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Tennisturnier in Berlin : Erwacht aus dem Dornröschenschlaf

Attraktion in Corona-Zeiten: Tommy Haas (fast) allein in Berlin Bild: WITTERS

In Berlin gibt es trotz der Corona-Krise wieder Spitzentennis. Bei einem Einladungsturnier schlagen prominente Namen auf. Allerdings kommen deutlich weniger Zuschauer, als möglich wären.

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          Steffi Graf hat ihr Denkmal in Berlin: ein Stadion aus den neunziger Jahren mit, je nachdem wie bestückt, vier- bis siebentausend Plätzen. Hoch ragen die Betontribünen in den strahlend blauen Himmel, zeigen Avus und Bahndamm die kalte Schulter. Von mit rotem Stoff überspannten Sitzen geht der Blick auf das satte Grün des Tennisrasens oder, über die Grundlinie des Centre Courts hinaus, auf den idyllischen Hundekehlesee. Auf der Terrasse des Vereinsheims des LTTC Rot-Weiß herrscht Hochbetrieb; auf den Plätzen bringen Tennislehrer Schulkindern das kleine Einmaleins ihres Sports bei. Beim Weltklasse-Tennis in der riesigen Arena dagegen herrscht überwiegend Leere.

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          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Für den Blick nach draußen ist die Stirnseite des mächtigen Gebäudes offen geblieben. Ebenso wie die ausfahrbare Erweiterung der Tribünen war dies ein Zugeständnis des Architekten an die Lage im Grunewald, als er das Stadion 1996 für zwanzig Millionen Mark Lottogeld baute. Zwölf Jahre lang diente es der Ausrichtung der German Open; hätte Berlin seine Kapazität damals nicht vergrößert, wäre das WTA-Turnier, das Steffi Graf neunmal gewann, woanders hingezogen. So war erst 2008 Schluss. Seitdem war das Steffi-Graf-Stadion zwölf Jahre lang Monument der Großmannssucht und flüchtiger Träume. Wer es vor sich hin rotten sah, musste sich fragen, warum die Mitglieder dieses exklusiven, mehr als 120 Jahre alten Tennisklubs ihre prächtige Anlage am Gottfried-von-Cramm-Weg mit einem solchen Trumm ruiniert hatten. Nichts rechtfertigte die Existenz der Arena, außer die Vergangenheit.

          Dass dort nun, dank des Einladungsturniers „Bett1Aces“, unter anderem in Person von Wimbledon-Siegerin Petra Kvitova aus Tschechien und Dominic Thiem aus Österreich, wieder Tennisprofis von Weltklasse ihrem Sport nachgehen, ist den Hunden von Adam Szpyt zu verdanken. Immer wenn der Unternehmer, der sich als Matratzen-Rebell einen Namen gemacht hat, mit den Tieren Gassi ging, stieß er auf das leere Stadion. „Das tat mir in der Seele weh“, erzählte er, als er sich als Hauptsponsor eines neuen Berliner WTA-Turniers an die Erweckung des Stadions aus dem Dornröschenschlaf machte.

          Die Covid-19-Pandemie allerdings stoppte die Austragung des Turniers; doch da war Szpyt schon nicht mehr zu stoppen. Durch die Distanz der Spieler sei Tennis per se Corona-konform, fand er. Und da der Rasen ohnehin schon verlegt war sowie Rost und Moos leicht zu kaschieren waren, erklärte er sich dazu bereit, fehlende Zuschauereinnahmen auszugleichen. Und schon stellte der österreichische Veranstalter Edwin Weindorfer ein zweigeteiltes Einladungsturnier mit 200.000 Euro Preisgeld auf die Beine: noch bis diesen Mittwoch in Grunewald, von Freitag bis Sonntag in einem Hangar des stillgelegten Flughafens Tempelhof. Maximal achthundert Besucher dürfen 120 bis 150 Euro für den Eintritt auf die Anlage ausgeben, im Hangar wird es noch exklusiver. Dort dürfen nicht mehr als dreihundert Gäste rein.

          Am ersten Tag zeigten sich allerdings höchsten deren zweihundert auf den Tribünen. „Ich bin nicht enttäuscht. Für mich ist dies das Leben in der neuen Realität“, sagt Weindorfer. „Ich glaube, dass die Menschen Angst haben, zu Sportveranstaltungen zu gehen.“ In normalen Zeiten trage Eintrittsgeld bis zu ein Viertel zum Budget bei. Vor fünf Wochen, bevor der Senat von Berlin signalisierte, dass mit einem ordentlichen Hygienekonzept doch etwas möglich sei, habe er mit null Ticketing und null Gastronomie kalkuliert. Nun ruft er Eintrittspreise auf, die von dem bösen Wort des Schriftstellers Christopher Isherwood inspiriert scheinen, Grunewald sei ein Slum von Millionären.

          Ob hohe Eintrittspreise oder niedrige: In der neuen Realität geht die Rechnung nicht auf. „Ich möchte Flagge zeigen“, sagt Weindorfer. „Nach dem Desaster der Adria-Tour wollen wir beweisen, dass es möglich ist, ein Event mit Zusehern zu veranstalten, das sicher ist.“ Deshalb gibt es Sicherheitsmaßnahmen und -personal wie noch nie am Hundekehlesee. Distanz, Desinfektion und Demut prägen die neue Zeitrechnung. Solch ein Aufwand sei nicht refinanzierbar, sagt der Veranstalter von Stuttgart, Wien und Palma de Mallorca, aber: „Man kann jetzt nicht den Kopf in den Sand stecken.“

          Im Gegenteil. Das Notturnier soll sich, sobald wieder normale Zeiten herrschen, in ein urbanes Tennis-Event an wechselnden Orten verwandeln. Und das Steffi-Graf-Stadion soll, selbstverständlich, standesgemäß bespielt werden.

          Thiem und Kvitova ziehen ins Finale ein

          Favorit Dominic Thiem ist in das Endspiel beim Einladungsturnier im Berliner Steffi-Graf-Stadion eingezogen und trifft dort an diesem Mittwoch auf den italienischen Tennisprofi Matteo Berrettini. Der Weltranglisten-Dritte aus Österreich besiegte Talent Jannik Sinner aus Italien am Dienstag 6:3, 7:6 (7:5). Der Weltranglisten-Achte Berrettini hatte sich bei der Rasen-Veranstaltung zuvor mit 4:6, 6:3, 10:6 gegen Roberto Bautista Agut aus Spanien durchgesetzt.

          Bei den Damen steht die Weltranglisten-Fünfte Jelina Switolina aus der Ukraine nach ihrem 7:6 (7:2), 6:3-Erfolg über Anastasija Sevastova aus Lettland im Endspiel gegen die Tschechin Petra Kvitova. Die zweimalige Wimbledonsiegerin ließ Kiki Bertens aus den Niederlanden beim 6:3, 6:2 keine Chance. Die Verlierer bestreiten am Mittwoch jeweils das Spiel um Platz drei. (dpa)

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