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Tennis-Spielerin Sania Mirza : Botschafterin unter ständigem Verdacht

Nackter Fuß und Indiens Fahne: Dieses Bild bescherte Sania Mirza viel Ärger Bild: AFP

Sania Mirza ist in Indien ein Superstar. Der Druck, der auf ihr lastet, ist unmenschlich. Denn die 21 Jahre alte Tennis-Spielerin hat Probleme mit Ultra-Nationalisten. Nun droht ihr ein Verfahren wegen Verletzung der nationalen Ehre.

          „Tough“ müsse man sein, sagen die Tennisspieler, und wer wirklich tough sei, das erweise sich immer in den kritischen Situationen eines Endspiels. Dann ist nämlich diese mentale Stärke gefragt, die dafür sorgt, dass auch beim Matchball die Nerven nicht flattern, einem große Plätze und große Namen auf der anderen Seite des Netzes keine Angst einjagen und der Druck, der auf den Schultern lastet, nicht den Arm lähmt. Das zeichnet die Stars der Szene aus, die bei Grand-Slam-Veranstaltungen wie den Australian Open im Mittelpunkt stehen.

          Peter Penders

          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Sania Mirza gehört nicht zu den Topfavoriten, sie wird erst auf Platz 31 der Weltrangliste geführt. Käme sie nicht aus Indien, würde nirgends viel Aufhebens um sie gemacht. Aber die 21 Jahre alte Muslimin lebt in verschiedenen Welten, und sie hat sich die Sicht dafür trotz aller Begeisterung um ihre Person bewahrt. Wie sie mit dem Leben als Superstar umgehe, wurde sie in diesen Tagen in Melbourne gefragt, nachdem sie durch einen Dreisatzsieg über die Schweizerin Timea Bacsinszky die dritte Runde erreicht hatte. „Ich bin nur in Indien ein Superstar“, sagt sie.

          Sania Mirza: „Das ist alles ein Missverständnis“

          Der Druck, der momentan auf ihr lastet, ist allerdings enorm und sprengt den üblichen Rahmen der nervlichen Belastung um Spiel, Satz und Sieg. In der Heimat muss sie schließlich nicht nur wieder mit dieser grenzenlosen Begeisterung ihrer Landsleute rechnen, wegen der sie daheim keinen Schritt ohne mehrere Leibwächter machen kann. Das wäre zu ertragen, das ist sie gewohnt. Diesmal aber wartet in Hyderabad ein Gerichtsverfahren wegen Verletzung der nationalen Ehre, bei der ihr im schlechtesten Fall eine Haftstrafe von drei Jahren droht.

          „Ich bin nur in Indien ein Star” - meint Sania Mirza

          „Das ist alles ein Missverständnis. Ich liebe mein Land über alles“, sagt Sania Mirza. Ansonsten schweigt sie zu der Anklage, weil es das Verfahren so vorschreibt. In westlichen Ohren klingen die Vorwürfe wie ein schlechter Witz, in Indien sind sie eine ernste Angelegenheit. Beim Hopman Cup in Perth, einem Mixed-Mannschaftswettbewerb, hatte Sania Mirza nach ihrer Partie die nackten Füße in der Spielerbox hochgelegt und ihrem Mixed-Partner Rohan Bopanna bei dessen Einzeleinsatz zugesehen.

          Für viele Inder sind allein die Vorwürfe ein Skandal

          Ein Foto zeigt diese Szene, und ihre Füße scheinen dabei die vor ihr stehende indische Fahne zu berühren. Das aber würde eine extreme Ehrverletzung darstellen, und die in den Augen der Ultra-Nationalisten ohnehin ständig unter dem Verdacht stehende Tennisspielerin, sich nicht so zu geben, wie es sich für eine Muslimin gehört, wurde deshalb angezeigt.

          Beim ersten Verhandlungstag vor diesen Australian Open erbat sich das Gericht das Original, um zu prüfen, ob das Foto etwa nachbearbeitet wurde oder ob möglicherweise die Perspektive einfach nicht stimme und die Fahne viel weiter von ihren Füßen entfernt stand, als die Aufnahme suggeriere. Für viele Inder sind allein die Vorwürfe schon ein Skandal. Mirzas Manager Mahesh Bupathi belegte mit guten Argumenten, dass seine Spielerin ihr Land über alles liebe: „Sie hätte gleichzeitig eine sechsstellige Antrittssumme für ein Turnier bekommen können, hat aber stattdessen kostenlos für ihr Land gespielt.“

          „Alles, was ich sage, wird auf die Goldwaage gelegt“

          Die indischen Tageszeitungen werden derweil mit Leserbriefen überhäuft, in denen vor allem in den Beiträgen der im Ausland lebenden Inder der Vorfall gegeißelt und die weltweite Rolle der Tennisspielerin herausgestellt wird. „Sie ist die beste Botschafterin, die unser Land haben könnte“, heißt es immer wieder, „sie steht für das moderne Indien.“

          Diese Position aber ist nicht nur von Vorteil für Sania Mirza, die als selbstbewusste junge Frau dem westlichen Ausland tatsächlich ein anderes Bild einer jungen Muslimin bietet. Dass sie zu Beginn ihrer Karriere mit einer Fatwa belegt wurde, weil sie in ärmellosen Hemden oder kurzen Röcken und nicht in langen Hosen und bedeckten Armen spielte, ist allerdings längst kein Thema mehr, weil diese „unwürdige“ Bekleidung mittlerweile als berufsbedingt weitgehend akzeptiert ist. „Aber alles, was ich sage oder tue, wird auf die Goldwaage gelegt“, sagt Sania Mirza, die aber manchmal erstaunlich sorglos mit den Gewohnheiten in ihrer Heimat umgeht.

          Strohpuppen mit Mirzas Gesicht in Indien verbrannt

          Auch vor den Australian Open im vergangenen Jahr hatte sie daheim für Aufregung gesorgt, als sie sich in einem Interview offenbar nicht ausdrücklich gegen Sex vor der Ehe ausgesprochen und sich auf die Seite der umstrittenen Schauspielerin Khushboo gestellt hatte, die für Verhütungsmittel eingetreten war. Daraufhin wurden auf indischen Straßen Strohpuppen mit den Gesichtern beider Frauen verbrannt.

          Die Unruhe nahm erst ab, als die Tennisspielerin mitteilen ließ, dass sie vorehelichen Geschlechtsverkehr in keiner Weise rechtfertige, weil er im Islam eine Sünde darstelle. Kurz vor der Fahnenaffäre hatte sie sich abermals in einem öffentlichen Brief beim hochrangigsten Religionsführer entschuldigen müssen.

          „Ich dachte, die Agentur hätte sich darum gekümmert“

          Für einen Werbespot war sie ausgerechnet in der größten Moschee in ihrer Heimatstadt Hyderabad - eine Hochburg islamischer Fundamentalisten - fotografiert worden, ohne die Erlaubnis zu haben. „Ich dachte, die Agentur hätte sich darum gekümmert“, beteuerte sie.

          All das zusammen ergibt ein Klima, in dem es kaum möglich scheint, sich auf dem Tennisplatz konzentrieren zu können. Sie habe zuletzt auch kurz darüber nachgedacht, zurückzutreten, sagte Sania Mirza in Melbourne. Den Gedanken hat sie verworfen, und am Freitag wird Indiens populärste Sportlerin für Einschaltrekorde in der Heimat sorgen. Sie trifft auf die Wimbledonsiegerin Venus Williams. „Darauf konzentriere ich mich, alles andere muss ich ausblenden“, sagt Sania Mirza. Venus Williams muss mit einer „toughen“ Gegnerin rechnen.

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