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Tennis-Tagebuch : Auf Geistersuche

  • -Aktualisiert am

Emotionale Berg- und Talfahrt: Andrea Petkovic in Frankfurt Bild: APN

Andrea Petkovic war bei der Pleite am vergangenen Wochenende gegen Frankreich die Spitzenkraft im deutschen Fed-Cup-Team. Die Darmstädterin schreibt im FAZ.NET-Tennis-Tagebuch über ihre Rolle als Nummer eins beim Duell in Frankfurt.

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          Es war interessant zu sehen, was ein Komplettausfall des Flugverkehrs für ein Chaos verbreiten kann. Und noch interessanter war es zu sehen, wie sehr mein Beruf von gerade diesem Flugverkehr abhängt. So saß ich denn hilflos in Barcelona vor dem Bildschirm meines Laptops und versuchte Satellitenbilder zu interpretieren. Aber es nutzte alles nichts. Nach ewigen Wartereien, gestresstem Personal und noch gestressteren gestrandeten Passagieren fand ich mich auf dem Sitz eines Busses wieder, der nach schnellen 22 Stunden Fahrt gemütlich am Frankfurter Flughafen einrollte.

          Die erste Fed-Cup-Woche seit meiner desaströsen Leistung in Tschechien stand an, und ich wollte es unbedingt besser machen, da kam ich auch schon einen knappen Tag zu spät an, völlig übermüdet, mit steifen Beinen - um zu erfahren, dass Sabine Lisicki, unsere Nummer eins im Team, im Fed Cup nicht starten konnte, weil sie immer noch an ihrer Sprunggelenksverletzung herumlaborierte. So war ich also die Nummer eins im Team. Abermals.

          Mit Skischuh oder auf Krücken

          Die Phantome aus Tschechien schienen aus den Erdspalten wieder emporzusteigen. Der Rest des Teams bestand aus Julia Görges, Tatjana Malek und Kristina Barrois. Teamchefin Barbara Rittner plus Maskottchen Sophie, ein Foxterrier, waren feste Größen in der Mannschaft, genauso wie Arzt Ulf Blecker, Physiotherapeutin Petra Winzenhöller, Konditionstrainer Mike Diehl und Co-Trainer Dirk Dier. Als Co-Co-Trainerin und Beraterin stand Anna-Lena Grönefeld dem Team während der ganzen Woche tapfer zur Seite, obwohl sie aufgrund eines Ermüdungsbruchs entweder mit Skischuh oder auf Krücken herumlief.

          Dass uns durchweg attraktive Fahrer ihre Dienste zur Verfügung stellten, machte die Sache ein wenig erträglicher. Als am Freitag auch noch Sabine Lisicki ebenfalls mit Skischuh und Krücken anreiste, war das Team zwar geistig komplett, aber es war schon bitter mit anzusehen, dass beide Mädels, die uns letztes Jahr den Aufstieg ermöglicht hatten, nun humpelnd hinter uns herliefen.

          Die Angst war von Tag zu Tag größer geworden

          Die erste Trainingseinheit am Dienstag war der Busfahrt entsprechend ein wenig steif, ich fühlte mich eckig und wusste nicht, ob ich bis zum Wochenende sandplatzreif sein würde. Doch im Laufe der Woche rannte ich die Steifheit aus meinen Gliedern, und von Tag zu Tag wurde das Training besser, meine Bewegungen wurden geschmeidiger, und die Vorfreude auf das Wochenende wuchs. Zum ersten Mal spürte ich den Unterschied zwischen der Gemütslage, in der ich mich in Tschechien befunden hatte, und meiner jetzigen, die aufgeregt war, aber auch freudig erregt.

          In Tschechien war die Angst von Tag zu Tag größer geworden, ich dachte nur noch daran, was passieren würde, wenn ich verliere - während ich in Frankfurt mit der Taktik beschäftigt war, die ich gegen die Französinnen zu spielen gedachte. Das einzige, was mich überhaupt störte, war das ständige Nasenbluten, das sich mindestens einmal am Tag bemerkbar machte.

          Jede durfte sich etwas wünschen - außer mir

          Ein wenig Aderlass scheint mir körperlich nicht geschadet zu haben. Dafür ärgerte es mich ungemein, dass ich beim teaminternen Tippspiel für die Champions League auf Lyon - die Franzosen! - setzte, die dann aber kläglich an den Bayern scheiterten. Kristina Barrois, unsere Fußballexpertin, hatte hier den richtigen Riecher und steckte die 70 Euro, über beide Ohren strahlend, ein. Zwar wollte sie am Ende des Wochenendes, wenn es einen glücklichen Ausgang geben sollte, alle auf ein Eis einladen - aber leider blieb uns das verwehrt.

          Auch die Wunschrunde, die wir sechs Mädels am Freitag vor dem ersten Spieltag veranstalteten, blieb unerhört. Wir saßen beim Abendessen zusammen, als sich Julia Görges über die zwei Zitronenscheiben in ihrem Wasser beschwerte. Ich schnappte mir beide und hielt sie vor die Gesichter der Mädels. Jede durfte sich etwas wünschen. Außer mir, dafür musste ich die Zitrone essen - samt Schale und ohne das Gesicht zu verziehen. Dann gehen, so heißt es, Wünsche in Erfüllung. Obwohl keiner verriet, was er sich wünschte, konnte man es an jedem Gesicht erahnen. Aber scheinbar hatte ich das Gesicht beim Kauen doch verzogen.

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