https://www.faz.net/-gtl-yu41

THW Kiel : Von wegen Machtwechsel

  • -Aktualisiert am

In dieser Saison hat Hamburg Kiel im Griff - das soll aber nicht so bleiben Bild: dpa

In dieser Handball-Saison läuft Hamburg Kiel den Rang ab und wird Meister. Doch Branchenprimus THW bastelt an einer erfolgreichen Zukunft. Vorerst suchen sie ihr Glück abseits der Bundesliga, wie an diesem Samstag in der Champions League.

          3 Min.

          In den ersten Annäherungen zwischen Verein und Spieler geht es meist um Geld. Dann aber bald auch um die Aussichten, das Ambiente, das Drumherum. Uli Derad hat das jüngst in den Verhandlungen mit René Toft Hansen erlebt, einem starken dänischen Kreisläufer. Hansen wird 2012 den reichen dänischen Klub AG Kopenhagen verlassen und zum THW Kiel kommen. Auch beim THW wird er gutes Geld verdienen.

          Doch auch eine bestimmte weiche Währung zählt für den umworbenen Handball-Profi. „Ich möchte einmal als deutscher Meister auf dem Kieler Rathausbalkon stehen“, hat Toft Hansen dänischen Zeitungen erzählt, „und ich möchte immer vor ausverkauftem Haus spielen.“ Zumindest den zweiten Wunsch werden ihm die Kieler bald erfüllen können, und geht es nach dem Kieler Manager Derad, wird Hansens erste Sehnsucht auch bald befriedigt.

          Derad bastelt gerade an der Mannschaft der Zukunft und stellt in seinen Gesprächen mit Profis fest, dass die Kieler Handballbegeisterung immer noch ein großes Plus ist. „Kiel lebt Handball“, sagt Derad, „das wissen die Spieler, die zu uns wollen.“ Das Kieler Lebenselixier bleibt der Handball. Daran wird die Spielzeit 2010/2011 nichts ändern. Wobei die Stimmung in der größeren Arena des Rivalen schon jetzt viel besser ist als in der Ostseehalle: beim HSV Hamburg hat sich ein junges, lautes Publikum eingefunden. In Kiel kann es gegen schwache Klubs schon mal leise wie in der Oper sein. Ein Problem der vererbten Dauerkarten – jungen Handballfans ist der Weg zum THW verbaut.

          „Der HSV sollte den Moment genießen“

          Es ist eine ungewohnte Saison für den THW, denn zum ersten Mal seit sechs Jahren sind andere besser. Zwar verlor der HSV Hamburg das Spitzenspiel beim THW am vergangenen Mittwoch 35:38 und wurde zum ersten Mal seit dem ersten Spieltag überhaupt besiegt, doch bleibt der Vorsprung des HSV fünf Spiele vor Schluss so groß, dass der Kieler Trainer Alfred Gislason dem Kollegen Martin Schwalb schon mal vor der Zeit zum Meistertitel gratulierte.

          Für das angekratzte Kieler Selbstvertrauen war der Erfolg gegen die Hamburger auf dem Weg zu zwei noch möglichen Pokalen Gold wert. Mancher hatte ja schon den Machtwechsel im deutschen Handball ausgerufen. So weit sei es längst nicht, findet Derad: „Der HSV sollte den Moment genießen. Sie haben es sich verdient. Aber zu einem Machtwechsel gehört mehr als ein Titel.“

          Natürlich haben sie in Kiel am Ende einer enttäuschenden Bundesliga-Saison wahrgenommen, dass der HSV sie ein- und überholt hat: Vor zwei Jahren deklassierte Kiel den HSV, vor einem Jahr waren sie fast gleichauf, nun steht Hamburg vorn. Kiel wird sein Glück in anderen Wettbewerben suchen müssen – in der Champions League etwa; dort tritt der THW an diesem Samstag im Viertelfinale beim FC Barcelona an. Und in der DHB-Pokal-Endrunde Anfang Mai.

          Kiel besiegt ersatzgeschwächte Hamburger

          Was an der siebten Meisterschaft seit 2005 gefehlt hat, wurde am vergangenen Mittwoch deutlich. Denn bei den beiden entscheidenden Heimniederlagen gegen den TV Großwallstadt und die Rhein-Neckar Löwen hatte Thierry Omeyer, der als bester Torwart der Welt gilt, schwach gespielt. Dazu kam die Schwäche, dass Kiel im gebundenen Angriffsspiel wenig zustande brachte, zu sehr der Wurfhärte und Durchsetzungsfähigkeit von Filip Jicha, Daniel Narcisse oder Christian Zeitz vertraute – die eben auch mal einen schlechten Tag erwischten.

          Gegen den HSV dagegen steigerte sich Omeyer in der zweiten Halbzeit entscheidend, und Zeitz traf nach Belieben. Das genügte, um die ersatzgeschwächten Hamburger zu besiegen. Es wird eine der spannenden Fragen zur neuen Saison sein, ob Gislason die Kieler im Angriffsspiel endlich mannschaftlich voranbringt – oder weiter auf die individuelle Klasse Einzelner vertraut.

          „Wir wollen die Zukunft gestalten“

          Die Arbeit anderer will man in Kiel nicht beurteilen. Doch schaut man beim THW mit Spannung darauf, wie der HSV seinen Führungswechsel verdauen wird – Trainer Martin Schwalb wechselt auf den Geschäftsführerposten, neuer Coach wird der ehemalige Flensburger Per Carlén, Präsident Rudolph gibt sein Amt auf, Präsidiumsmitglied Schmäschke geht nach Flensburg. Verglichen damit arbeiten Gislason und Derad in paradiesischer Ruhe.

          Zusammen mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden Klaus-Hinrich Vater stehen sie für den neuen, von den Manipulationsvorwürfen der Ära Schwenker/Serdarusic unbelasteten THW. Ursprünglich sollte der Prozess gegen den ehemaligen Manager und den früheren Trainer des THW vor dem Kieler Landgericht Ende März beginnen. Doch der Richter wurde krank. Alles ist nun in die zweite Jahreshälfte verschoben. Nicht nur Derad wünscht sich bald ein Urteil. Er versucht, gelassen mit Vergangenem umzugehen: „Man muss anerkennen, was hier vor uns für eine Arbeit geleistet worden ist. Davon profitieren wir, das respektiere ich voll und ganz. Aber zurückschauen bringt uns nicht weiter. Wir wollen die Zukunft gestalten.“ Und dabei werden der Rathausmarkt und die Ostseehalle wichtige Währungen bleiben.

          Weitere Themen

          Könige von Berlin

          F.A.Z.-Frühdenker : Könige von Berlin

          Gezielte Desinformation bedroht die anstehende Bundestagswahl, die Gewalt zwischen Israel und Gaza findet kein Ende und der BVB feiert den DFB-Pokalsieg. Was sonst noch wichtig ist, steht im F.A.Z.-Newsletter für Deutschland.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.