trainer Hahn sagt: „Er ist nicht introvertiert, er bringt die körperliche Größe und den sportlichen Background mit, das passt alles sehr gut.“ Wiese ist für „Storylines“ der WWE, bei denen Gut gegen Böse kämpft, wie gemacht. „Im Fußball von heute gibt es nur noch die lieben Jungs“, sagt Wiese. Er sei deshalb öfter angeeckt. „Aber im Wrestling kann ich mich geben, wie ich bin.“ Man könnte auch sagen: Wiese ist dort angekommen, wo er hingehört. Im Showgeschäft.

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