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DEL-Spitzenspiel : Warum wieder einheimische Talente die Liga aufmischen

  • -Aktualisiert am

Erster Schuss, erstes Tor, erster Sieg: Mannheims 17 Jahre altes Talent Tim Stützle hatte bei seinem Debüt gut lachen. Bild: Imago

Jünger, schneller, aufregender: Tim Stützle und John-Jason Peterka sorgen in der DEL auf Anhieb für Furore – und treffen nun direkt aufeinander. Aber wie lange dürfen die Fans in Deutschland ihnen noch zusehen?

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          Tim Stützles erster Auftritt in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) dauerte ein wenig länger als der der Kollegen. Eigentlich waren die Adler Mannheim nach ihrem 4:1-Sieg bei den Nürnberg Ice Tigers schon auf dem Weg in die Kabine, da verlangte der Gästeblock oben unter dem Dach der Arena nach einer Privataudienz des 17-Jährigen. Also noch mal zurück, ganz allein vor die Kurve und hoch die Arme, die Adler-Fans taten es ihm gleich und waren angemessen begeistert. Ihr neuer Liebling hatte bereits in der Champions League zwei Tore und zwei Vorlagen in vier Spielen gesammelt, nun ging es bei seinem DEL-Debüt so weiter: erster Schuss, erstes Tor, erster Sieg.

          Knapp 160 Kilometer weiter südlich geschah am Sonntag Ähnliches. Auch in München riefen die Fans den Namen eines 17-Jährigen, weil John-Jason Peterka zwei Tore für den EHC erzielte. Und damit zum „Mann des Spiels“ wurde beim 3:2 über die Düsseldorfer EG. Stützle und Peterka sind die aufregendsten Personalgeschichten des ersten DEL-Wochenendes – am heutigen Freitag treffen sie aufeinander (19.15 Uhr live auf Magenta Sport). Statt wie üblich über alternde Nordamerikaner mit Narben und Zahnlücken redet nun alles über junge Deutsche, deren Gesichter noch unversehrt sind, weil sie als Minderjährige ein Gitter davor zu tragen haben.

          Playoff-Finale aus der vergangenen Saison: Cody Lampl (l.) von Adler Mannheim und der deutsche Nationalspieler Yasin Ehliz von Red Bull München im Zweikampf um den Puck.

          Im Gegensatz zu den Top-Ligen anderer Nationen gibt es diese „Gitterspieler“ in der DEL ja viel zu wenig, ist seit Jahren zu hören. Hiesige Kaderplaner fühlen sich stets kurzfristigen sportlichen (und damit wirtschaftlichen) Zielen verpflichtet statt der Ausbildung eigener Talente. Doch das Eishockey wandelt sich, es wird jünger, schneller, aufregender. Früher, da wurde gehakt und gehalten und geschlagen und umgefahren. Das kommt zwar immer noch vor, aber es wird von den Schiedsrichtern konsequenter geahndet. Davon profitieren Talente wie Stützle und Peterka, die als Teenager zwar nicht ausgewachsen sind, aber so flink und technisch beschlagen, dass sie bei den Erwachsenen nicht nur mitspielen, sondern phasenweise dominieren können.

          Warum Talente nicht mehr frühzeitig flüchten

          Das taten sie bislang im Nachwuchs. Stützle sammelte für die Mannheimer Junioren in 54 Spielen 120 Scorerpunkte, obwohl er gegen bis zu drei Jahre ältere Spieler ranmusste. Peterka, für verschiedene Teams der Red-Bull-Akademie aus Salzburg aktiv, kam in Österreich und Tschechien auf 160 Punkte in 79 Spielen. Solche Ausnahmetalente gingen ehedem nach Nordamerika oder Skandinavien. Leon Draisaitl und Dominik Kahun zog es früh nach Kanada, Dominik Bokk nach Schweden. In der Heimat gab es außerhalb der Juniorenliga, der sie spielerisch entwachsen waren, keinen Platz.

          Ursprünglich wollte auch Stützle gehen, er war sich einig mit einem College-Team aus den Vereinigten Staaten. Doch dann entschied er sich um, weil er in der DEL „gegen Männer und erfahrene Profis“ spielen kann, wie er sagt, das bringe ihm langfristig mehr.

          Ganz neu ist die Idee nicht: Auch Moritz Seider, Deutschland größtes Verteidigertalent, spielte vergangene Saison lieber in der Heimat gegen Erwachsene als im Ausland gegen Teenager. Der Plan ging auf, Seider wurde mit Mannheim Meister und durfte zur WM – wo er Deutschlands bester Verteidiger war. Im Sommer zog ihn Detroit beim Draft, der jährlichen Talentewahl der Eliteliga NHL, an Position sechs. Auch andere europäische Juwelen wie der Schwede Elias Pettersson oder Finnlands WM-Star Kaapo Kakko bereiteten sich daheim auf die NHL vor. „Solche Leute zeigen einem dem Weg vor“, sagt Stützle nun, besteht aber darauf, seine „eigene Entscheidung“ getroffen zu haben.

          Die war ganz nach dem Geschmack von Gernot Tripcke. Allein schon aus Eigennutz als Liga-Boss. Aber auch für die Spieler lohne sich die DEL: „Die Scouts sind da. Man muss nicht mehr in die kanadische Juniorenliga gehen, um von der NHL gesehen zu werden“, sagt Tripcke, der auch bei den Vereinen ein Umdenken festgestellt hat: Durch die neue U-23-Regel (nur noch 17 Feldspieler dürfen älter sein), und weil sie verstanden hätten, dass ihnen junge Spieler helfen können. „Heute würden die Mannheimer Leon Draisaitl und die Kölner Dominik Bokk wahrscheinlich spielen lassen“, glaubt Tripcke.

          Auffällig ist, dass die Youngster nicht nur irgendwo spielen, sie dürfen in Überzahl aufs Eis, Stützle läuft gar in der ersten Reihe auf. Beim teuersten Kader der Liga. Er ist technisch und läuferisch so stark, er hat einen derart guten Schuss und ein noch besseres Auge, dass seine Qualitäten am besten zur Geltung kommen, wenn er neben den Besten spielt und für Offensive sorgen soll. In der vierten Reihe für wenige Minuten pro Abend Defensivaufgaben zu erfüllen, wie es andere Jungprofis tun müssen, würde nicht seinem Naturell entsprechen. Trainer Pavel Gross weiß das und hält ihn gar für weiter als manch gestandenen Kollegen: „Wir wissen, dass Tim manchmal Sachen macht, für die die Mitspieler noch nicht bereit sind.“ Das dürfte sich bald ändern. Stützle und Peterka sind für den NHL-Draft 2020 verfügbar und haben gute Chancen, früh gezogen zu werden. Allzu lang werden ihre Namen nicht in DEL-Hallen zu hören sein.

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