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Tennisprofi Kei Nishikori : Der kommende Champion

Top Ten erreicht, Top Five im Visier: Japans bester Tennisprofi aller Zeiten Bild: AP

Kei Nishikori ist der Aufsteiger dieser Saison. Bei den French Open in Paris soll Japans erster Top-10-Spieler helfen, die Asiaten noch mehr für Tennis zu begeistern.

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          Vor ein paar Jahren lief Tommy Haas in Florida ein junger Japaner über den Weg. Ein nettes, aber schüchternes Kerlchen, so erinnert sich der gebürtige Hamburger. Die beiden trainierten von Zeit zu Zeit miteinander im Tenniscamp des Trainergurus Nick Bollettieri, tauschten sich über ihr Spiel und über ihre Anfälligkeit für Verletzungen aus, schließlich freundeten sie sich an. Schon damals zeigte sich der deutsche Routinier am meisten beeindruckt, wenn der asiatische Teenager seine natürliche Zurückhaltung auf dem Tennisplatz ablegte. Kei Nishikori, so heißt der Bursche, spiele den typischen „Bollettieri-Stil“, habe „eine starke Vorhand“ und sei „schnell auf den Beinen“, lobte Haas: „Es ist toll, seinen Erfolg zu sehen.“

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Tommy Haas war damals nicht der Erste, der ahnte, dass aus dem eher kleinen Tennisprofi (1,78 Meter) mal ein ganz Großer werden könnte. Spätestens seit 2008, als Nishikori als 18 Jahre alter Qualifikant in Delray Beach sein erstes ATP-Turnier gewann, wurde in der Szene über seine Starqualitäten getuschelt. Sechs Jahre später hat der Japaner bei den French Open den Status des heimlichen Aufstiegskandidaten längst hinter sich gelassen - nun gilt er als ein heißer Anwärter auf Turniersiege. „Wenn ich sehe, wie gut ich in letzter Zeit auf Sandplätzen gespielt habe, dann erwarte ich von mir, dass es so weiter geht“, sagte Nishikori wenige Tage vor seinem Pariser Auftaktmatch gegen den Slowaken Martin Klizan: „Welchen Schlag ich auch immer ausführe - ich bin derzeit sehr selbstsicher.“

          Ein Platz in den Top Five als Ziel

          Zwei seiner bisher fünf ATP-Titel hat der Japaner in diesem Jahr gewonnen, Top-5-Spieler wie Roger Federer und David Ferrer nacheinander geschlagen, und neulich beim Masters in Madrid war er sogar kurz davor, den Sandplatzkönig Rafael Nadal auf dessen geliebten Untergrund zu bezwingen. 6:3, 4:2 lag Nishikori im Endspiel vorne, als ihm Rückenbeschwerden einen Strich durch die Rechnung machten. Zwar bekam der 24-Jährige nach seiner verletzungsbedingten Aufgabe nur den Trostpreis überreicht, durfte sich aber dennoch über ein historisches Ergebnis freuen: Als erster Japaner und zweiter Asiate nach dem Thailänder Paradorn Srichaphan 2004 ist er unter die Top Ten der Weltrangliste vorgestoßen. Schön und gut, findet Nishikori, aber sobald er sich dort oben ein wenig eingerichtet habe, wolle er höher hinaus: „Dann wird ein Platz unter den besten fünf mein Ziel sein.“

          Sollte ihm dieser Schritt gelingen, wäre er dort angekommen, wo sein neuer Trainer einst war. Dass Nishikori seit Jahresbeginn erfolgreich mit Michael Chang zusammenarbeitet, ist ein wenig untergegangen in dem Riesenrummel um die ungleich prominenteren Neu-Kooperationen von Novak Djokovic und Boris Becker sowie Roger Federer und Stefan Edberg. „Er hat mich dazu gebracht, an der Grundlinie öfter ein Stück nach vorne zu rücken und aggressiver zu spielen“, sagt der Japaner über die Verdienste Changs, der sich vor 25 Jahren in Paris ein legendäres Match mit Ivan Lendl lieferte und danach sensationell als 17-Jähriger die French Open gewann.

          Klein, wendig, aufstrebend: Kei Nishikori

          In den vergangenen Wochen hat Nishikori angedeutet, Changs Spuren im Sand folgen zu können. Auf seinem Lieblingsbelag ist dem Japaner etwas gelungen, was in dieser Saison nicht einmal Nadal auf dem roten Untergrund geschafft hat: Nishikori gewann zehn Matches nacheinander, enttrohnte dabei den Seriensieger Nadal in Barcelona und traf den Spanier dann im Madrider Finale wieder. Er halte Nishikori für einen der „bestimmenden Spieler für die Zukunft“, sagte der Weltranglistenerste Nadal: „Ihm traue ich schon diese Saison einen Abschluss in den Top acht der Rangliste zu. Er könnte es zum Tour-Finale nach London schaffen.“

          Der ferne Star soll den weißen Sport in Japan voranbringen

          Über Nishikoris Vormarsch freut sich nicht nur sein Kumpel Haas, sondern vor allem die ATP. Bei ihrem Ansinnen, aus dem asiatischen Tennismarkt noch einiges herauszuholen, kommt der Spielerorganisation ein japanisches Gesicht gerade recht. Umso mehr, weil Nishikori als Anführer einer neuen japanischen Tennisbewegung wahrgenommen wird. Seinen letzten Boom hatte das Tennisland der aufgehenden Sonne Mitte der neunziger Jahre erlebt, als Shuzo Matsuoka bei den Herren bis auf Weltranglistenplatz 46 vordrang und die heute noch aktive 43-jährige Kimiko Date-Krumm unter anderem durch einen Sieg gegen Steffi Graf für Furore sorgte. Seit einigen Jahren nun gehört eine Handvoll japanischer Profis zum Teilnehmerstamm bei Grand-Slam-Turnieren, zudem hält sich das Davis-Cup-Team wacker in der Weltgruppe. „Wir sind jetzt in der Lage, uns gegenseitig anzuspornen“, sagte Go Soeda, der zweitbeste Tennisprofi des Landes: „Und wir haben Nishikori, der uns mitzieht.“

          Davon profitiert auch die aktuelle Generation, die bessere Rahmenbedingungen vorfindet als ihre Väter. Der Verband hat 2007 ein nationales Leistungszentrum in Tokio eröffnet, das einstige Idol Matsouka, heute ein Fernsehstar, sichtet und fördert nebenbei Talente, und viele Sponsoren engagieren sich. Noch seien zwar Fußball und Baseball die wichtigsten Sportarten in Japan, sagt Kei Nishikori: „Aber hoffentlich kann auch Tennis eines Tages groß werden.“

          Die Begeisterung in seiner Heimat bekommt der Sohn eines Ingenieurs und einer Klavierlehrerin meistens nur am Rande mit. Seit zehn Jahren lebt und trainiert er in den Vereinigten Staaten, die restliche Zeit tingelt er durch die Tenniswelt. Wenn er nach der Beliebtheit seines Sports in Japan gefragt wird, klingen seine Sätze vorsichtig: „Ich habe gehört, dass viele Kinder angefangen haben, Tennis zu spielen. Das ist gut zu hören.“ In Fernost ist Kei Nishikori ein ferner Star. Im inneren Profizirkel gilt er als kommender Champion.

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