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Wrestling in Frankfurt : Wieses Muskelspiele im Kasperletheater

  • -Aktualisiert am

In Frankfurt kann Tim Wiese seine neuen Muskelberge zeigen Bild: dpa

Tim Wiese ist zu Gast beim Wrestling. In Frankfurt präsentiert er seine neuen Muskelberge und stiehlt allen anderen die Show. Und wann steigt der ehemalige Fußball-Nationaltorhüter selbst in den Ring?

          3 Min.

          Stardust und Goldust hatten ihn provoziert. Sie forderten ihn, und er kam. Mit Sprechchören wie zu besten Zeiten bei Werder Bremen skandierten zehntausend Fans seinen Namen. Tim Wiese ließ sich nicht lang bitten und stieg in den Ring. Zum Kampf aber kam es nicht. Wiese war hier, um zu feiern, gefeiert zu werden.

          Ein bisschen zu posen in den Seilen, die Muskeln spielen zu lassen. Die Frankfurter Festhalle war am Samstag nicht die Bühne der World Wrestling Events (WWE). Sondern vor allem die von Tim Wiese. Ohne Worte scheint alles gesagt: Die Zeiten des Torwarts sind vorbei – die Zukunft dieses Mannes liegt im Ring des Wrestlings.

          Gerüchte um eine zweite Karriere des 269-maligen Bundesliga-Torhüters waren zuletzt angesichts rasend schnell wachsender Muskelberge immer konkreter geworden. Jetzt kulminierten sie in der fast ausverkauften Festhalle. Wiese sitzt in der ersten Reihe. Knapp 120 Kilo bringt er inzwischen auf die Waage.

          Im Ring vor ihm winden sich massig nicht minder beeindruckende Figuren in schillernden Kostümen: In knappen Shorts, wahlweise schwarz-pink mit Strapse oder silbernen Pailletten, sind sie ineinander verknäult am Boden oder hechten sich in der Luft entgegen, schwer atmend verschwitzt und mit zu Grimassen verzerrten Gesichtern. Jedes Mal ein lauter Knall, wenn einer den anderen zu Boden wuchtet. Dem Publikum gefällt es. Es dankt die Szenen mit rhythmischem Klatschen. Und auch dem „German Goalkeeper“ scheint der Rummel zu gefallen.

          Noch steigt der frühere Nationaltorwart außer Konkurrenz in den Ring
          Noch steigt der frühere Nationaltorwart außer Konkurrenz in den Ring : Bild: Huebner/Ulrich

          Optisch jedenfalls steht er den Sportlern im Seilviereck in nichts nach. Der 32-Jährige kommt stilecht daher: zerrissene Jeans, unter der fellbesetzten Lederjacke ein graues Muskelshirt, die langen schwarzen Haare mit eindeutig zu viel Gel nach hinten gekämmt. Marke Draufgänger, ganz klar. Aber auch Marke Wrestler? Dazu will sich Wiese auch an diesem Abend auf dem roten Teppich noch nicht bekennen. Er sei nur privat hier, sagt er, und glücklich, mal live dabei zu sein.

          Ein Angebot des Wrestling-Unternehmens WWE soll es geben, unterschrieben aber sei nichts, sagt Wiese. Seine immer gleiche Antwort auf die immer gleiche Frage lautet deshalb: Erst mal nur gucken. „Einfach mal schauen, wie es ist.“ Man müsse das ruhig angehen lassen. Doch über seinen ersten Auftritt im Ring berichten selbst Zeitungen und Blogs aus Großbritannien und den Vereinigten Staaten. Das Getöse ist also schon jetzt groß.

          Die Aufmerksamkeit ist ihm aber schon gewiss
          Die Aufmerksamkeit ist ihm aber schon gewiss : Bild: dpa

          Im Ring ist Ruhe nicht vorgesehen. Die Darsteller begleiten ihre Kampfeinlagen mit provokantem obszönem Gehabe, Ziel der abfälligen Gesten sind Gegner und Publikum gleichermaßen. Dazu dröhnt der Bass zu rockigen Klängen aus den Boxen. Ob es bei Wiese zu solch Gorilla-gleichem Auftreten reicht? Eine Moderatorin auf dem Parkett wagt das zu bezweifeln.

          Der Tim sei doch bei der Nationalmannschaft gut erzogen worden. Der wisse sich schon zu benehmen, sagt Sonya Kraus. Naja, kontert Wiese mit verschmitztem Lächeln, „ich hab auch mal viele Rote Karten eingesammelt“. Und nimmt die Dame, wie zum Beweis ganz ungeniert, kurzerhand in den Schwitzkasten.

          Tim Wiese scheint sich beim Wrestling wohlzufühlen
          Tim Wiese scheint sich beim Wrestling wohlzufühlen : Bild: dpa

          Die Flugeinlagen und Fallrollen lägen Wiese nach elf Jahren im Profigeschäft auf der Linie gewiss: In Sachen Technik könnte er von seiner Torwartschule profitieren. Aber die Tritte und Schläge Richtung Kopf und in alle Körperregionen? Er nimmt sie zumindest zur Kenntnis, ohne eine erkennbare Regung zu zeigen. Er kenne das ja schon aus Kindertagen, hatte er vorab verraten: Er sei „schon immer Fan“ gewesen, habe „begeistert“ die Karten und Figuren gesammelt. Und doch schreckt er zurück, als einer der Akteure ihm in den Seilen entgegenfliegt. Auch heute sitzen Väter mit kleinen Jungs auf dem Schoß im Publikum.

          Was sich im Saal abspielt, ist ein bisschen wie Kasperletheater und Leistungssport in einem. Ein moderner Gladiatorenkampf, in dem die johlende Masse bestimmt, wie oder womit als Nächstes auf den am Boden Liegenden eingedroschen werden soll. Angst oder Hemmungen, geschweige denn den Gedanken des Fairplay kennt dieser Sport nicht. Soll es ein Kick sein, ein geschraubter Sprung oder Überwurf? Mitunter müssen auch Stühle und Stäbe oder ein metallenes Treppenelement herhalten, um den Gegner gebührend zu vermöbeln.

          Bleiben nur zwei Fragen: Wann steigt er in den Ring? Und wie ist sein Kampfname?
          Bleiben nur zwei Fragen: Wann steigt er in den Ring? Und wie ist sein Kampfname? : Bild: dpa

          „This is awesome!“, gröhlt die Menge, als sich die Darsteller zu Boden wuchten. Kurz hängen sie schnaufend in den Seilen. Dann aber stürzen sie doch wieder mit lautem Gebrüll aufeinander zu. Großes Spektakel im grellbunten Scheinwerferlicht. Natürlich ist all das vor allem Show. Aber nicht ohne Schmerzen. Das massige Muskelkorsett bewahrt vor Brüchen und schweren Verletzungen. Alles andere gilt es zu ertragen. Weiß Tim Wiese, worauf er sich einlässt? Zumindest behauptet er es.

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