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Kiel-Trainer Gislason : „Handball wird nicht groß in Deutschland“

  • -Aktualisiert am

Alfred Gislason plant die nächste Kieler Ära. Bild: AP

Ein weiterer Champions-League-Titel? Solange ARD und ZDF das Geld in den Fußball stecken habe sein Team wenig Chancen, meint der Kieler Meistertrainer Alfred Gislason im F.A.Z.-Interview.

          3 Min.

          Alle haben sie im Schongang erwartet, aber dann war die 20. Meisterschaft doch harte Arbeit. Wie ordnen Sie den Titel ein?

          Die Meisterschaft war die Fortsetzung des vergangenen Jahres. Es war wieder ein harter Kampf gegen die Rhein-Neckar Löwen. Sie haben eine großartige Saison gespielt. Wir haben den Umbau der Mannschaft weitergetrieben. Wir wollen eine neue Kieler Ära prägen. Aus der Mannschaft, mit der wir vor drei Jahren das Triple geholt haben, sind nur noch drei Spieler dabei. Wir haben den Generationswechsel also fast komplett vollzogen.

          Sie hatten einen großen, starken Kader mit drei neuen Rückraumspielern. Alle haben gedacht, der THW marschiert mit Weinhold, Duvnjak und Canellas durch, Sie nicht, warum eigentlich?

          Mir war klar, dass nicht alles von selbst geht. Es ist sehr schwer, so viele Neue einzubauen. Sie mussten erst unsere Systeme verstehen. Gleichgültig, wie gut sie sind. Aber das wollte im August keiner hören, da waren alle superoptimistisch. Ich nicht. Auch deshalb ging es so schleppend los mit 4:4 Punkten. Mehrere Leute sind uns ausgefallen, unser Kapitän Filip Jicha litt noch an Verletzungen aus der Vorsaison und kam erst langsam in Fahrt. Es war fast die ganze Saison eine Bastelarbeit. Duvnjak ist ein großartiger Spieler, wirkte aber gehemmt. Er hat manchmal zu viel nachgedacht und war zu sehr Mannschaftsspieler. Canellas hat gut reingefunden, am weitesten ist Weinhold integriert. Aber wir sind alle gemeinsam noch in der Entwicklung.

          Im April stand die Saison auf der Kippe, als Sie wegen Verletzung und Krankheit ohne Torhüter dastanden ...

          Das war ein Albtraum. So etwas habe ich noch nicht erlebt. Die Rhein-Neckar Löwen waren richtig gut, punktgleich mit uns, und wir hatten keine Stamm-Torhüter und nur einen ganz jungen Linksaußen. Eine ganz heikle Situation. Aber unser dritter Torwart Kim Sonne hat das super gemacht, und Linksaußen Rune Dahmke aus der eigenen Jugend wuchs über sich hinaus.

          War das für Sie als Coach auch ein Reiz über die Saison gesehen, so viele ungewöhnliche Situationen zu meistern?

          Jede dieser Situationen bringt dich weiter. Ich musste die Neuen viel schneller einbauen, weil die Alternativen nicht da waren. Dass es mit Kim Sonne geklappt hat, war Glück im Unglück.

          In der Champions League wirkte Ihr Team vor einer Woche kraftlos. Kann der THW in Europa noch mithalten?

          Da geht es doch auch um die Finanzen. Veszprem wird vom Staat unterstützt und zahlt viel weniger Steuern. Ähnliches gilt für Barcelona. Paris, das gerade richtig aufrüstet, wird von Scheichs aus Qatar bezahlt. Da kann kein Klub der Welt mithalten. Wir oder Flensburg sind ganz anders aufgestellt, wir sind ein Verein mit Nachwuchsarbeit. Da ist mehr als nur ein Mäzen.

          Für die breite Öffentlichkeit ist die Meisterschaft des THW normal, erst die Champions League ist etwas Besonderes.

          Der THW ist nicht Favorit für die Champions League. Und auch kein anderer deutscher Klub. Solange ARD und ZDF ihr Geld in den Fußball stecken, wird der Handball in Deutschland nicht groß werden. Aber wir werden natürlich immer wieder versuchen, die Champions League zu gewinnen.

          Nach den beiden Niederlagen in Köln haben Sie sehr zahm reagiert. Wollten Sie die Mannschaft schützen?

          In Köln hätte alles passen müssen, um zu gewinnen. Wir haben zu viele Fehler gemacht. Wir waren als Team nicht gefestigt. Da kann ich der Mannschaft aber keinen Vorwurf machen. Ich sehe, was diese Mannschaft kann. Der Umbau ist ja nicht abgeschlossen. Die Mannschaft kann noch viel besser spielen, wenn sich alles gefunden hat. Wir haben auch durch die Neuen eine Altersstruktur, die uns die nächsten fünf Jahre gut dastehen lässt.

          Wird der THW die deutsche Karte stärker spielen?

          Wir holen Leute, die zu uns passen. Die Nationalität ist nicht wichtig. Wir sind früher dafür kritisiert worden, nur fertige Stars zu holen. Jetzt kommen Dissinger, Katsigiannis und Williams, alle deutsche Spieler. Mit Weinhold, Wiencek, Damke und Klein haben wir schon einige. Unsere Linie ist durchdacht. Außerdem zeigt sich allgemein die gute Arbeit des deutschen Nachwuchses. Wer es bei uns nicht schafft, spielt woanders oder in der zweiten Liga eine gute Rolle.

          Deutsche Talente zum THW, das wertet ein Teil der Öffentlichkeit als Sparkurs. Ein anderer als neue Strategie des THW, um für Sponsoren interessanter zu sein.

          Um uns muss sich keiner Sorgen machen. Wir haben schon vor Jahren mit jungen Deutschen angefangen. Es dauert eben, bis das Früchte trägt. Man kann es nicht jedem recht machen. Als ich mich nach langem Studium für Dissinger entschied, hieß es: Was wollt ihr mit dem?

          Mit den Torhütern waren Sie in den vergangenen drei Jahren selten glücklich. Was erhoffen Sie sich von Niklas Landin?

          Ich erwarte von ihm und Katsigiannis sehr viel. Niklas gilt vielen als der kommende Star-Torwart. Das soll er hier bei uns zeigen. Klar ist, dass man die großen Titel nur mit großen Torhütern holt.

          Geschäftsführer Thorsten Storm hat sie nach Sylt eingeladen, um dort Ihren 2017 endenden Vertrag um zwei Jahre zu verlängern. Wie ist der Stand?

          Das mit Sylt stimmt. Den Rest müssen Sie den Manager fragen.

          Geschieht das Abschalten vom Handball nun wieder in Ihrem Landhaus nahe Magdeburg?

          An diesem Montag fahre ich hin, für einen Monat. Das Handy muss ich bei meiner Frau abgeben. Zumindest für die erste Woche

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