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Theologe Hans Küng : „Fußball macht der Religion Konkurrenz“

„Es gibt keine eigene Sportsmoral”: Hans Küng Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Sport und Moral, Fußball und Religion: Welche Verbindungen lassen sich in Zeiten von Kommerzialisierung und Doping finden? Mit der F.A.Z. sprach der Theologe Hans Küng auch über Pokale als Monstranz und die Befreiung durch Regeln.

          7 Min.

          Ein früher Winternachmittag. Professor Hans Küng steht von seinem Schreibtisch in einer Tübinger Villa auf und geht drahtig Richtung Tür, um seinen Besuch zu begrüßen. Er trägt einen Trainingsanzug. Heute morgen hat er wie jeden Tag Freiübungen gemacht und ist geschwommen, wie man das schon von so manchem Kleriker gehört hat.

          Evi Simeoni
          Sportredakteurin.

          „Ich bin Schwerarbeiter und deswegen leicht angezogen“, erklärt der katholische Theologe, langjährige Weggefährte und Gegenspieler des heutigen Papstes Benedikt XVI. und leidenschaftliche Kritiker seiner Kirche und deutet auf seinen blaugrauen Zweiteiler. Ski fährt der 77 Jahre alte Schweizer auch noch, einmal im Jahr mit einem Skilehrer. „Gerade dieser Sport hat etwas Herausforderndes“, sagt er, „aber ich muß mir überlegen, wieviel ich mir davon erlauben kann.“

          Musterbeispiel für System mit sinnvollen Regeln

          In letzter Zeit hat Küng aber auch zum Hochleistungssport erstaunlich viel Kontakt. Er ist in der Welt der Funktionäre ein gefragter Mann geworden: Während des Evangelischen Kirchentages im Mai in Hannover hielt er für den Deutschen Fußball-Bund (DFB) einen Vortrag. Die deutschen Olympier luden Küng Ende September zu einer Diskussion in die Frankfurter Paulskirche. Eigentlich, findet Küng, sei der Sport ein Musterbeispiel für ein System, das sich feste, sinnvolle Regeln gegeben habe.

          Nach seiner Erfahrung mit dem DFB habe er sogar begonnen, seine Vorträge vor Leuten aus Wirtschaft und Politik mit Beispielen aus dem Fußball einzuleiten. Im Mai 2006 wird im übrigen Jacques Rogge, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), an der Universität Tübingen gewissermaßen im Gegenzug die „Sechste Weltethos-Rede“ halten.

          „Es gibt keine eigene Sportsmoral“

          Küng und die von ihm gegründete Stiftung Weltethos vertreten die Auffassung, daß bestimmte Grundregeln, die in allen großen Religionen und Philosophien vorkommen, jedem zivilisierten Menschen als „innere Verpflichtung“ zu eigen sind. Deren Einhaltung befreit seiner Ansicht nach jede Gemeinschaft, läßt sie gedeihen und sichert den Weg zum Weltfrieden. Die „Goldene Regel“ besagt, den anderen nicht anzutun, was man sich selbst nicht antun lassen will.

          „Hab' Ehrfurcht vor dem Leben“ wendet sich gegen jede Art der Gewalt. „Handle gerecht und fair“ ist ebenso ein Imperativ wie „Rede und handle wahrhaftig“. „Achtet und liebet einander“ fordert den Respekt vor dem anderen Geschlecht. Diese Regeln gelten nach Küngs Ansicht für alle. Er hat sie auch in der Olympischen Charta und dem „Ethic Code“ des IOC wiedergefunden. Das Problem mit der Einhaltung sieht er überall: „Das kennt man schon seit den Zehn Geboten der Bibel.“ Auch das zeigt: „Es gibt keine eigene Sportsmoral.“

          Sport macht Kirche Konkurrenz

          Einerseits wird der katholische Theologe Küng gebeten, den Sport moralisch aufzubügeln. Andererseits macht gerade der Sport, besonders der Fußball, der Kirche erfolgreich Konkurrenz. Woche für Woche werden in den Stadien messeähnliche Rituale praktiziert, Soziologen sprechen vom „Stadion als Kathedrale“.

          „Der Fußball kann eine ernsthafte Konkurrenz sein zur Religion“, sagt der Theologe, „er kann Ersatzreligion werden. Man spricht ja sogar vom Gott Fußball. Und das Ritual im Stadion zeigt deutliche Parallelen zur Liturgie. Wenn Leute einen Pokal küssen, erinnert das an das Küssen von Ikonen. Wenn der Pokal hochgehoben wird, erinnert das an das Zeigen der Monstranz. Aber nicht das einzelne Phänomen als solches ist entscheidend, sondern die gesamte Stimmung, die dem einzelnen suggeriert, das, was er gerade erlebt, sei das Größte. Wenn der Fußball nur die Leere des Kopfs und des Herzens füllt und sonst nichts drin ist, wird's gefährlich.“

          Kommerzialisierung, Doping, Gewalt und Korruption

          Der Fußball als Ersatzgott - an dieser Stelle wird Küng grundsätzlich: „Man soll nicht anbeten. Die Vergötzung ist das Problem. Und das ist nicht nur im Sport so. Genauso gibt es die Vergötzung des Geldes.“ Küngs Einwechslung auf ihm bisher ungewohnte Spielfelder dürfte zeigen, daß der Sport mehr denn je nach moralischer Unterstützung verlangt, so, als suchte er vor dem Hintergrund von Kommerzialisierung, Doping, Auswüchsen von Gewalt und Korruption nach einer Leitlinie.

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