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Tennis-Star Djokovic : Mister Perfect kämpft gegen den Absturz

Zum Wegsehen: Novak Djokovic steckt in einer Formkrise Bild: AP

Nach 122 Wochen tritt Novak Djokovic erstmals nicht mehr als Nummer eins der Tennis-Welt an. Über die Gründe für die Formkrise wird heftig spekuliert. Beim ATP-Finale in London will der Serbe sie für nichtig erklären.

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          Als Novak Djokovic am frühen Abend des 5. Juni in Paris mit seinem Schläger ein riesiges rotes Herz in den roten Sand malte, da glaubte jeder zu wissen, wie diese Sache weitergehen würde. Der Serbe hatte gerade sein großes Ziel erreicht – mit dem Gewinn der French Open hatte er den Karriere-Grand-Slam vollbracht und jedes der vier großen Turniere in Melbourne, Paris, Wimbledon und New York mindestens einmal gewonnen. Als letztes Mosaikstückchen hatten ihm die French Open gefehlt, und nun schien auch noch Historischeres möglich – der echte Grand Slam, der Gewinn dieses Quartetts an Turnieren innerhalb eines Kalenderjahres.

          Peter Penders

          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Kein Kinderspiel natürlich – als bislang letztem Spieler der Tennisgeschichte war dies Rod Laver 1969 gelungen, aber es schien allemal wahrscheinlicher als das, was danach wirklich geschehen würde. Djokovic hatte unglaubliche 8000 Punkte Vorsprung in der Weltrangliste angehäuft, doch wenn er an diesem Sonntag (15 Uhr) beim Finalturnier der acht besten Tennisprofis des Jahres in London zu seinem ersten Gruppenspiel gegen den Österreicher Dominic Thiem antritt, dann tut er dies aus einer ungewohnten Position heraus. Der Mann, der das Herrentennis in den vergangenen Jahren dominiert hat, der dieses Saisonabschlussturnier seit 2012 viermal nacheinander gewonnen hat, ist „nur“ noch Weltranglistenzweiter. Nach 122 Wochen auf dem Tennisthron hat ihn der Schotte Andy Murray in der vergangenen Woche mit seinem Turniersieg in Paris als neuer Regent abgelöst.

          Nicht der erste Sportler in einer Formkrise

          Djokovic ist natürlich nicht der erste Sportler, der in eine Formkrise gerät, nachdem er sich seinen großen sportlichen Traum erfüllt hat, und trotzdem kommt diese Delle in seiner Karriere überraschend. Alles in seiner Laufbahn schien in den vergangenen Jahren bis ins kleinste Detail durchgeplant, und Mister Perfect hatte keine noch so kleine Lücke geduldet und den ganzen Ablauf immer wieder verbessert und angepasst. Dass er ihn ein Loch fallen würde, schien kaum denkbar - umso größer war die Überraschung. Kurz nach Paris schied Djokovic in Wimbledon früh aus, scheiterte danach bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro schon in der ersten Runde am späteren Silbermedaillengewinner Del Potro.

          Der neue hellste Stern am Tennis-Himmel: Andy Murray ist seit kurzem die Nummer eins der Welt

          Bei den US Open unterlag er im Finale gegen den Schweizer Stan Wawrinka und analysierte selbstkritisch: „Ich habe in den entscheidenden Momenten die Nerven verloren.“ Das Gegenteil war genau seine größte Stärke gewesen, und die folgenden Wochen zeigten, dass irgendetwas nicht mehr stimmte im System Djokovic. Gerüchte über familiäre Probleme machten die Runde und wurden dementiert, das mögliche Ende der Zusammenarbeit mit Trainer Boris Becker am Jahresende wurde kolportiert und nicht dementiert, mitunter leicht rätselhafte Äußerungen über seinen emotionalen Zustand nährten alle möglichen Spekulationen, die noch befeuert wurden, als der Serbe zum Turnier in Paris ohne seinen gewohnten Trainerstab, dafür aber mit Pepe Imaz an seiner Seite antrat - der Spanier gilt als esoterischer Trainerguru.

          Im gleichen Maße, wie Djokovic seit dem Sommer schwächelte, trumpfte Andy Murray auf, und mit jedem Punkt, den der Serbe in der Weltrangliste - die Resultate bleiben dort genau ein Jahr stehen und werden dann gelöscht - nicht verteidigen konnte, verkürzte der Schotte den Rückstand und zog schließlich vorbei. Murray gewann sieben Turniere, wurde wie 2012 Olympiasieger und ist ganz eindeutig der Spieler der zweiten Jahreshälfte - und trotzdem kann Djokovic nun in London alles wieder ins Lot bringen.

          Der Serbe liegt 405 Punkte hinter dem Schotten, allerdings muss er nur 130 Zähler aufholen, da Murray am Jahresende noch Punkte für den Triumph im Davis Cup 2015 abgezogen werden. Es gibt durch den Gruppenmodus des Turniers allerlei Rechenbeispiele, wer von den beiden am Jahresende vorne stehen könnte - am liebsten aber wäre der ATP aber natürlich, die Entscheidung fiele bei einem Finale Djokovic versus Murray. Der Sieger wäre dann auch Weltranglistenerster am Jahresende - und in den vergangenen vier Jahren war dies stets Novak Djokovic gewesen.

          „Es ist Zeit für Rock’n’Roll“ hatte der entthronte Tenniskönig in dieser Woche auf seiner Facebook-Seite gepostet, und bei seiner Ankunft in London machte er alles andere als einen zerknirschten Eindruck. „Ich habe immer noch viel Benzin im Tank und noch einige Jahre im Profitennis vor mir“, sagte er. Trotzdem wird die Tenniswelt genau hinschauen, ob er die Krise nicht nur verbal für beendet erklärt. Djokovic selbst will „dieses Finalturnier genießen“ und freut sich noch auf etwas ganz anderes: mit seinem Sohn im Hyde Park zu spielen.

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