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Thomas Haas : Späte Reue, frühe Niederlage

  • -Aktualisiert am

Kurzer Auftritt in Paris: Thomas Haas Bild: picture-alliance/ dpa

Thomas Haas hätte gern im Davis Cup gespielt, aber dem Tennisprofi fehlte der Teamgeist. Ohne Trainer nach Paris gereist, scheiterte der Deutsche zum Auftakt. Ebenso die Koffer packen musste Roger Federer.

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          Leicht ist die Rue Poliveau nicht zu finden, eine kleine Seitenstraße in Paris-Bercy. Gut eine Viertelstunde vom Palais Omnisports entfernt liegt das „Centre Sportif“, eine leicht heruntergekommene Turnhalle, in der sonst Schüler beim Sport schwitzen. Eigens wurde der gleiche grüne Hartplatz verlegt wie im Palais, um den Spielern, die am letzten Masters-Turnier der Saison teilnehmen, in dieser Woche eine Trainingsalternative zu bieten.

          Auch Thomas Haas schlägt dort ungestört seine Bälle, aber es ist nicht so, als fühle er sich genötigt, abseits seiner Spielerkollegen zu trainieren. Schließlich hat Haas die Schweinegrippe überwunden, Ansteckungsgefahr besteht nicht mehr. Gesundheitlich gehe es ihm „wieder richtig gut“, sagt Haas. Sportlich scheint der deutsche Tennisprofi allerdings nicht auf der Höhe.

          Federer scheitert an Benneteau

          Schon nach seinem Pariser Auftaktspiel am Dienstag musste er wieder die Koffer packen. Haas unterlag dem französischen Außenseiter Arnaud Clement, in der Weltrangliste auf Platz 93 notiert, nach 2:48 Stunden Spielzeit 7:5, 3:6 und 6:7 (8:10). In Paris ebenso ausgeschieden ist der Weltranglistenerste Roger Federer. Der favorisierte Schweizer unterlag dem Franzosen Julien Benneteau mit 6:3, 6:7 (4:7), 4:6 - es war Federers zweite Niederlage binnen vier Tagen.

          Federer verabschiedet sich aus der französischen Hauptstadt
          Federer verabschiedet sich aus der französischen Hauptstadt : Bild: picture-alliance/ dpa

          Vergessen sind die schlimmen Tage

          Der 31 Jahre alte Haas steht vorübergehend ohne Trainer da. Sein bisheriger Coach Thomas Hogstedt war nicht mit nach Paris gereist. „Es sind ein paar Dinge passiert, die uns beiden nicht gefallen haben“, erklärt Haas: „Ich muss jetzt entscheiden, ob wir im nächsten Jahr noch einen gemeinsamen Weg finden oder ob ich einen neuen Trainer suche.“

          Vergessen sind immerhin die schlimmen Tage, als Thomas Haas beim Tennisturnier in Stockholm plötzlich erkrankte und sich drei Tage lang alleine im Hotelzimmer mit hohem Fieber quälte. „Ich habe noch nie so geschwitzt. Es war schon ein Schock.“ Und als die Diagnose festgestanden habe, „hatte ich auch ein bisschen Angst“, sagt Haas, „aber ich habe mich dann im Internet über die Risiken informiert“. Sobald es ging, war der 31-Jährige ins Flugzeug Richtung München gestiegen, er wollte nur noch zu seiner Familie und dem vertrauten Hausarzt. Schnell fühlte sich Haas wieder fit für den Saisonabschluss in Paris. „Ich hätte mich geärgert, wenn ich hier nicht gespielt hätte“, sagt Haas; geärgert hat er sich dann aber trotzdem nach seiner Zweitrundenniederlage gegen Clement.

          „Wimbledon schuldet mir noch etwas“

          Im Großen und Ganzen wirkt Haas aber zufrieden mit seiner Leistung in dieser Saison. Im Januar auf Weltranglistenplatz 80 notiert, geht er nun als Siebzehnter und damit bester deutscher Profi ins nächste Jahr. Der Turniersieg auf dem Rasen in Halle/Westfalen bedeutete ihm viel und mehr noch, dass er anschließend die jahrelange Pechsträhne in Wimbledon durch den Halbfinaleinzug beenden konnte. „Ich hatte das Gefühl, Wimbledon schuldet mir noch etwas“, sagt Haas, „dass es wirklich passierte, zeigt mir, dass man nie aufhören darf, zu hoffen.“

          Große Hoffnungen hatte Haas auch stets auf den Davis-Cup-Sieg gesetzt, doch bisher blieb ihm der prestigeträchtigste Wettbewerb im Tennis noch etwas schuldig. Die bittere Halbfinalniederlage vor zwei Jahren in Moskau hing ihm lange nach, in dieser Saison spielte Haas weder zum Auftakt gegen Österreich noch im Viertelfinale in Spanien. Der Verzicht habe ihm vielleicht das „gewisse Extra“ für die erfolgreichen Turniere in dieser Saison beschert, vermutet Haas. Denn die Davis-Cup-Wochen hätten ihn stets mental wie körperlich sehr ausgelaugt.

          Kühnens Entscheidung erweist sich als Fehler

          Dennoch sagt Haas jetzt: „Ich bereue tief im Inneren schon, dass ich in Marbella nicht gespielt habe.“ Die Chance, die Spanier ohne deren verletzten Topstar Rafael Nadal zu schlagen und ins Halbfinale einzuziehen, war für die deutsche Mannschaft zum Greifen nahe. Doch dass Teamchef Patrik Kühnen auf die unerfahrenen Spieler Andreas Beck und Mischa Zverev setzte, erwies sich im Nachhinein als Fehler.

          „Ich wäre auch keine Garantie gewesen, aber vielleicht hätte ich das entscheidende Match gegen Juan Carlos Ferrero gewinnen können“, sagt Haas, der mit seiner Bilanz von 22:8 Siegen schon oft zum Erfolgsgaranten wurde: „Ich hätte gerne geholfen, aber mir fehlte da auch der Teamgeist der anderen Spieler. Wenn nur einer angerufen und gesagt hätte: Wir brauchen dich, oder wir hätten dich gerne dabei - dann wäre die Entscheidung einfach für mich gewesen.“

          Haas lässt Rückkehr ins Davis-Cup-Team offen

          Aber die Anrufe blieben aus, auch Kühnen habe nicht nachdrücklich versucht, ihn von einer Teilnahme zu überzeugen. „Patrik und ich hatten immer ein ganz gutes Verhältnis, und er weiß, wie ich ticke. Vielleicht hätte er da mehr machen müssen. Aber er hat ja keine Macht, mich heiß zu machen. Ihm sind da vielleicht auch die Hände gebunden.“

          Die kaltschnäuzigen Auftritte von Philipp Kohlschreiber hätten ihn in diesem Jahr jedoch begeistert: „Ich wünschte mir, ich hätte ihn vor sieben, acht Jahren schon gehabt. Ich bin mir sicher, dass wir den Titel dann längst geholt hätten.“ Ob Haas im März nächsten Jahres wieder ins Davis-Cup-Team zurückkehrt, lässt er noch offen. Eine Revanche gegen die Franzosen, gegen die sie vor drei Jahren eine bittere Niederlage kassierten und sich dabei zerstritten, würde ihn durchaus reizen.

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