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THW Kiel : Souveräne Verdrängungskünstler

  • -Aktualisiert am

Wieder in Topform: Daniel Narcisse Bild: dpa

Drohende Spielerabgänge, finanzielle Verluste, eine bittere Niederlage in der Champions League, der Handball-Prozess - doch der THW Kiel ist in der Bundesliga kaum aufzuhalten. Zwölf Spiele, zwölf Siege - vereinsinterner Startrekord.

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          Sämtliche Zutaten für eine richtige Herbst-Krise beim Rekordmeister lagen vor: der baldige Abgang des weltbesten Torwarts Thierry Omeyer, dem womöglich auch andere Kieler Stars wie der aktuell beste Feldspieler der Bundesliga, Daniel Narcisse, ins Ausland folgen würden; ein Verlust von 500.000 Euro im abgelaufenen Geschäftsjahr; eine bittere Niederlage in der Champions League gegen Montpellier; und über allem schwebend, bedrohlich und schwer greifbar: der Kieler Handball-Prozess mit den ehemaligen Machern Uwe Schwenker und Zvonimir Serdarusic als Angeklagte im Mittelpunkt.

          Ein Prozess, der den ganzen THW in die Nähe eines Betrüger-Klubs rückt, ganz gleich, welches Urteil am Ende gesprochen wird. Eigentlich müsste der THW Kiel vor dem Hintergrund dieser Gemengelage angeschlagen durch die Liga taumeln.

          Schweigen und siegen: Beim THW Kiel läuft es derzeit rund Bilderstrecke
          Schweigen und siegen: Beim THW Kiel läuft es derzeit rund :

          Doch das genaue Gegenteil ist der Fall. Souveräner denn je führen die Kieler die Tabelle an. Auf 24:0 baute der THW sein Punktekonto am Samstagabend durch das 35:26 gegen den TBV Lemgo aus - vereinsinterner Startrekord.

          Es sind nicht nur die Ergebnisse. Es ist auch die Art, wie Kiel selbst schwierige Auswärtsspiele dominiert, die die Konkurrenz das Fürchten lehrt. Während Meister HSV Hamburg vom Verletzungspech gebeutelt hinterherläuft und gar nicht mehr von der erfolgreichen Titelverteidigung spricht, zeigt der THW, was er schon immer gut konnte: zusammenrücken, Klappe halten, Spiele gewinnen. „Die Gerüchte interessieren uns nicht“, sagt Trainer Alfred Gislason, „wir schauen nur auf uns. Es ist nicht so leicht, uns in der Bundesliga zu besiegen.“

          Es ist beeindruckend, wie es den Kielern gelingt, im Handball-Maßstab große Themen klein zu halten. Dass Omeyer 2013 zurück nach Montpellier wechselt, ist beschlossene Sache. Vor dem Aufeinandertreffen in der Champions League Anfang Oktober versuchte Montpelliers Nikola Karabatic, Unfrieden zu stiften.

          Narcisse reißt mit

          Der frühere Kieler Profi unterstellte, Omeyer werde sicher schon 2012 in die Heimat kommen, und ohne seinen Landsmann werde auch Narcisse bald Kiel verlassen. Weder Omeyer noch Narcisse diskutierten mit.

          Der strenge Gislason hat seinen Laden inzwischen richtig gut im Griff. Und während Omeyer gerade eine der seltenen schwächeren Phasen seiner fünf Jahre in Kiel durchlebt, spielt Narcisse so mitreißend im Rückraum wie vor seinem Kreuzbandriss.

          Die Kieler Devise: Mag ja sein, dass sich im nächsten Sommer etwas tut. Aber was schert uns das jetzt? Zudem kann man davon ausgehen, dass sich der THW längst um einen Omeyer-Ersatz bemüht. Der baldige Rhein-Neckar-Löwe Niklas Landin, dänischer Nationaltorwart, wäre so ein Kandidat.

          Die folgende Niederlage gegen Montpellier in der Champions League-Gruppenphase wurde als reparabler Unfall akzeptiert. In der Liga drehte der THW danach mit dem Sieg in Berlin erst richtig auf.

          Das Verwirr-Spiel im Rückraum

          Der Mannschaft kommt es derzeit zugute, dass Gislason aus dem Vollen schöpfen und Jungstars wie Aaron Palmarsson sogar auf die Tribüne setzen kann. Das von Gislason verordnete Verwirr-Spiel mit den vielen Positionswechseln im Rückraum - in der Vorsaison eher Schwäche als Stärke - scheint vom Team verinnerlicht worden zu sein.

          Das lobte kürzlich sogar der frühere Spielmacher Stefan Lövgren. Wobei sich erst zeigen muss, ob Gislasons System auch in den schweren Champions-League-Auswärtsspielen in Kopenhagen und in Montpellier trägt.

          In Leon, bei einem weiteren Punktverlust, verfiel der THW Ende Oktober ins alte Schema und beendete seine Angriffe oft überhastet. Gislason hat für die heiße Phase der Gruppenspiele Besserung versprochen.

          Kein Wort zum Prozess

          Dann war da noch der Verlust in Höhe einer halben Million Euro. Ungewöhnlich zwar für einen Spitzenklub mit soliden Finanzen, aber auch keine große Sache - beim THW Kiel waren zwei Sponsoren abgesprungen, andere hatten weniger gezahlt als vereinbart.

          Inzwischen seien einige neue Gesellschafter gefunden worden, mit denen der Bilanzverlust ausgeglichen worden sei, sagte der Aufsichtsratsvorsitzende Klaus-Hinrich Vater. Und mit dem scheinbar großen Aufreger des Handballs, der sich doch eher als ziemlich zähe Nummer erweist, muss man den Kielern gar nicht erst kommen: Zum Prozess vor dem Kieler Landgericht äußern sich weder Spieler noch Verantwortliche.

          Nahezu konkurrenzlos scheint der THW also der nächsten Meisterschaft entgegen zu steuern. Dass sie es demnächst öfter ohne Trainer probieren werden, ist allerdings nur ein Gerücht: Beim besten Spiel in der Champions League coachten die Spieler Kubes und Andersson, weil Gislason gesperrt war. Der THW gewann in Szeged/Ungarn sicher, und Kubes, dessen Vertrag als Spieler nicht verlängert wird, könnte 2012/2013 Gislasons Assistent werden.

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