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Tennisprofi Waske im Gespräch : „Mein Arm bleibt eine Wundertüte“

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Alexander Waske: Tennisprofi mit Akademie oder Tennistrainer auf Profitour? Bild: Foto Rainer Wohlfahrt

Alexander Waske feiert sein Comeback. Bei den French Open gewann er sein Auftaktmatch im Doppel. Im Interview spricht der Tennisprofi über Erwartungen an sich selbst und die Weisheit, zu erkennen, wann es genug ist.

          3 Min.

          Alexander Waske wurde 2007 zu einem tragischen Helden. Im Davis-Cup-Halbfinale von Moskau trat der Frankfurter trotz einer Ellbogenentzündung mit Philipp Petzschner an, beendete das Doppel siegreich, aber unter Schmerzen: Er hatte während des Matches am vorgeschädigten Ellbogen einen Muskelbündelriss und einen Innenbandabriss erlitten. Nach drei Operationen und mehreren gescheiterten Comeback-Versuchen spielt der Sechsunddreißigjährige nun im Doppel mit Rainer Schüttler. Die beiden Hessen gewannen ihr Auftaktmatch 4:6, 6:1 und 7:6 (7:4) gegen Gonzalez/Rettenmaier (Mexiko/Vereinigte Staaten). Zum Gespräch erscheint Waske, zudem Trainer des Stuttgarters Michael Berrer, mit einem dicken Kühlverband am Ellbogen.

          Die French Open sind ein Turnier der deutschen Rückkehrer: Erst verlor Tommy Haas bei seinem Einzel-Comeback, dann gewannen Sie mit Schüttler im Doppel. Wie hat es sich angefühlt?

          Ich war unglaublich angespannt und nervös. Ich wusste überhaupt nicht, was ich erwarten konnte. Meinem Arm geht’s im Moment besser, er bleibt aber eine Wundertüte. Es ist schwer vorauszusagen, wie er morgen und übermorgen reagieren wird. Mein Aufschlag ist nicht mehr derselbe wie früher, ich muss meine Kraft einteilen und so wenig aufschlagen wie möglich. Zwei Tage nach dem vorletzten Match hatte ich 15 Prozent weniger Power im Arm. Das ist wie bei einem Formel-1-Wagen, der im Qualifying Vollgas fährt, im Hauptrennen aber fünfzehn Kilometer pro Stunde langsamer – und deshalb keine Chance mehr hat.

          Sie traten in der vorigen Woche schon beim Challenger im italienischen Cremona an. War das Comeback nicht gewagt?

          Ich war bei vielen Topärzten, und alle Spezialisten haben mir gesagt: Es ist vorbei, du kannst froh sein, dass du als Trainer weitermachen kannst. Darum hatte ich im März mit dem Profitennis abgeschlossen und mir gedacht, wenn ich in der Oberliga oder Regionalliga meine Leidenschaft ausleben kann, wäre es auch okay. Zwei, drei Wochen später hat der Arm wieder positiv reagiert. Als ich mit Michael Berrer in Casablanca und Belgrad unterwegs war, sprang ich übungshalber bei dem einen oder anderen Doppel ein, und es lief gar nicht so schlecht. Nachdem sich der Ellbogen einigermaßen beruhigt hatte, dachte ich: Jünger werde ich nicht mehr, also nehme ich die Turniere noch mal mit.

          In Cremona haben Sie mit Ihrem langjährigen Doppel-Partner Michael Kohlmann gespielt. Warum treten Sie in Paris mit Schüttler an?

          Kohlmann hatte sich schon langfristig mit Dustin Brown verabredet. Auf mich kann man sich ja nicht richtig verlassen. Aber Rainer steht auf Weltranglistenplatz 100, und um im Doppel ins Hauptfeld zu kommen, braucht er einen wie mich. Weil mein Ranglistenplatz seit der Verletzung eingefroren wurde, stehe ich ja noch auf Platz dreißig. In Paris wollte ich an jenen Punkt kommen, dass ich nicht der Schlechteste auf dem Platz bin und dass ich Rainer die Möglichkeit geben kann, zu gewinnen.

          Und wenn die Schmerzen im Arm wieder stärker werden: Spielen Sie Schüttler zuliebe weiter, oder legen Sie den Schläger beiseite?

          Einer meiner Ärzte hat gesagt, eine meiner größten Stärken sei gleichzeitig meine größte Schwäche: Mit der Birne die unglaublichen Schmerzen auszuschalten und immer weiterzumachen. Aber ich hoffe, dass ich in meinem hohen Tennisalter die Weisheit besitze, dass ich sage: Rainer, es geht nicht mehr.

          Wenn Sie mit Berrer unterwegs sind und mit Schüttler spielen, wer leitet dann eigentlich Ihre Akademie in Offenbach?

          Wir haben jetzt drei Festangestellte, die halten den Laden am Laufen. Wenn ich dort bin, kann ich ja auch nur maximal sechs Spieler betreuen. Und Rainer ist in erster Linie Tennisprofi.

          Und was sind Sie: ein Tennisprofi mit Akademie oder als Tennistrainer auf Profitour?

          Darauf weiß ich keine Antwort. Ich habe keine Ahnung, was mit meinem Arm weiter passiert, wie er sich morgen anfühlt. An dem einen Tag spiele ich, am anderen arbeite ich als Trainer. Aber in mir schlägt das Herz eines Spielers.

          Hätten Sie in Ihrer Karriere etwas besser machen müssen?

          Ich hätte niemals spielen dürfen in Moskau. Ich hatte nicht verstanden, dass die Entzündung ein Alarmzeichen war, und immer mehr Schmerztabletten genommen. Es war mein Kopf, der gesagt hat, weiter, immer weiter! Jeder Trainer fände es toll, dass ich kein Weichei bin. Aber wenn ich mich früher anders verhalten hätte, wäre ich heute gesünder. Wenn heute ein junger Spieler zu mir als Trainer kommt und sagt, er müsse trotz Verletzung bei einem kleinen Turnier antreten, dann zeige ich ihm meine Narben und antworte ihm: Wer erinnert sich noch an das Davis-Cup-Halbfinale? Dafür interessiert sich doch keiner mehr, das ist nur für mich noch wichtig.

          Die Fragen stellte Thomas Klemm.

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