https://www.faz.net/-gtl-a0f5b

Skiläuferin als Leichtathletin : Therese Johaug auch ohne Ski Spitze

Allein gegen die Uhr: Skilangläuferin Therese Johaug unterbietet auf der Bahn die WM-Norm. Bild: EPA

Normalerweise gewinnt sie auf Skiern. Diesmal schnürt Therese Johaug die Laufschuhe und unterbietet in einem Sololauf mal eben die WM-Norm. Ob sie nun die Sportart wechselt?

          3 Min.

          Dass Therese Johaug ihren Konkurrentinnen bei Skirennen keine Chance lässt, daran haben sich die Langläuferinnen im Weltcup bereits gewöhnt. Dass die zehnmalige Weltmeisterin und dreifache Gesamtweltcupsiegerin aber auch ohne Ski unter den Füßen eine Weltklasse-Läuferin ist, bewies die 31-Jährige nun bei den „Impossible Games“ in Oslo.

          In einem Solo über 10.000 Meter gewann das laufstarke Leichtgewicht bei der Ersatzveranstaltung für die „Bislett Games“ ein Rennen ganz alleine gegen die Uhr und knackte mal so eben die Norm für die Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Eugene 2022. 31:50 Minuten wären nötig gewesen, um die WM-Norm zu schaffen, Johaug lief nach 25 Runden in 31:40,69 Minuten ins Ziel. Dabei strahlte die erfolgsorientierte Norwegerin über das ganze Gesicht, denn sie hatte einmal mehr vor allem sich selbst besiegt. Ihre persönliche Bestzeit steigerte sie um stolze 50 Sekunden. Schon 2019 hatte sie sich einmal ohne Ski auf die 10.000-Meter-Distanz gewagt und war damals prompt norwegische Meisterin geworden.

          Auf Skiern gewinnt die „Schneekönigin„ zwischen fünf und 30 Kilometern so ziemlich alle Wettbewerbe, sie sie aufnimmt, klassisch oder im freien Stil. Wegen eines positiven Doping-Tests, den sie auf den Gebrauch einer Lippencreme zurückführte, hatte die in Norwegen sehr populäre Läuferin allerdings von 2016 an eine 18-monatige Doping-Sperre zu verbüßen und deshalb auch die Olympischen Spiele von Pyeongchang verpasst. Nach ihrer Rückkehr ist sie im Schnee allerdings eher noch dominanter als zuvor.

          Alleine und ohne Schnee: Johaug bei den „unmöglichen Spielen“

          Nun führt die 31-Jährige nebenbei sogar die Weltbestenliste der 10.000-Meter-Läuferinnen in der Leichtathletik an. Diese hat im Corona-Jahr natürlich nur bedingten Aussagewert, dennoch ist die Zeit beachtlich: Bei der EM 2018 in Berlin wäre Johaug mit ihrer Sololaufzeit Europameisterin geworden. Und ein Start bei der wegen der Corona-Krise um ein Jahr verschobenen Leichtathletik-WM wäre für sie 2022 definitiv möglich. Allerdings ist die Weltelite doch ein erhebliches Stückchen schneller unterwegs. Der Weltrekord der Äthiopierin Almaz Ayana vom Olympia-Finale 2016 liegt bei 29:17,45 Minuten. Bei der WM 2019 wäre Johaug mit ihrer Glanzzeit auf Rang 15 eingelaufen, als drittbeste Europäerin.

          In Oslo setzte die Regie vergangenen Donnerstag als kleine technische Hilfe für sie einen „Lichthasen“ ein. Das Tempo der von ihr zu laufenden Zeit wurde mit einem Laser am inneren Rand der Bahn angezeigt, so dass sich die Staffel-Olympiasiegerin daran orientieren konnte. Anfangs war sie sogar zu schnell angegangen und vermisste das Lichtsignal. Johaug, die wegen ihres Stakoto-Stils im Schnee „Duracell-Hase“ genannt wird, drehte sich suchend um und lachte, als sie den Laser hinter sich sah. Auf den anschließenden neun Kilometer lief sie im Takt der Markierung, ehe sie zwei Runden vor Schluss das Tempo erhöhte.

          Mit dieser Glanzzeit bei dem Showrennen wäre sie 2018 sogar Europameisterin geworden.

          Die „Impossible Games“ waren eine Ersatzveranstaltung für die Bislett-Games, die normalerweise im Rahmen der Diamond League als Einladungsveranstaltung durchgeführt werden. Wegen der Pandemie ist die Premiumserie der Leichtathleten bislang allerdings komplett ausgefallen.

          Oslo suchte als Ersatz einen eigenen Weg und fand ihn: zwar nahmen diesmal nur 20 Sportler in neun Disziplinen teil, doch diese glänzten mit einigen spektakulären Resultaten in ungewöhnlichen Showwettbewerben. „Du hast zwei Möglichkeiten – aufgeben oder nach Möglichkeiten suchen“, hatte Meeting-Direktor Steinar Hoen gesagt. Der Hochsprung-Europameister von 1994 entschied sich für die zweite Variante und hatte damit die Begeisterung und den Erfolg der Sportler auf seiner Seite.

          Hürdenlauf-Weltmeister Karsten Warholm stellte dabei sogar einen Weltrekord auf – wenn auch nur über die selten gelaufenen 300-Meter-Hürden-Distanz. Seine 33,78 Sekunden unterboten die Bestzeit des Briten Chris Rawlinson aus dem Jahr 2002 (34,48) Über die ebenfalls selten absolvierte 2000-Meter-Strecke lief Jakob Ingebrigtsen in 4:50,01 Minuten Europarekord. Der 1500-Meter-Europameister wurde in dem Mannschaftsrennen von seinen Brüdern Filip und Henrik begleitet, mit denen er auch sonst immer trainiert und deshalb keinen Abstand halten musste. Die Norweger gewannen dabei auch das Fernduell mit einem kenianischen Team um Weltmeister Elijah Manangoi, das zeitgleich in Nairobi antrat. Dort kam Timothy Cheruiyot als Schnellster in 5:03,05 Minuten ins Ziel.

          Star des Abends in Oslo war aber die Langstreckenläuferin Therese Johaug. „Ich werde alt und brauche neue Herausforderungen“, kokettierte die 31-Jährige im norwegischen Sender NRK, der die „Impossible Games“ live übertrug, und bekannte, es mache ihr schon Spaß, Wettkämpfe auch ohne Schnee zu laufen.

          Bei Instagram kommentierte sie ein Foto ihres Zieleinlaufs mit den Worten: „Ekte idrettsglede“ – echtes Sportvergnügen. Und ihren Sieger-Blumenstrauß präsentierte sie im gänzlich leeren Stadion mit einem strahlenden Lächeln und dem Satz: „Vielen Dank für eine phantastische Erfahrung, Bislett.“ Die Sportart wechseln wird sie aber dennoch nicht. „Mein Herz hängt am Langlauf“, sagte sie nach der Laufshow.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der türkische Präsident mit seiner Ehefrau Emine in der Hagia Sophia

          Zukunft der Türkei : Kommt jetzt das Kalifat?

          Versperrte Wege: Wofür die Türkei dem Westen nicht mehr zur Verfügung steht und wohin sie unter dem „neuen Sultan“ treibt. Ein Gastbeitrag.
          Der Hauptangeklagte Stephan E. mit seinem Verteidiger.

          Geständnis von Stephan E. : „Es war falsch, feige und grausam“

          Eine schwere Kindheit, Jähzorn und Ausländerhass, der vom Vater übernommen sein soll. Nach dem Geständnis von Stephan E., Walter Lübcke erschossen zu haben, ist dessen Familie empört.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.