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Laura Siegemund im Gespräch : „Ein permanenter Vergleich mit sich selbst“

„Rückschläge machen einen stärker – wenn man es richtig anstellt“: Laura Siegemund. Bild: dpa

Tennisprofi Laura Siegemund schien auf dem Weg nach oben. Dann verletzte sie sich schwer. Nun spricht sie über Dankbarkeit und Druck, Egoismus und Respekt, ihr Psychologiestudium und mentale Stärke.

          Frau Siegemund, wie ist das, wenn man das bedeutende Stuttgarter Turnier gewinnt und kurz darauf einen Tiefschlag einstecken muss, einen Kreuzbandriss? Wie lange braucht man, um das zu akzeptieren?

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Es ging sehr schnell, das hat mich selbst überrascht. Es war nicht so, dass mich die Verletzung länger runtergezogen hätte. Klar, im ersten Moment ist man total perplex, weil man sofort spürt, das ist was Größeres, man ist enttäuscht, und vieles prasselt auf einen ein. Aber nachdem ich im Krankenhaus die Diagnose hatte, habe ich recht schnell für mich eine Akzeptanz gefunden. Ich hatte schon genug Verletzungen zuvor, nicht in dem Ausmaß, aber doch so, dass ich wusste, sie gehören dazu.

          Es hat Sie ausgerechnet in der bis dahin besten Phase Ihrer Tenniskarriere erwischt.

          Ja, aber das spielte gar nicht so eine große Rolle. Man wird durch eine Verletzung ja immer aus irgendeinem Prozess herausgerissen, in dem man versucht, etwas Bestimmtes umzusetzen. Ich habe mich mit meinem Team beraten und war dann schnell analytisch und realistisch. Wie geht es jetzt weiter? Um diese Frage hat sich alles gedreht. Es war eine neue Situation, und daraus ist eine neue Aufgabe entstanden.

          Rückschläge machen stärker – ist was dran an der Platitude?

          Natürlich. Sie machen einen stärker – wenn man es richtig anstellt und diese Phasen nutzt, um etwas über sich selbst zu lernen. Tennis spielen können die Mädels in der Spitze alle. Aber auf dem Platz geht es ja auch immer wieder darum, Rückschläge einzustecken. Damit muss man umgehen können. Wenn der Aufschlag gerade nicht funktioniert, dann wird Jammern nicht viel helfen. Es ist im Tennis sehr wichtig, nicht nur physisch, sondern auch psychisch fit zu sein. Auf dem Platz hat vieles mit Vertrauen in sich selbst zu tun, mit psychischer Stärke und Hartnäckigkeit. Und dabei ist es auch sehr wichtig, sich in seiner ganzen Professionalität, mit alldem Aufwand, den man betreibt, und den Opfern, die man bringt, trotzdem eine gewisse Gelassenheit zu bewahren.

          Wo findet man Gelassenheit?

          Man braucht etwas, das einem eine Balance gibt, das dafür sorgt, dass der Sport nicht das ganze Denken und Wollen dominiert. Bei mir ist das meist etwas Geistiges, eine zusätzliche Aufgabe. Während meiner Pause vom Tennis war das vor allem das Psychologiestudium. Ich hatte mich dafür schon eingeschrieben und eine erste Prüfung gemacht, ehe ich mich Ende 2012 entschied, mit dem Profitennis aufzuhören. Beides – Tennis und Fernstudium – gleichzeitig wirklich gut zu machen, ist sehr schwierig. Ich konnte das Studium forcieren, als ich das Tennis zurückgesteckt habe.

          Sie hatten 2012, mit 24 Jahren, wirklich komplett mit dem Tennis aufgehört, weil die erhofften Ergebnisse ausblieben?

          Ich habe schon noch gespielt, aber nicht auf der Tour, nicht auf diesem Niveau. 2015 ging es wieder los, da habe ich wieder vermehrt gespielt und es in Phasen eingeteilt: mal mehr Zeit fürs Tennis, mal mehr Zeit für die Uni.

          Hat das Studium und dieser zeitweise Abschied vom Hochleistungstennis etwas gebracht für den bemerkenswerten sportlichen Aufschwung nach 2015, der Sie in die Top 30 der Weltrangliste führte?

          Die Auszeit, die ich mir genommen hatte, habe ich nicht nur mit dem Studium gefüllt. Ich habe viele andere Sachen gemacht, den A-Trainerschein zum Beispiel. Ich habe als Trainerin gearbeitet und mich gezielt anderen Interessen gewidmet. Mein eigenes Tennis trat vom Stellenwert her völlig in den Hintergrund. Ich habe mich ganz aus dieser doch sehr speziellen Tennis-Welt zurückgezogen und sie dabei aus einer ganz anderen Perspektive kennengelernt als der einer aktiven Profispielerin. Ich habe gesehen, mit welcher Begeisterung die Menschen in ihrer Freizeit Tennis spielen! Da geht es nicht um Geld, da geht es einfach um Begeisterung und die Freude an diesem schönen Sport. Als ich 2015 mehr oder weniger wieder reingestolpert bin ins Profitennis, hatte ich eine Balance gefunden zwischen Tennis und anderen Dingen, die mich ausmachen, weil sie mich interessieren. Ich habe gelernt: Wenn ich mir mehr Zeit für sie nehme, bin ich ausgeglichener und spiele dadurch auch besser. Ich habe in mich reingehört und etwas mitgenommen für die Zukunft. Eine Erfahrung, die sich im Sport positiv ummünzen lässt.

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