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Tibor Pleiß : Die nächste deutsche NBA-Hoffnung

  • -Aktualisiert am

Immer mit der Ruhe: Tibor Pleiß Bild: Picture-Alliance

Tibor Pleiß will es Dirk Nowitzki und Dennis Schröder nachmachen und sich in der NBA beweisen. Die 2,18 Meter lange deutsche Hoffnung findet bei seinem neuen Verein dabei eine kuriose Situation vor.

          3 Min.

          Wenn man Anfang zwanzig ist und in den Großstädten der Vereinigten Staaten das Nachtleben testen will, stößt man in Salt Lake City schnell an Grenzen. Die Alkoholbestimmungen sind restriktiv, die Stimmung ist eher schläfrig. Weshalb Dirk Nowitzki der Gegend am Großen Salzsee vor ein paar Jahren ein ziemlich abfälliges Zeugnis ausstellte. „Utah ist eine schlimme Stadt“, sagte der NBA-Profi, als er erklären wollte, weshalb die Dallas Mavericks in den Play-offs nachts noch rasch nach Hause fliegen, anstatt ihren Spielern die Ödnis zuzumuten.

          Die Fans der Utah Jazz haben dem Basketballspieler diese Bemerkung ziemlich krumm genommen, zumal er dabei auch noch zwei Dinge in einen Topf warf: den Bundesstaat, nach dem der Klub benannt ist, und die Stadt, in der das Team ansässig ist. Weshalb er auch noch Jahre später von Reportern darauf angesprochen wird, sobald er mit seiner Mannschaft in der großen Arena unweit des Tempels der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage antritt.

          Aufregende Berge in der neuen Heimat

          Als Tibor Pleiß vor ein paar Wochen nach Salt Lake City kam, hatte er kaum Gelegenheit, sich auf die Suche eines Unterhaltungsprogramms zu machen. Er musste eine Wohnung suchen und sich ein Auto beschaffen. Und wenn er mal Zeit hatte, schnappte er sich lieber seinen Fotoapparat und fuhr hinaus in die nahen Berge. Nach Park City zum Beispiel, wo 2002 ein Großteil der olympischen Wettbewerbe stattfanden. „Das war sehr aufregend“, erzählte der 25-Jährige am Montag deutschen Journalisten in einer Telefon-Pressekonferenz. „Ich habe ein paar schöne Fotos gemacht.“ Rummel interessiert ihn nicht. Weshalb er eine Wohnung außerhalb vom Zentrum mietete, „damit ich auch ein bisschen Ruhe bekomme“.

          Der Center der deutschen Nationalmannschaft, der schon 94 Mal das Trikot seines Heimatlandes trug, hatte seit Jahren auf seinen Einsatz in der besten Basketballliga der Welt gehofft. Aber vor dieser Saison wollte ihn kein NBA-Klub verpflichten, obwohl drei von ihnen zumindest Interesse gezeigt hatten - die New Jersey Nets, von denen er 2010 gedraftet worden war, sowie die Atlanta Hawks und die Oklahoma City Thunder. Dann entschloss sich Utah, das in der Nacht zum Donnerstag (0.30 Uhr MEZ) bei den Detroit Pistons in die Saison startet, ihn als Ersatz-Center zu verpflichten.

          Neun Millionen Dollar für drei Jahre

          Die Umstellung ist strapaziös. Der 2,18 Meter lange Kerl muss sich unter anderem an die anderen Regeln gewöhnen, die in der NBA in der Zone am Korb gelten. Also dort, wo er mit seiner Größe und seinen langen Armen am meisten gebraucht wird. „Wir werden geduldig mit ihm sein“, sagte Cheftrainer Quin Snyder vor ein paar Tagen. „Er muss weiter arbeiten. Aber er macht sich ganz gut.“

          Pleiß, der in Köln aufwuchs und dort zum Basketball fand, kennt das Nomadenleben. Er spielte drei Jahre in Bamberg, in einer Zeit, als das Team in Deutschland unschlagbar schien. Dann wechselte er zu Saski-Baskonia nach Vitoria ins Baskenland und 2014 schließlich zum FC Barcelona. Immer in der Hoffnung, dass jemand in Amerika seine Talente entdeckt. Das ist nun der Fall. Mit insgesamt neun Millionen Dollar brutto für insgesamt drei Jahre liegt er zwar erheblich unter dem Liga-Durchschnitt von rund fünf Millionen Dollar pro Saison, aber deutlich über der Einsteiger-Entlohnung, mit der sich Jungtalent Dennis Schröder (Atlanta Hawks) abfinden musste.

          Kämpfen um die Chance: Tibor Pleiß (r.) in der NBA
          Kämpfen um die Chance: Tibor Pleiß (r.) in der NBA : Bild: AP

          Bei den Jazz gibt es noch eine weitere Besonderheit: Hier steht Alex Jensen im Kader der Coaches, der vor ein paar Monaten vom Deutschen Basketball Bund als Assistent von Bundestrainer Chris Fleming verpflichtet worden war. Und der hält große Stücke auf Pleiß: „Tibor hat ein unglaubliches Potential“, sagte er der Website „Spox“. Sein einziges Problem: Vielleicht sei der 25-Jährige eher zu nett. „Ich bin neugierig zu sehen, wie Tibor so drauf ist, wenn er mal wütend wird.“

          Kuriose Altersstruktur bei Utah Jazz

          Wie sollte der Center so kurz nach dem Wechsel auch anders auftreten als freundlich und wohlerzogen? Und warum sollte er nicht Sätze sagen wie: „Ich freue mich in der NBA zu sein, damit ich mich mit den Besten messen kann.“ Ihm ist schließlich etwas gelungen, was nur wenige deutsche Basketballspieler schaffen. So spielen neben ihm derzeit nur die deutschen Gewächse Dirk Nowitzki und Dennis Schröder in der NBA. Für Talente wie Niels Giffey, Tim Ohlbrecht oder Elias Harris hingegen reichte es, abgesehen von Kurzzeit-Verpflichtungen, nicht.

          Pleiß findet bei den Utah Jazz eine kuriose Situation vor: eine Mannschaft, in der er - nach einer radikalen Verjüngungskur - einer der Älteren ist. „Es gibt vielleicht noch drei Spieler, die mit mir über 25 sind.“ Weshalb er damit rechnet, dass er bei dem in der Liga üblichen Initiationsritus für Neulinge etwas milder wegkommt. Die Rookies werden gerne als Taschenträger fürs Team missbraucht oder müssen nach dem Training nasse Handtücher und leere Wasserflaschen einsammeln. Pleiß findet das teilweise sogar lustig. Als die Jazz vor Beginn der Saison auf Hawaii gastierten, musste er mit seinen langen Extremitäten vor den anderen antreten und Hula tanzen. „Das war ganz amüsant“, sagte er am Montag.

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