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Tennis-Ikone sorgt für Aufsehen : Das eindrucksvolle Comeback des Tommy Haas

Wie der junge Tommy Haas: umgedrehte Mütze, drahtiger Körper, Schimpftiraden. Bild: dpa

Zurück in die Vergangenheit: In Berlin steht der 42-Jährige Tommy Haas wieder auf dem Tennisplatz – und lernt für sein Leben in den Vereinigten Staaten. Doch die Rückkehr hat auch Schattenseiten.

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          „Ich fühle mich, als hätte mich ein Bus gestreift“, klagte Tommy Haas noch Anfang der Woche, nachdem er sich beim Einladungsturnier von Berlin drei Sätze lang mit dem 18 Jahre alten Jannik Sinner herumgeschlagen hatte. Er werde bestimmt ein paar Tage brauchen, um sich von der knappen Niederlage gegen den 24 Jahre jüngeren Profi zu erholen. Schließlich ist Haas seit drei Jahren nicht mehr hauptberuflich Tennisprofi mit dem Ruhm, zwischenzeitlich bis auf Platz zwei der Weltrangliste aufgestiegen zu sein, sondern Familienvater.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Doch am Freitag fegte der 42-Jährige in einem Hangar des Flughafens Tempelhof Jan-Lennard Struff in zwei Sätzen vom Hartplatz. Berlin hat sich als Jungbrunnen erwiesen für den ehrgeizigen, häufig von Verletzungen gebremsten Haas. Nicht nur wirkt er, mit der umgedrehten Mütze auf dem schwarzen Haar und der Athletik seines 1,88 Meter langen Körpers, mit seinen amerikanischen Schimpftiraden, wenn’s nicht läuft, ganz wie der Alte, der junge Tommy Haas. Unwidersprochen kann er nach dem Sieg über Struff seinem Gegner und sich selbst mit leuchtenden Augen attestieren, dass sie Weltklasse-Tennis gespielt hätten. Ihm sei das – in seinem Alter – leider, leider nur noch ausnahmsweise möglich. Hätte ihn nicht sein einstiger Physiotherapeut wieder fit gemacht, behauptet er, hätte er nach dem ersten Satz abbrechen müssen.

          „Der beste Sport, den es gibt“

          Der Lohn des Erfolgs: Am Samstag durfte Haas im Halbfinale gegen Dominic Thiem ran, den Dritten der Weltrangliste, der schon die drei Tage im Steffi-Graf-Stadion im Grunewald gewonnen hat. Dass Haas 6:7, 3:6 verlor, grämte ihn nicht. „Ich liebe Tennis“, schwärmte Haas von seinem kleinen Comeback: „Dies ist der beste Sport, den es gibt.“

          Sichtlich genoss Haas die Rückkehr in den Kreis der Profis, wo er Respekt erfährt für seine Kämpfernatur und Bewunderung für seine Eleganz, die sich etwa in der einhändigen Rückhand ausdrückt. Das strenge Hygienekonzept der Veranstaltung hatte ihm nicht erlaubt, Frau und Töchter aus Los Angeles zum Sightseeing in die deutsche Hauptstadt mitzubringen, sondern zwang ihn, indem es Aufenthalte nur im Hotel und auf dem Tennisplatz zuließ, zu einer Konzentration auf sich und seinen Sport, wie er sie sich lange nicht gegönnt hatte. Immerhin: Zur Vorbereitung auf Berlin war er für einige Wochen nach Florida geflogen, dorthin, wo er als Vierzehnjähriger einst im Camp des Trainers Nick Bollettieri die Grundlage für seine lange und schmerzensreiche Karriere legte. In Berlin lebte er bis Samstag als Boy in The Bubble.

          Eindrucksvolle Kulisse: Tommy Haas beim Turnier im früheren Berliner Flughafen Tempelhof
          Eindrucksvolle Kulisse: Tommy Haas beim Turnier im früheren Berliner Flughafen Tempelhof : Bild: Reuters

          Womöglich hat der Berliner Weg mit strenger Abschirmung und ganz, ganz wenigen Zuschauern – am Freitag saßen kaum mehr als hundert Besucher auf den Tribünen – nicht nur Haas geholfen bei seinem Comeback für drei Spiele, sondern erweist sich auch als Lösung für Profi-Tennis in Zeiten der Corona-Pandemie. Vielleicht werde er sich was abschauen von den Maßnahmen hier für das Turnier in Indian Wells, bei dem er Turnierdirektor ist, sagte Haas, eines der ersten Tennisturniere, das der Pandemie durch Absage zum Opfer fiel. Er sei sicher, dass auch die Veranstalter der US Open, die am 31. August in New York beginnen sollen, das Konzept genau studierten und daran arbeiteten, es von zwölf Spielerinnen und Spielern, wie in Berlin, auf 256 zu übertragen. „Irgendwann wird es dazu kommen“, sagte er, „dass man es ausprobieren muss.“

          Über den Umgang mit Virus und Krankheit gibt es, insbesondere in Amerika, verschiedene Meinungen, und diese sind noch dazu politisch aufgeladen. „Wir sitzen alle im selben Boot“, sagt dagegen Haas: „Für meine Eltern und für meine Großmutter wäre es vielleicht schrecklich, wenn sie’s kriegten. Das heißt: Wir müssen unseren Job machen und Abstand halten und tun, was die Experten sagen.“ Deutschland und Österreich seien Länder, in denen vorbildlich gearbeitet worden sei, sagt Haas. „Bei uns drüben ist es kritischer.“ Er wird gestärkt dorthin zurückfliegen.

          Kein Einsatz mehr in Berlin

          Tommy Haas muss auf das Spiel um Platz drei beim Tennis-Einladungsturnier in Berlin verzichten. Der 42 Jahre alte frühere Profi kann wegen einer Verletzung an der linken Wade am Sonntag nicht zum Match gegen den Spanier Roberto Bautista Agut antreten, wie die Organisatoren mitteilten. Für Haas springt der Hamburger Mischa Zverev ein. (dpa)

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