https://www.faz.net/-gtl-6zizi

THW Kiel : Der Durchmarsch der Spielverderber

  • -Aktualisiert am

Jubel als Dauerzustand: Marcus Ahlm Bild: dpa

An der Spitze muss die Handball-Bundesliga ohne Spannung leben. Der THW Kiel ist allen anderen so weit enteilt, dass über neue Wege gegen die Langeweile nachgedacht wird.

          Der Kreis der Bewunderer ist Woche für Woche gewachsen. Zuletzt staunte Velimir Petkovic, der Trainer Frischauf Göppingens: „Unglaublich, welche Saison die Kieler spielen. Da stehen Fachleute vor einem Rätsel.“ Petkovic ist ein Fachmann; er war im engsten Kandidatenkreis, als es vor einem Jahr um die Nachfolge von Bundestrainer Heiner Brand ging. Aber was er beim 33:23 des THW Kiel in Göppingen Mitte April sah, konnte er nicht erklären. Spiele in Göppingen waren immer anstrengend für den THW gewesen.

          In diesem Jahr ist alles anders: Zwei harte Nüsse knackte Kiel zuletzt an einem Stück, siegte innerhalb einer Woche in Lemgo und Göppingen - und kann schon mit einem Remis an diesem Dienstag (20.15 Uhr im FAZ.NET-Liveticker) gegen den SC Magdeburg rekordverdächtig früh deutscher Meister werden. 56:0 Punkte haben die Norddeutschen bislang gesammelt; der erste „Verfolger“, die SG Flensburg, hat elf Minuspunkte mehr. Meisterjubel am Tag der Arbeit: Das hat selbst Kiel noch nicht erlebt.

          Die Dominanz des THW, der auch in der Finalrunde der Champions League steht, hat eine Langeweile-Diskussion in der Liga angestoßen, denn seit dem Heimsieg im Dezember 2011 gegen den amtierenden Meister HSV Hamburg geht es in der Szene nur noch darum, ob Kiel der Durchmarsch „zu null“ gelingt.

          Frank Carstens, Trainer des nächsten Gegners, findet die Diskussion jedoch wenig hilfreich: „Es sollte für alle anderen Klubs ein Ansporn sein, gegen diese Mannschaft spielen zu dürfen. Es bringt nichts, von Langeweile zu reden. Man muss versuchen, selbst besser zu werden und die Kieler vor neue Aufgaben zu stellen“, sagt der Magdeburger. Ihm imponiert der unbändige Wille, mit dem Trainer Alfred Gislasons Team durchmarschiert: „Es war schon immer ihre Qualität, ihr Spiel konsequent durchzuziehen, sich von Schwächeperioden nicht beeindrucken zu lassen. Darin sind sie in diesem Jahr noch besser.“

          Haushohe Überlegenheit: Kim Andersson Bilderstrecke

          Aber verliert eine Spielklasse ohne brisantes Meisterschaftsrennen nicht ihren Reiz? Frank Bohmann ist als Geschäftsführer der Handball-Bundesliga (HBL) an der bestmöglichen Vermarktung des Handballs interessiert. Er sagt: „Ein bisschen mehr Spannung, wie wir sie ja schon oft hatten, wäre schön gewesen. Ich verfolge das allerdings als neutraler Zuschauer und freue mich natürlich über derart gute Leistungen. Wir als HBL können es ja auch nicht steuern. Zumindest in einigen Champions-League-Spielen hat man gesehen, dass der THW auch nur mit Wasser kocht.“

          In Leon, Kopenhagen und in Zagreb spielte Kiel unentschieden, zu Hause gegen Montpellier verlor Gislasons Truppe in der Gruppenphase. Mit einem 33:27 am Sonntag gegen Croatia Zagreb erreichte der THW dann aber das Champions-League-Finalturnier in Köln.

          „Es ist schon langweilig“

          Auf nationaler Ebene wurde es in den Heimspielen gegen die Konkurrenz aus Hamburg, Flensburg und Berlin nichts mit der erhofften Spannung, so dass beispielsweise der Lemgoer Geschäftsführer Volker Zerbe sagt: „Es ist schon langweilig für den Beobachter, wenn der Meister so früh feststeht.“

          Zumal in Hamburg, beim großen Rivalen der vergangenen Jahre, so ziemlich alles schiefging: Verletzungen, Trainerwechsel, Motivationsprobleme - der HSV wird sich auch im nächsten Jahr von dieser Saison erholen müssen: „Wir haben so viel Selbstvertrauen eingebüßt und müssen erst mal wieder rauskommen aus dem Mittelmaß“, sagt der Hamburger Pascal Hens.

          Playoff-Runde für die Spannung?

          Für Spannung könnte eine Playoff-Runde der besten acht Klubs sorgen. Das Eishockey hat es in der Finalrunde mit der Partie Eisbären Berlin gegen Adler Mannheim gerade vorgemacht, wie faszinierend fünf Spiele der besten beiden Mannschaften sein können. Etwas öfter Hamburg gegen Kiel und Füchse gegen Flensburg, das würde der Liga guttun - auch wenn in diesem Jahr am Ende, bei welchem Modus auch immer, der THW als Meister herausgekommen wäre.

          Playoffs sind von einigen Managern immer mal wieder ins Spiel gebracht worden, doch gerade die kleineren Klubs, die diese Endrunde womöglich nie erreichen und dementsprechend nicht profitieren, wehren sich. Außerdem wäre bei der Flut an Spielen eine Verkleinerung der Liga vonnöten, bevor man noch Playoff-Spiele am Ende einer Hauptrunde draufsattelt. Da findet man schwer eine Mehrheit.

          Hoffnung auf die Saison 2013/14

          Unbeeindruckt von allem zeigt sich wieder einmal Bob Hanning, der Manager des diesjährigen Überraschungsteams Berliner Füchse. Der Querdenker der Liga, der das Projekt Füchse in fünf Jahren aus dem Berliner Boden gestampft hat, sagt: „Es war von vornherein lächerlich, uns als Kiel-Jäger hinzustellen. Mir war nach drei Spieltagen klar, dass der THW Meister wird.“

          In diesem und im nächsten Sommer verliert Kiel in Kim Andersson (2012), Thierry Omeyer und Marcus Ahlm (beide 2013) drei absolute Spitzenkräfte. So bleibt die Hoffnung, dass es im deutschen Handball spätestens in der Saison 2013/2014 wieder spannend wird.

          Weitere Themen

          Glamouröses Geschäft mit deutschen Kindern

          Paris St. Germain : Glamouröses Geschäft mit deutschen Kindern

          Paris Saint-Germain eröffnet in Düsseldorf die erste „PSG Academy“ in Deutschland. Widerstand und Aufregung sind groß. Denn der Plan des französischen Klubs ist noch viel größer – und wird von hehren Worten begleitet.

          Suche nach einem Strategen

          Eintracht Frankfurt : Suche nach einem Strategen

          Die Eintracht möchte in der kommenden Saison im Mittelfeld variabler werden. Auch Spieler anderer Bundesligisten sind für die zentrale Position im Gespräch. Was wird jedoch aus Marc Stendera?

          Topmeldungen

          Seit mehr als einer Woche sitzt Stephan E. bereits in der JVA Kassel I im Gefängnis. Nun soll er dem Mord an Walter Lübcke gestanden haben.

          Sitzung des Innenausschuss : Stephan E. gesteht Mord an Lübcke

          Der dringend Tatverdächtige Stephan E. hat gestanden, den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke ermordet zu haben. Das bestätigte Bundesinnenminister Seehofer. E. habe ausgesagt, allein gehandelt zu haben.

          Streit um May-Nachfolge : Johnson schlägt zurück

          Boris Johnson stand im Verdacht, den Medien ausweichen zu wollen, nun stellt er sich ihnen jedoch immer öfter. Das zeigt aber auch, dass er ins Stocken gerät, wird er auf exakte Zahlen und Fakten angesprochen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.